Bomben-Frühling

von Annelie Kelch
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Über lichtzarte Pusteblumen, die
durch dunkle Tage schweben,
gießt sich die Regenrinne des Aprils.
Ich möchte mir ein Seidenkleid
aus veilchenblauen Sternen weben ...
und weiß doch längst: Die Sonne legt
sich auch auf Dornen und auf Filz.

Deichoben drängen sich die Kühe
an den Stacheldraht; eine rot-bunte
trägt im Maul die kleine Gänseblume.
Auf alter, winterwunder Heimatkrume
schon seit ewig harrt: eine versprengte Bombe
wie in einem ungewollten Brautgemach.

Noch jagt der morgenfrische Wind
den regnerischen Wolken nach.
Wenn mich, erweckt zum Leben von den
feierlichen Bäumen – viel tausend Schatten
liebevoll umstellen, möcht einen neuen
Frühlingsmonat ich erfinden: Mohn.
In meinem Herzen züngeln Flammen schon:
die Feuer wunderschöner Blütengärten ...
als würden nicht auch Kriege Frühlinge verhärten.

Als würden nicht die Toten jener Kriege schwerer wiegen
denn alle Sonnenblumen dieser wehen Welt ...
Wir reden selten von Vergänglichkeit ...
Wir nehmen meistens hin, was uns hier nicht gefällt:
Die Schattenberge, dahin unsere Stunden fliehen …
Und Jahre, fruchtlos, die wie Wolken weiterziehen.

Copyright: Annelie Kelch, Foto: pixabay
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Kommentare

11. Apr 2018

Dank, lieber Axel, Dir, für Deinen Kommentar,
der wohlwollend und freundlich war.

LG Annelie

11. Apr 2018

Dein Gedicht hat Tiefgang, besingt nicht nur den Lenz,
stimmt mich nachdenklich, gefällt mir sehr, besonders:
"und Jahre, fruchtlos, die wie Wolken weiterziehen".

Liebe Grüße - Marie

11. Apr 2018

Danke, liebe Marie, für Deinen Kommentar.
Ja, man möchte seine Tage, seine Jahre füllen mit allem,
was anderen und einem selbst guttäte. Aber vielleicht
reicht es ja schon aus, seine Tage und Stunden mit Frieden
zu füllen und einfach das zu tun, wozu und was man zu
leisten imstande ist ... ohne großes und lautes Aufheben
davon zu machen.

Liebe Grüße zu Dir,
Annelie

11. Apr 2018

Pusteblume,Bombe,
die Toten jener Kriege ...
da stellen sich bei mir
spontan Assoziationen zu
Wolfgang Borchert ein . . .
Du hast ein sehr poetisches
Gedicht geschrieben.Glückwunsch !
ulli

11. Apr 2018

Danke, lieber Ulli. Deine Assoziation zu W. Borchert ist sehr
schmeichelhaft und freut mich ungemein; aber ich scheue
selbstverständlich jeden Vergleich, weil Borchert eben auch
berechtigter war als ich, über den Krieg zu schreiben; er, der doch an
den Folgen des letzten Weltkrieges seelisch und auch körperlich
zugrunde gegangen ist (übrigens mein Lieblingsautor).

Liebe Grüße,
Annelie

11. Apr 2018

Ich habe meine Abiturarbeit (Jahresarbeit ) 1970 über ihn geschrieben.Seine Kurzgeschichten finde ich noch
heute über alle Maßen beeindruckend.
LG
ulli

12. Apr 2018

Mir geht es ähnlich. Ich lese nach wie vor und oft in seinem Gesamtwerk.
Er ist bereits seit mehr als 50 Jahren mein "favourite"-Autor und ich kenne
jedwede Sekundärliteratur über ihn.

LG Annelie

12. Apr 2018

Dein Bomben-Frühling hat Tiefgang und stimmt mich leicht traurig, liebe Annelie ...

Liebe Grüße
Soléa

12. Apr 2018

Oh, liebe Soléa ... Das habe ich nicht beabsichtigt. Aber auch im Frühling
finden Kriege statt. Und unser Leben geht viel zu schnell vorüber, und wir -
kosten es wahrscheinlich nicht in vollen Zügen aus (was nichts mit
Amüsement zu tun hat). Nun sei nicht mehr traurig und mach Dir einen
schönen Abend.

Liebe Grüße,
Annelie

13. Apr 2018

Erst jetzt gelesen, kann ich mich den Kommentaren nur noch anschließen, insbesondere bezüglich Borchert: Die Gleichzeitigkeit des im eigentlichen Ungleichzeitigen ist es wohl, die dieses Gedicht so eindrücklich tiefgründig nachgehen und -klingen lässt, wie einen guten Wein im Abgang...

LG

Yvonne

13. Apr 2018

Liebe Yvonne, dann bin ich beruhigt. Dann hast Du dieses Gedicht auch ein wenig genossen.

Liebe Grüße,
Annelie