Eine Weihnachtsgeschichte

Bild von Dieter J Baumgart
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Es begab sich aber zu einer Zeit, als die Menschheit wieder einmal inmitten einer Kriegskatastrophe stand, daß auf den Schlachtfeldern eine Blume erblühte. Ihr Kelch war von zauberhafter Anmut und leuchtete in den Farben des Sonnenuntergangs, vom Blauviolett bis zum strahlenden Rot. Ihre Blätter übertrafen an Schönheit die feinste Filigranarbeit.
Die Kunde verbreitete sich bald um den Erdball, und Viele machten sich auf den Weg, die Blume zu suchen. Allen voran die Geschäftemacher. Mit gierigen Blicken streiften sie durch die Landschaft, witterten sie doch großen Gewinn durch Verkauf und Vermehrung der Blume. Doch sie wurden enttäuscht, denn unter ihren Händen veränderte sich die wunderschöne Blume erschreckend. Und zu ihrem Entsetzen hielten die Habgierigen statt der Blüten nur bleiche Knochen zwischen den Fingern.
Botaniker versuchten, die Blume zu verpflanzen. Doch so sorgsam sie es auch anstellten, die Blume zerfiel in Schutt und Asche, kaum wurde sie aus dem Boden gehoben.
Die berühmtesten Maler erprobten ihre Kunst an der Blume. Tausende von Kilometern reisten sie, um die Blume zu finden. Es entstanden Gemälde, dem Original täuschend ähnlich, in den Farben des Sonnenuntergangs. Doch als die Maler, wieder im Atelier angekommen, ihre Meisterwerke der Öffentlichkeit vorstellen wollten, da sah man auf den Leinwänden nur zerstörte Häuser, verhungerte Kinder und erschossene Soldaten.

Niemand konnte das Geheimnis um die Blume erklären. Sie wuchs unabhängig von der Jahreszeit, in schneidender Kälte und unter glühender Sonne. Doch man fand sie nicht in den Luxusgärten der Reichen oder an den Prachtstraßen mondäner Badeorte. An den trostlosesten Stätten der Erde entfaltete sie ihre Schönheit. Auf den Schlachtfeldern, zwischen den Überresten sinnlosen Mordens.
Und es ging ein Zauber aus von der namenlosen Blume. Wer die Kunde vernahm, machte sich auf den Weg. Zu Tausenden durchquerten die Menschen auf der Suche nach der Blume verwüstete Landschaften, ausgebrannte Dörfer und Städte. Was sie bisher nur vom Fernsehen und aus dem Radio kannten, sahen sie nun mit eigenen Augen: Das also waren die Zeugnisse ruhmvoller Feldzüge.

Viele unter den Suchenden hatten vergangene Schreckenszeiten am eigenen Leibe erfahren und gern wieder vergessen. Sie würden auch den Anblick des Grauens bald wieder vergessen haben, der sich ihnen auf der Suche nach der geheimnisumwobenen Blume bot. Doch dann sahen sie die namenlose Blume, ein Inbegriff der Schönheit, umgeben von dem, was Macht und Habgier, Unverstand und blinder Haß erzeugt hatten.
Aus jeder Faser der wunderbaren Blume schrie es den Menschen entgegen, hallte in ihren Ohren und bewegte ihre Gedanken:
„Seht, das habt ihr geschaffen, weil ihr es nicht verhindert habt!“

Unauslöschlich wurden diese Worte in die Hirne und Herzen der Menschen gebrannt. Da war niemand, der nicht erschüttert den Heimweg antrat. Doch es war nicht die Faszination der namenlosen Blume, es war die Schuld der Wissenden, die sie nun mit den Daheimgebliebenen teilten.
Und es kam eine Zeit, da die Worte „...und Friede auf Erden“ kein leerer Wahn mehr waren. Denn die Furcht der Menschen voreinander wich ihrem Verständnis füreinander, weil sie begriffen, daß Frieden und Freiheit nur gemeinsam bewahrt werden können.

Hinweis: Zu lesen in Französisch im kleinen Gedichteweg in Mourèze.

...und es sollte eine Zeit kommen, da die Worte "...und Frieden auf Erden" kein leerer Wahn mehr waren. Foto: Dieter J Baumgart
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