Der Bettler

von Hans Werner
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Der Bettler

In einer Straße unsrer Stadt,
in der man viel zu sehen hat,
seh ich den armen Bettler stehn,
um eine milde Gabe flehn.

Und trübe schaut sein Bettlerblick
verkündet mir sein Missgeschick.
Sein Mund ist rissig, die Augen grau,
so dürr der Leib, sein Magen flau.

Ich hole meine Börse raus
und leere sie vor ihm ganz aus,
zu meinem Staunen er da spricht,
dein Geld, o Mann, begehr ich nicht.

Was willst du, frage ich ihn dann,
du bist doch wohl ein armer Mann,
und diesem hilft man doch mit Geld,
so ist es auf der ganzen Welt.

Wohl bin ich arm, da hast du recht,
woran mir mangelt, siehst du schlecht,
mein Herz ist leer, ich hab kein Ziel,
hab keine Hoffnung, kein Gefühl.

Du siehst, mein Innres ist so leer,
darunter, Freund, leid ich so sehr,
zum Weiterleben brauch ich Sinn,
das ist’s, wonach ich durstig bin.

Da fasse ich ihn bei der Hand
und führe ihn zum Gartenland,
das nach dem langen Regenguss
dringend gejätet werden muss.

Nun schau dich um in der Natur,
hier findest du die rechte Spur,
bescheide dich mit diesem Tun
und jäte ohne auszuruhn.

Und sieh, auf dieser alten Bank,
da sitzt mein Kind, seit Jahren krank,
von Kinderlähmung ewig lahm
und seelenkrank in diesem Gram.

Und hier sind Bretter groß an Zahl
und Beil und Säge auch zumal,
dort hinten steht ein hoher Baum,
nach ihm fliegt meines Kindes Traum.

Ein Baumhaus zimmre meinem Kind,
da oben, wo die Vögel sind,
und mach es fest und ganz stabil,
das ist es, was ich von dir will.

Nun fragst du wohl nach deinem Lohn,
gedulde dich, ich sag’s dir schon,
hast du dies alles erst vollbracht
und ist das Haus gut überdacht,

dann bringen wir das Kind geschwind
dahin, wo Vogelnester sind,
und öffnen ihm von seinem Haus
den freien Blick zur Welt hinaus.

Erlebe du des Kindes Freud,
dann schwindet auch dein eignes Leid,
wir essen Speck und trinken Most
und sagen zueinander „Prost“.

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