Januar-Gedicht 2020 der Künstlergruppe 14 Zoll: „Aus dem Schatzkästchen“

von Axel C. Englert
Mitglied, Moderator

Aggregatzustände von Glück
 
Ein luftig-leichter Frühlingstag nach einem viel zu kalten, viel zu langen, viel zu grauen Winter. Der Mantel steht offen, Schal und Mütze sind zuhause geblieben, die Luft riecht so ... so ... prickelnd! Und die Seele nimmt Anlauf und katapultiert sich zu den schemenhaften Wölkchenschleiern, die das tiefe, tiefe Blau des Himmels nicht länger verstecken können. Diese leichte Luft! Und wie die Vögel jubilieren!!
 
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Ein Eisbecher mit einer dicken Sahnehaube und frischen Früchten der Saison an einem frühen Sommertag. Die Tische stehen draußen im Schatten, nur am Nachbartisch sitzt ein Pärchen mit zwei „Café au Lait“.
Das große Gedrängel schiebt sich an dieser kleinen Seitenstraße vorbei. Wenn ich die Augen schließe, könnte ich meinen, ich sei in Italien irgendwo. Alles Laute brandet vorbei, ich lege den Kopf in den Nacken, schließe die Augen und höre dem Getschilpe der frechen Spatzenbande zu.
Eine Zeitinsel im Hektikmeer.
 
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Das letzte Wort ist geschrieben. Die Klausur MUSS einfach gut geworden sein. Was heißt gut – brillant!
Endlich! Das dumpfe Lernen, Lesen, Überarbeiten der letzten Zeit, das Recherchieren, Googeln, die vielen verworfen Ansätze, die Angst, etwas falsch zu machen, zu vergessen, der fehlende Schlaf, alle Sorgen: vorbei!
Und eigentlich war es dann doch ganz leicht! Und wo waren sie denn, die Probleme, die wie ein Berg vor mir standen? Es flutschte nur so. Ich bin 20 Kilo leichter, jetzt, wo ich wieder durchatmen kann.
Gut, dass ich es endlich angepackt habe, endlich habe ich meinen inneren Schweinehund überwunden. Jetzt will ich erst mal an gar nichts mehr denken, einfach nur durchatmen.
Ja! Jaaa!!! Leben – ich komme! Ich bin ein Sieger und FREI!
 
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Er hat mich angesehen. RICHTIG, meine ich, nicht nur so flüchtig gestreift.
Seine Augen sind an meinen hängen geblieben. Sein Blick hat meinen eingefangen. Oder ich seinen? Ich habe es gesehen, dieses leichte Kräuseln der Mundwinkel, und ich kann SCHWÖREN, dass seine Pupillen größer geworden sind, dunkler. Er hat mich gesehen –und das Kribbeln zwischen uns, das war DA!
Ja! Auf alle Fälle! Das wird was, die Stromleitung steht ... Kann Leben schöner sein? Es ist so spannend!
 
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Der Schmerz lässt nach und die Spannung im Raum ist plötzlich weg. Ich genieße es, nicht mehr gefordert zu werden.
Ein Baby weint. Ganz entfernt. Die Hebamme sagt: „Das ist Ihres!" „Meines?" „Ja! Hören Sie? Das ist Ihr Baby und es ist ganz gesund!" „MEIN Kind?"
Alle Anspannung löst sich in einem explosionsartigen Lachen im Kreißsaal, breit lächelnde, zufriedene Gesichter ringsum und die Hebamme strahlt: „Nein, meines, ich nehme es mit nach Hause!" Sie drückt mir ein Bündel in den Arm.
MEIN Kind – und es ist gesund!
 
