Begegnung mit dem Teufel

von Annelie Kelch
Mitglied

„Hier hockst du also, kleiner Teufel“, sagte ich,
als ich am Eingang der Marienkirche vor ihm stand.
Ein jeder, der dort angekommen, hätte ihn erkannt:
am Pferdefuß und an den Hörnern: noch recht mickrig;
die Ähnlichkeit mit Hominiden war indes frappant.

Er wurde arg gelinkt dereinst vor Jahr und Tagen,
als er zu Diensten stand und half, die Kirche aufzubaun.
Ein Wirtshaus sollt' es werden, so tat man ihm sagen.
Das Teufelchen half eifrig mit - ganz im Vertraun.

Doch bald, es fehlte lediglich der hohe Glockenturm,
ward diese Täuschung aufgedeckt und rundum sichtbar.
Der Teufel wurde wild und raste wie ein böser Sturm,
schnappte sich einen Stein und wollt ihn schleudern -
gar hasserfüllt auf die Marienkirche und auf den Altar.

Ein munterer Geselle rief im letzten Augenblick:
He, Teufel, wartet, hört mich an und haltet ein:
Wir bauen nebenan ein Wirtshaus, dort gibt es auch Wein ...
und diesmal war 's die Wahrheit und kein fauler Trick.

Des Teufels Teufelsherz schlug wie ein Hammer laut;
er dachte mit Entzücken an verlorene Seelen
und wollte sich nicht länger mit der Last rumquälen:
Ließ an der Mauer fallen den gigantisch großen Stein.
Der blieb dort nah dem dunklen hohen Eingang liegen.
Und obendrauf könnt ihr den Teufel sitzen sehen;
Gesellschaft leisten ihm possierlich manche Fliegen.

Deshalb findet manch hungrig-durstiger Tourist
die Ratsweinkellerei gleich nebenan, dort gibt es Wein.
Und wenn du fit und aufmerksamer als die and'ren bist,
erkennst du noch die Teufelskralle dort im Stein.

Der Teufel vor der Marienkirche zu Lübeck; Foto: Annelie Kelch
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Interne Verweise

Kommentare

22. Mai 2017

Bertha Krause hat sofort gestutzt:
"Den kenn ick! Oma hat bei dem jeputzt!"

LG Axel

22. Mai 2017

Die Bertha damals nicht im Teufel steckte -
der hätte sonst gewiss den Stein geschmissen.
Jetzt hockt der Teufel in der Bertha -
weil: Sie verlangt fürs Nichtstun 100 Euro -
und hat dabei, wie 's scheint, auch noch ein gut' Gewissen.

LG Annelie

22. Mai 2017

Das Berthaken schloss mit dem Teufel einen Pakt;
sie ist die einzige, die das bisher gewagt.
Der Teufel reicht ihr leider nur bis grade übers Knie:
Ein Liebespaar werden die beiden deshalb nie.
Aus diesem Grund muss Berthaken wohl immer traurig sein.
Der Teufel freut sich, wenn ich darob manchmal wein.

LG Annelie

22. Mai 2017

Das ist der Goebbels, der aus Rheydt,
sein Pferdefuß nicht zu erkennen.
Davon zu sprechen, ich vermeid,
sonst würden alle Dichter rennen.

22. Mai 2017

Lieber Alfred,
für sein körperliches Gebrechen konnte er ja nichts ... aber sonst hast du recht: Der renommierte britische Historiker Peter Longerich legte eine Biografie vor, in der er Figur und Mythos des Propagandaministers penibel auseinandernimmt. Goebbels Fanatismus trug maßgeblich zu den Verbrechen im Dritten Reich bei, so Longerich in seiner 900 Seiten dicken Abhandlung. Schwer narzisstisch gestört, sei er total abhängig von der Anerkennung seines Führers gewesen, dem er immer neu die Massen zu Füßen liegend präsentierte. Wo sie nicht kamen, wurden sie herbeigeschafft. Die Bespiegelung als allmächtiger Propagandist ließ Goebbels sich liefern, sein Ministerium gab die Zeitungsberichte in Auftrag. Die Ermordung seiner sechs Kinder, den eigenen Selbstmord und jenen seiner Frau inszenierte Goebbels als finales Propagandastück in eigener Sache. Deutschland brauche Vorbilder, schrieb er. Wahrlich teuflisch! - Aus: Joseph Goebbels, der letzte Fanatiker. Bericht aus "profil", Österreich.
LG Annelie

22. Mai 2017

ER war tatsächlich der Teufel in Menschengstalt!. ER stammte aus einem sehr christlichen Haus, und den Eltern wäre es lieb gewesen, wenn ihr "Josph" Priester geworden wäre. Die katholische Christenheit hat uns davor bewahrt!

