Requiem für eine verstorbene Schulfreundin

von Wera Goldman
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Plötzlich - mitten aus dem Lärm der Tage
blickt still dein Gesicht.
Unverletzlich -
ewige Frage
und ohne Verzicht.

Wo ist mein Leben?

Dein Leben,
das wir gemeinsam träumend in die Zukunft planten.
Wie kam es,
dass kein Schatten des furchtbar Ungeahnten
unser Lachen überfiel.
Oh, grausames Spiel,
dass ich den Umriss deines Lebens und des Werdens
mit bunter Bilderklarheit deutlich sah,
während der schwarze Vorhang schon bereitet
schwebte nah - ganz nah.
Nein, es ist noch da, war dir gegeben.
Wo wäre es denn hingekommen,
dieses Leben?
Erst entfachte Flamme
und schon in Nacht verglommen?
Dies Ungelebte muß noch sein und warten.
Stehn nicht die unerfüllten Stunden,
die genarrten Jahre irgendwo -
im Dunkel?
Sieh, du wurdst vom Tode nicht vertrieben,
gegen Betrübnis hat er dich gefeit,
du bist dir immer gleich geblieben
und doch mit uns entwachsen der alten Mädchenzeit.
Klar hat mich dein Bild begleitet,
vertraulich und entzeitet.
Deine Stimme klingt mir ungeschwächt
ins Ohr.
Jenseits von Gericht und Recht
Und immer wieder blickt aus lauten Tagen
dein ruhiges Gesicht.
Wie Lieder, die wir in der Fremde mit uns tragen -
unverletzlich!
Prüf dein Gewicht!

(Geschrieben Anfang der 40er Jahre in Israel)

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