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Es ist so kalt. Alles, was ich habe, reicht nicht aus, mich zu wärmen. Ich habe mir Pappe untergelegt und einen leeren Umzugskarton aufgefaltet über mir, ich habe mir Zeitungen unter den Pullover geschoben, aber es ist kalt. Ich weiß nicht, ob ich diese Nacht noch überstehe. In der Einkaufspassage haben sie mich weggejagt, da war es wenigstens windgeschützt. Und alle anderen guten Plätze sind belegt. Es ist so fürchterlich kalt! Ich bin schon wie gelähmt, kann nicht einmal mehr zittern. Egal. Hauptsache, ich kann schlafen.
Da kommt wer. Zwei sind es. Was wollen die von mir? Zwei Engel müssen es sein. Sie haben heißen Kaffee für mich, MIT Milch UND Zucker, ein belegtes Brötchen und einen Teller dampfend heiße Kartoffelsuppe!
Ja klar, hätte ich gerne einen Schlafsack! Ob ich noch was brauche? O Mann! Und eine warme Mütze haben sie auch noch für mich!
Es MÜSSEN zwei Engel sein!
 
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Mama nervt!
„Lass liegen!", „Nein, das kaufen wir nicht!", „Lena, was hab ich gesagt! Bring das soofort zurück!", „Hör endlich auf zu quengeln, wir müssen uns beeilen!", „Nein, jetzt wird nicht gespielt! Guck mal, wie lang die Schlange an der Kasse ist!", „Lena, komm jetzt, verdammt nochmal! Wir haben noch was vor heute!" Dann hat sie mich in den Kindersitz verfrachtet, meine Wange gestreichelt und „Entschuldige, Lena, dass ich so geschimpft habe" gesagt.
Und hinter ihrem Rücken zaubert sie einen bunten Lutscher hervor!
Mama hat mich lieb ...
 
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Du hast mir mein Leben gegeben. Und du hast reichlich ausgeschenkt. Du weißt selber, dass das meistens nur Katzengold war, wenn es in meinem Leben geglänzt hat. Immer wieder hat es sich zu einem „Ja – aber“ entpuppt.
Trotzdem habe ich die Hoffnung nie aufgegeben und immer daran geglaubt, dass du Gebete erhörst. Früher oder später.
Gott, ich weiß ja, dass du es nie böse gemeint hast mit mir. Im Gegenteil, wie oft habe ich erlebt, dass du mich getragen hast durch die Scheiße, die ich mir selber angerührt habe.
Und gerade, als ich dachte, jetzt kann nichts Gutes mehr kommen, hast du mir meinen größten Wunsch ans Leben erfüllt: Einmal die große Liebe zu erleben, einmal im Leben!
Dazu hast du mich vor einem Jahr davon abgebracht, mich vor den Zug zu werfen; die Stelle hatte ich mir schon ausgesucht.
Du wusstest, was ich noch nicht wusste, dass die Krankheit schon im ganzen Körper wuchert, aber du wolltest mir meinen Lebenswunsch noch erfüllen. Darum hast du mich damals im letzten Moment davon abgebracht und es mich ein letztes Mal noch versuchen lassen. Und mir Elfie über den Weg geschickt, Elfie, wie der Name schon sagt, bevor meine Zeit endgültig abgelaufen sein würde. Du hast meine Frist noch einmal verlängert.
Inzwischen habe ich mich damit abgefunden, dass du mich zu dir holst. Ich habe meinen Frieden gemacht mit dir.
Aber, Gott, du sollst wissen, dass ich in der vollen Liebe sterbe!
 
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Draußen rinnt der Regen. Alles ist so traurig. Und so still.
Der Postbote ist wieder vorbeigegangen, nicht mal eine Reklame hat er für mich gehabt. Die Inge führt ihren Pudel Gassi. Da! Sie tut wieder so, als wenn sie das aufsammelt, was er abgelegt hat. Dabei bückt sie sich nur, lässt aber alles liegen. Und der nächste Parkende macht direkt vom Auto aus Bekanntschaft mit der Tretmine.
Drei Familien im Haus sind in Urlaub. Alles wie ausgestorben. Und diese Stille. Warum soll ich morgens überhaupt aufstehen ...
Ist schon Zeit für Mittagessen? Nein, noch zu früh ... Was mache ich mir denn heute? Ach, ein paar Bohnen aus der Dose und ein Rührei, das wird schon reichen.
Telefon? Ja! Moment! Ich komme!
„Peter?

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