Gute Nacht?

von Kurt Tucholsky
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Von Theobald Tiger
(Anmerkung Redaktion: Pdeudonym von Kurt Tucholsky)

Gute Nacht, mein Bürger, eiapopei!
Dreh dich nur wieder herum!
Die Wahlen sind nun glücklich vorbei,
vorbei das Spektakulum.
Sie blasen dir schon eine Nachtmusik:
Und willst du glücklich sein,
kümmer dich nie mehr um Politik!
Gute Nacht, mein Kind, schlaf ein!

Sieh, das Blättchen hat sich gewandt,
zum erstenmal zeigest du Kraft;
dein eigener Wille regiert das Land,
deine eigene Vertreterschaft.
Vertrau ihr! Mit jenem General
fielst du zwar mächtig rein.
Aber vertraue nur noch einmal –
und schlaf nie wieder ein!

Draußen klagt der politische Wind.
Du liegst in der Wiege und lutschst.
Du bist mein artiges, mein deutsches Kind,
so brav, weil du selten putschst.
Es riß im November dir die Geduld.
Das soll dir vergeben sein.
Lauf nicht wieder in den Tumult –
Schlafe, mein Kind, schlaf ein!

Kind, ich habe nur Spaß gemacht.
Ich sitze an deiner Wiege
die lange, finstere, deutsche Nacht …
Was wird nach dem Wählersiege?
Es dämmert. Ist das nun Untergang?
oder Morgenschein?
Die Weltgeschichte geht ihren Gang –
Schläfst du wieder ein?

Veröffentlicht / Quelle: 
Ulk Jahrgang 48. Nummer 5. Seite 14; 31. Januar 1919; Rudolf Mosse-Verlag Berlin

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