Mein Nachbar Herr Dünnreich und sein Zehennagel

von Corinna Herntier
Mitglied

Gemütlich sitz ich beim Kaffee,
als Dünnreich klingelt – Ach, oh weh!
Nur ungern lass‘ ich ihn herein,
er stört mich gerade ungemein.
Herr Dünnreich wartet – tief gebückt,
und scheint sehr ernst und nicht beglückt.
Ich frag ihn freundlich, was ihm fehle?
Er stöhnt, dass er sich grausam quäle!
Sogleich schaut er noch finstrer drein
und klagt mit Jammern und mit Schrein
mir lang und breit sein arges Weh:
Es schmerzt so sehr der große Zeh!
Der linke ist’s – macht üble Faxen:
Dort ist der Nagel eingewachsen!
Zur Fußpflege(!)- heißt schnell mein Rat.
Doch er gleich was dagegen hat:
Die Kosten! Ist doch viel zu teuer!
Und ihm ist sowas nicht geheuer!
Ob er sich kurz mal setzen darf?
Der Schmerz im Zeh sei stechend scharf!
Schon sitzt Herr Dünnreich mit Verdruss
bei mir – weil er ja sitzen muss.
Mein Blick ruht still auf seinem Zeh
- mir fehlt die passende Idee …
Da bittet er - ohne Genieren(!),
MICH(!), an ihm rum zu operieren!
Entsetzen ziert mein Angesicht …
„Herr Dünnreich! Nein – DAS mach‘ ich nicht!“
Schon quetscht er sich ein Tränchen ab!
Ein zweites auch – mein NEIN macht schlapp.
„Herr Dünnreich?! Ohne Garantie!
So etwas machte ich noch nie!“
Er strahlt! (Das ist wohl seine Masche?!)
Und zieht ‘ne Wanne aus der Tasche,
die er bereits längst bei sich hatte.
Dazu noch Handtuch, Badematte,
Nagel-Etui von feinster Sorte,
und Lupe auch! Mir fehlen die Worte! …
Verlegen reicht er mir auch schon
ein Fläschchen Wunddesinfektion!
Bewunderung muss ich dem ollen
Herrn Dünnreich jetzt tatsächlich zollen!
Die Wanne füllt bald Seifenwasser,
mich lähmt der Ekel – ich werd‘ blasser
und reiße mich zusammen – ehrlich!
Solch‘ Zeh-OP ist doch gefährlich!?!
Zunächst einmal tief durchgeatmet
und Einweichzeit ruhig abgewartet …
Alsbald muss ich Chirurgin spielen,
und starre auf den Zeh – nebst Schwielen …
Sein Fuß - noch still auf meinem Knie.
Ich sage NOCH … man weiß ja nie …
Mit Nagelknipser fang ich an,
da kenn‘ ich nix – mir ist nicht bang …
Nein, ich bin cool – und nichts mich juckt,
als Dünnreichs Fuß schon zappelnd zuckt.
„Au! Das tut weh! Was tun Sie da?“
„Sie operieren – ist doch klar!
Nun halten Sie mal endlich still,
weil ich tief in die Ecke will.
Dort bohrt der Nagel sich hinein!“
Schon knips ich weiter – das geht fein!
Mit seitlich angesetzter Feile –
zur Unterstützung, ohne Eile,
heb‘ ich die Nagelecke an.
Herr Dünnreich schreit! Der ist kein Mann!
Mit meinen Knien fest gehalten
kann sich Chirurgenkunst entfalten!
Als ob ein Schraubstock ihn umfasst …
Ich greife an – ganz ohne Hast.
Dem Zehennagel beizukommen,
ist gar nicht leicht! Und arg benommen
stöhnt Dünnreich wimmernd in mein Ohr:
„Das kommt mir jetzt wie ’n Schlachtfest vor!
Ich fleh‘ sie an – Oh Gott! Bewahre!
Nein, dieser Schmerz! Ist gut! Ich fahre
sofort zur Fußpflege – versprochen!“
Sein Wort hat Dünnreich nicht gebrochen …
Als er schon geht und ich noch sitze,
sagt er: „Ihre Idee ist spitze!“
Tags drauf grüßt froh Herr Dünnreich mich.
“Mit ohne“ Schmerz– ganz sicherlich!

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Kommentare

15. Apr 2015

Den Nagel auf den Kopf getroffen!
(Gedicht lässt keine Wünsche offen…)

LG Axel

15. Apr 2015

Danke, Axel!
Über solche Sachen spricht man vielleicht noch hinter vorgehaltener Hand - aber darüber zu schreiben schien mir sehr gewagt ... Trotzdem - solch "ordinäres" Problem musste ich einfach mal beschreiben. That's life.
Viele Grüße
Corinna