Die kleine Puppe

von Kurt Tucholsky
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Von Theobald Tiger
(Anmerkung Redaktion: Pseudonym von Kurt Tucholsky)

Im Modenhaus des Nachts. Aus der Vitrine,
am Eingang links, steigt auf gespensterhaft
ein schwarzer Pupperich mit bleicher Miene,
stelzt zu der Puppenmaid in weißem Taft,
lüpft den Zylinder, hüstelt in die Hand sich …
„Madame –“, sagt er.
Allein die Puppe sprach:
„Mein Herr! Ich koste sechzig Mark und zwanzig!
’s steht hinten drauf! da sehen Sie nur nach!“

„Gnädige Frau!“ sagt er. „Ich bin begeistert.
Sie sind so duftig, weiß und weich und zart.
Mich hat man etwas hager hingekleistert –
Jedoch mein Tanzbein ist von seltener Art.
Es geigt der Wind ums Haus … Den Foxtrott tanz ich
wie’n Bar-Baron!“
Allein die Puppe sprach:
„Mein Herr! Ich koste sechzig Mark und zwanzig!
’s steht hinten drauf! da sehen Sie nur nach!“

„Gnädige Frau!“ sagt er. „Im Menschenleben
ist dies nicht immer so hübsch zweifellos.
Es soll da, hört ich, manche Damen geben,
bei denen ist der Kostenpunkt dubios.
Ich habe sechzig Mark, jedoch es sind sich
keine Groschen plus.“ Die kleine Puppe sprach:
„Mein Herr! Ich koste sechzig Mark und zwanzig!
’s steht hinten drauf! da sehen Sie nur nach!

Wir sind hier nicht im lauschigen Liebesgarten,“
so sagt sie und hat zierlich sich verneigt,
„heut muß man klug sein und geduldig warten,
bis unser Warenpreis noch weiter steigt.
Ich habe Zeit. – Kein Speck wird heut mehr ranzig.
Vielleicht naht bald ein Jüngelingverband sich
und kauft mich auf. Ich hab das lieber so.
Ich steige noch einmal bis hundertzwanzig!
Grüß Gott –!
Auf Wiedersehn am Ultimo!“

Veröffentlicht / Quelle: 
Ulk Jahrgang 48. Nummer 14. Seite 46; 4. April 1919; Rudolf Mosse-Verlag

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