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Der Träumer

Bild von Magnus Gosdek
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Turin wollte schon immer schreiben. Als kleiner Junge hatte er bereits damit angefangen. Zunächst waren es nur kleine Erlebnisse, die er zu Papier brachte. Später wurden Geschichten daraus. Viele von ihnen waren frei erfunden, aber sie alle spielten in ihrem Dorf. Da gab es den Schmied, in dessen Hütte er eine heitere Begebenheit passieren ließ. Und den Bäcker, dessen grobe Art Turin immer wieder Inspiration bot, ihn in seine Figuren einzubauen.
Manchmal las er die Geschichten in der Dorfschänke vor. Dann lauschten sie ihm alle und waren stolz, einen Dichter in ihren Reihen zu wissen. Es gab nicht viele Künstler im Dorf, die meisten lebten in der Stadt. Aber dorthin kam Turin nicht. Er lebte im Haus seines Vaters und half ihm bei der Arbeit.
Der Vater war schon sehr alt und das herumlaufen bereitete ihm Mühe. So übernahm Turin alle Besorgungen, die nötig waren. Am Abend aber setzte er sich hin und schrieb seine Geschichten aus ihrem Leben auf.
Mit der Zeit jedoch genügte es ihm nicht mehr. Mochten die Schreiber in der Stadt noch so realistische Geschichten erfinden und damit große Erfolge feiern. Turin wollte mehr! Er wollte eine eigene Welt erschaffen, eine Welt der Phantasie, in der es die abenteuerlichsten Wesen gab und das Leben vor Geheimnissen troff. Doch wie sollte er sich darauf konzentrieren, wenn er sich jeden Tag mit den banalsten Dingen beschäftigen musste?
Als Turin den Entschluss gefasst hatte, zog er sich weiter von den Mitbewohnern des Dorfes zurück.
„Turin ist ein Träumer“, riefen sie ihn bald, aber er ließ sich davon nicht beirren. Er saß in der Wohnstube und versuchte, seine Phantasie fliegen zu lassen.
Der Vater machte sich darüber Sorgen.
„Sohn, du musst dich dem Leben stellen“, riet er Turin.
„Mach dir keine Gedanken“, sagte Turin, der dichtgebeugt über dem Papier saß und darüber nachdachte, was seinem Protagonisten alles geschehen könnte. „Ich werde es schaffen und einen Phantasie Roman schreiben.“
„Damit wirst du deinen Lebensunterhalt nicht bestreiten können“, sagte der Vater. „Erlerne einen vernünftigen Beruf. Du weißt dass ich mich freuen würde, wenn du einst meinen Betrieb übernimmst.“
„Ich weiß“, sagte Turin. „Ich werde dir auch immer helfen. Aber Schreiben ist meine Berufung.“
„Dann schreibe wahre Geschichten, dass du dein Auskommen in der Stadt finden kannst“, bat der Vater.
„Für mich bedeutet Schreiben Phantasie und ich werde ein völlig neues Genre schaffen“, erklärte Turin in fester Überzeugung.
Der Vater seufzte und setzte sich auf seinen Stuhl.
„Bevor du dich deiner Phantastereien hingibst, laufe bitte noch in den Wald und hole mir die Kräuter, die ich benötige. Der Bauer Martijn braucht dringend das Elixier.“
„Ist Vion wieder aufgetaucht?“ fragte Turin vorsichtig.
Der Vater nickte.
„Jahrelang hatte der goldene Drache sich in die Berge zurückgezogen Nun aber ist er wieder da und verwüstet die Felder. Nur mit meinem Zaubertrank kann der Bauer ihn besiegen.“
Turin legte die Feder auf den Tisch. Das war, was er meinte. Er konnte sich einfach nicht auf eine phantastische Welt konzentrieren, wenn ständig etwas dazwischen kam. Und das gerade jetzt, da er zum ersten Mal eine Idee über seine gedankliche Welt zu fassen bekam. Eine Welt, in der die Menschen in großen Städten wohnten. Tausendmal größer als die Stadt des Königs. Ein Ort, in dem man sich in mechanische Kutschen setzte, die sich selbst antrieben und die man lenken konnte. Ja, dieser Gedanke gefiel ihm, das war aufregend und nun kam der Drache!
