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Ode an Selma

Bild von Annelie Kelch
Bibliothek

Damals – ach, schon so lange her:
die niedrigen alten Häuser,
Katen - mit Strohdächern
an der Deichchaussee - und erst im Schnee!
sah das einsam und malerisch aus!

Dahinter: Felder – mit Weiß- und Rotkohl,
Kartoffeln, Stück zwei Groschen das Pfund.
Geringer Verdienst für die ganze Arbeit:
das Pflanzen, Unkraut jäten, Ausgraben -
und dazu immer die weiten Wege:

Selma: „... muss ich erst noch schneiden, draußen auf dem Feld,
dauert 'ne Weile, Kleine.“
Ich: „Keine Eile, hab' Zeit, Mutter kann warten.“

Und dann die beiden Alten, die Eltern von Klaus:
weiße Gesichter hinter geduckten Fensterscheiben,
zwei Gespenster, die mich begleiteten auf dem Schulweg
fast jeden Morgen (dachte immer, sie seien gestorben
- über Nacht -, wenn sie mal nicht dort hockten).
Die hatte Selma auch noch zu umsorgen.

Und dito die Kühe hinterm Deich – Alice, Hilde, Rhea …
mussten gemelkt werden – und winters im warmen engen Stall
oder in der großen Diele stand oft eine Kuh, fast vor dem
Wohnzimmer – das fand ich toll!

Zwei Groschen legte ich meistens ins Selmas schwielige,
raue Arbeiterhand. Zwei Groschen: für einen riesigen
Kopf Weißkohl – fast geschenkt, happy hour.

Und dann starb Klaus, ihr Mann, noch jung, keine fünfzig
(hatte immer einen netten, lockeren Spruch drauf für das
schüchterne kleine Mädchen, das Weißkohl und Suppengrün
verlangte), starb auf dem Behandlungsstuhl eines Zahnarztes
nach der Betäubungsspritze, sei herzkrank gewesen, sagten
die Leute. Und Selma stand nun allein da mit der vielen Arbeit,
den beiden Kindern, den zwei alten Gespenstern vorm Fenster.

Selma – alle hatten Mitleid: so eine tapfere, fleißige Frau
und die beiden Mädchen – immer so hübsch gekleidet.
Aber schon bald – paar Monate später, fand sich ein Mann
(ein guter, fleißiger, treuer, tüchtiger, sagten die Leute; ich mochte den Klaus lieber),
fand sich also ein Mann für Selma, half ihr, das Päckchen zu tragen.

Einmal zählte ich Selma 50 statt 20 Pfennige in die Hand und rannte weg, bevor sie mir das Wechselgeld geben konnte.

„Der Weißkohl ist teurer geworden“, sagte ich zu Hause. „Das wurde ja wohl auch langsam mal Zeit.“ - Niemand hat protestiert.

Am nächsten Tag traf ich sie – war auf dem Weg in die Schule, sie wollte übern Deich: Kühe melken.

Lächelte mich an – zum ersten Mal, seit wir uns kannten, die Selma, war sonst immer sehr ernst,
hatte kein leichtes Leben dort in der kleinen Hütte mit den beiden alten Gespenstern,
tratschte nie, die Selma, war fleißig, genügsam, hilfsbereit, nie überkandidelt.

Ich mochte sie - sehr; werde nie vergessen, wie sie aussah; gut und vernünftig.

Selma ...