22. Mai 2017

Dieses Teufelchen und vor allem dein Gedicht gefällt mir sehr. Die Brüder Grimm haben über die älteste Frankfurter Brücke, die Alte Brücke, eine Sage aufgeschrieben, die zu deinem Teufelchen passt. Als die Brücke erbaut wurde, konnte der Baumeister den Übergabetermin nicht einhalten, zu wenig Zeit. Er rief den Teufel um Hilfe, der vollendete die Brücke im Nu, dafür sollte das erste lebendige Wesen, das die Brücke bei der Einweihung überschreitet, dem Teufel gehören. Das wäre normaler Weise der Architekt selber gewesen. Als nun der erste Morgen anbrach, kam der Baumeister und trieb einen Hahn über die Brücke vor sich her und überlieferte ihn dem Teufel. Dieser aber hatte eine menschliche Seele gewollt, und wie er sich also betrogen sah, packte er zornig den Hahn, zerriß ihn und warf ihn durch die Brücke, wovon die zwei Löcher entstanden sind, die bis auf den heutigen Tag "nicht können zugemauert werden".
Liebe Grüße, Marie

22. Mai 2017

Danke, liebe Marie, für diese Super-Sage. Ist es tatsächlich so, dass diese "Löcher" nicht zugemauert werden können? Hast du sie mit eigenen Augen gesehen. Ist es schon einmal probiert worden? All das interessiert mich ...

Liebe Grüße,
Annelie

22. Mai 2017

Liebe Annelie,
das Teufelchen mit seinen glänzenden goldenen Hörnern habe ich im letzten Jahr gesehen, als ich in Lübeck auf dem Weihnachtsmarkt gesehen. Er hat mich zu meinen 'Gedanken zur Weihnacht' inspiriert.
Seine Geschichte kannte ich nicht, aber jetzt kann ich mir seinen weinseligen Gesichtsausdruck erklären:-D
LG Sigrid

23. Mai 2017

Danke, liebe Sigrid, für deinen Kommentar. Falls ich heute noch dazu komme, werde ich deine "Gedanken zur Weihnacht" nachlesen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du teuflische Gedanken hast - und deshalb bin ich sehr gespannt.

Liebe Grüße,
Annelie

23. Mai 2017

Wer ist hier mit
dem Teufel im
Bunde und da
stellt sich doch
die Frage, gibt
es einen guten
und/oder bösen
Teufel ???
Ich kann es nicht
sagen.
Gruß, Volker

23. Mai 2017

Hallo, Volker, ich glaube eher nicht, dass es einen Teufel gibt. Vielleicht haben die Menschen früher misslungene Werke auf den Teufel abgewälzt. Es gab ganz früher, ich war vielleicht drei Jahre alt, einen Mann in unserer Nachbarschaft, den ich für den Teufel hielt. Ich träumte, er säße auf einem Brunnenrand, habe mich zu sich hingelockt und in den Brunnen geworfen. Darin saßen lauter kleine Teufelchen, die sich gegenseitig mit Hölzern auf die Köpfe schlugen. Das brachte denen ganz offensichtlich Spaß. Ich sollte mitmachen, aber ich wollte nicht - um keinen Preis. Deshalb musste ich schleunigst wieder nach oben. Gott sei Dank. Es war ein schlimmer Albtraum, aus diesem Grunde weiß ich ihn noch. Man könnte ihn dahingehend deuten, dass ich nicht die geringste Lust dazu hatte/habe, mich in dieser Art und Weise mit anderen Menschen auseinanderzusetzen - und dass ich Auseinandersetzungen - rein verbal - , die nicht gerade friedlich verliefen, irgendwo mitbekommen und mir viele Gedanken darüber
gemacht habe - die Folge davon war dieser Traum.

LG Annelie