Nun gut, Turins Vater war nun einmal der größte Zauberer im Land und wurde bei solchen Sachen zu Rate gerufen. Selbst die Elfen im Süden kamen zu ihm, um ihre grünschimmernden Orakel mit magischer Kraft aufladen zu lassen. Doch was war das alles gegen diese eine Idee?
Bevor Turin aufstand, nahm er noch einmal die Feder in die Hand und Lowin, sein Vater sah zu ihm hinüber.
„Hast du nicht gehört, Turin“, fragte er resignierend.
„Nur einen Augenblick“, sagte Turin. „Ich habe gerade einen Einfall.“
Dann warf Turin die Feder beiseite und sprang auf.
„Meier. Karl-Heinz Meier heißt mein Held und er ist Bankangestellter! Was für ein herrlich seltsamer Name!“
„Was ist ein Bankangestellter?“ fragte der Zauberer.
„Das ist jemand, der dein Geld verwaltet und dir erzählt, was du damit anfangen kannst, ohne dass du es in der Tasche hast“, erklärte Turin stolz.
„Hör auf zu träumen und sieh zu, dass du die Kräuter besorgst“, sagte Lowin.
Turin lachte seinem Vater zu und rannte hinaus. Es war herrlich, endlich hatte er einen Einfall! Ein Bankangestellter, der sich morgens in seine mechanische Kutsche setzt und über reglementierte Bahnen fuhr, um den Tag in einem zehn Etagen hohen Haus zu verbringen. Er hat dort einen eigenen Tisch. Nur für sich. Genau!
Turin war so in seinen Gedanken vertieft, dass er die Zwerge gar nicht bemerkte, die am Brunnen saßen und sich ausruhten. In der Nacht waren sie von den Bergen herunter gekommen. Zwei Monate hatten sie dort einen Tunnel zu dem Gold und den Edelsteinen gegraben, die vom Vogel Ty eifersüchtig bewacht wurden. Ty liebte Edelsteine. Immer wieder griff er die Schlösser des Landes an, wenn dort ein großes Fest gegeben wurde. Dann entriss er den Damen die wertvollen Kolliers und brachte sie in sein Versteck in den Bergen.
Die Zwerge wussten, wo es lag. Sie gruben den Tunnel quer durch den Berg, dass sie auf die Höhle stoßen würden. Doch dies würde noch eine Weile dauern.
„Seht euch den Träumer an“, sagte Wbron, der Anführer der Zwerge. „Er ist so in seiner Phantasiewelt vertieft, dass er uns gar nicht bemerkt.“
„Ach, lass ihn doch einfach laufen. Es ist ja nicht unser Problem, wenn er im verzauberten Wald den Weg verliert“, meinte Krobs, der neben seinem Anführer saß und die Scheide seines Beiles schärfte.
Krobs hatte Recht, der Wald war verzaubert. Aber Turin wusste das. Er war schon oft hinein gegangen und hatte seinem Vater die notwendigen Kräuter besorgt. Nun gut, die Bäume veränderten ihre Position, dass es nie derselbe Weg war, den er ging. Aber die Bäume waren gleich und sie kannte Turin. Es war ja auch verständlich, dass man nicht immer an einem Platz stehen bleiben konnte.
Da gab es viel dringendere Probleme. Was machte Karl-Heinz Meier in dem Haus, wenn er an seinem Tisch saß? Hatte er vielleicht

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Kommentare

01. Nov 2015

Die Idee phantastisch, die Umsetzung toll:
Einfach TRAUMhaft! Wunder - voll!

LG Axel

02. Nov 2015

Ob Traum, ob Wirklichkeit. Es liegt bei uns, wie wir es sehen. Ich weiß nur, dass ich heute keinen scharlachroten Reitern begegnen werde. Naja, wahrscheinlich, ich muss über die A52. Lieben Gruß Magnus

27. Dez 2015

Eine Superidee genial umgesetzt !

LG Ralf

01. Jan 2016

Ja! Absolut klasse, Magnus!
Bin begeistert und werde das mal meinen Jungs vorlesen - ich glaube, das könnte denen auch sehr gefallen.
Frohes Neues Jahr
und viele Grüße,
Corinna

07. Feb 2016

Alles eine Frage der Sichtweise.
Deine Idee gefällt mir gut.

LG, Susanna

12. Feb 2016

Hab den Träumer entdeckt und bin begeistert. Hab mich von dem Gedankenfluss tragen lassen.
LG Monika

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