Der Unfall

Bild von Magnus Gosdek
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Eines Nachts schreckte ich aus dem Schlaf, als ich vor unserem Haus ein Krachen hörte. Gleichzeitig flammte das Licht eines Scheinwerfers in unser Zimmer auf. Meine Frau hörte nichts. Sie trug Ohrstöpsel, da sie nicht von der Meinung abzubringen war, ich würde schnarchen. Doch lassen wir das, es würde zu nichts führen, wenn ich es Ihnen erzählen würde. Selbst wenn Sie meiner Frau versicherten, dass ich niemals schnarche, könnten Sie sie doch nicht davon überzeugen. Ich jedenfalls saß aufrecht im Bett, fest davon überzeugt, dass ich in unserem Vorgarten einen riesiger Krater vorfinden würde, aus dem möglicherweise Lava aus dem Erdinneren emporstieg. Doch bevor ich meine Frau weckte, musste ich mich davon überzeugen, dass ich mit meiner Vermutung richtig lag.
Ich stand auf, schlich in die Küche und packte mir das Brotmesser, welches vom Abend vorher noch auf der Anrichte lag. Ganz sicher konnte es nichts gegen eine Lavaeruption ausrichten, aber es gab mir ein besseres Gefühl. Die Küche befand sich direkt neben der Diele und von dort aus konnte ich fast unmittelbar die Haustür öffnen. Ich zögerte einen Augenblick und stellte mir vor, wie die Lava unvermittelt auf unseren neuen Teppich strömen würde.
Doch als ich die Tür tatsächlich öffnete, geschah nichts dergleichen. Ein Auto klebte an unserem Baum, der ein Stück weit von der Straße entfernt stand. Es hatte eine unbestimmte Ähnlichkeit mit einem VW Käfer. Nicht einem Beetle, tatsächlich einem Käfer der siebziger Jahre. Bislang hatte ich nicht gewusst, mit welcher Wucht so ein Gefährt in unseren Baum zu preschen vermochte. Die Vorderhaube schien vollends demoliert und es sah aus, als ob die Radaufhängung sich von ihrem irdischen Dasein verabschiedet hätte. Glücklicherweise nur das Gestänge, nicht der Fahrer. Er saß vor Wagen und Baum auf dem Boden und ruckelte an seinem Kopf, wohl um sich zu vergewissern, dass er tatsächlich noch auf den Schultern saß.
„Oh, mein Gott! Haben sie sich verletzt?“ rief ich und rannte zu dem Mann, woraufhin er aufsprang, als sei nichts geschehen. Er war zwei Köpfe kleiner als ich und blickte zu mir empor.
„Wir müssen einen Krankenwagen rufen“, sagte ich, immer noch aufgeregt.
„Nein, ich brauche nur ein paar Verstrebungen, dann zisch ich wieder ab“, sagte das Kerlchen und es fiel mir auf, dass er für so einen schweren Unfall ganz schön flott daherredete.
„Sie haben ein Schleudertrauma“, entgegnete ich.
„So etwas kenne ich nicht“, sagte der Fahrer. Ich entschied, dass sein Kopf bei dem Aufprall mächtig in Mitleidenschaft gezogen worden sein musste.
„Das wird der Doktor feststellen“, sagte ich und sah unwillkürlich auf die Straße. „Wie sind sie überhaupt an unserem Baum gelandet?“
„Das war Pech“, sagte das Kerlchen.
„Kamen sie ins Schleudern?“ fragte ich, obwohl ich gleichzeitig bemerkte, dass unser Gartenzaun unversehrt geblieben war.
„Eher ins Trudeln.“
Die Ausdrucksweise von Käferfahrern war speziell, das wusste ich. Bei einem vierunddreißig PS-Motor konnte man tatsächlich eher vom Trudeln sprechen.
„Der Zaun hat nichts abbekommen“, bemerkte ich.
„Ich habe aufgepasst“, entgegnete der Fahrer.
Dies war der Augenblick, in dem ich das Brotmesser in meiner Hand fester umklammerte.
„Wo kommen sie überhaupt her?“ fragte ich den Fahrer.
„Das wollen sie wohl nicht so genau wissen“, entgegnete das Kerlchen.
Ich sah auf das rückwärtige Kennzeichen.
„Jedenfalls nicht von hier“, redete ich weiter. „Das Kennzeichen kenne ich nicht. Sind sie aus Lettland?“
„Das glaube ich nicht“, sagte der Fahrer entschieden.
„Ich glaube, ich werde die Polizei anrufen müssen“, sagte ich und hob das Brotmesser ein Stück weit an. Das Kerlchen achtete nicht darauf.
„Machen sie sich keine Mühe“, sagte es. „Nur ein paar Gestänge und ich bin sofort wieder weg.“
„Woher soll ich nachts Ersatzteile bekommen?“ fragte ich. Da Vollmond war, wurde ich unsicher, ob der Fahrer überhaupt wusste, wie spät es schon ist.
„Woher bekommt man sie hier normalerweise?“ entgegnete das Kerlchen.
„Vom Schrottplatz oder beim Händler. Das wird in Lettland auch nicht anders sein“, sagte ich.
„Wahrscheinlich“, sagte der andere und lächelte mich an.
„Okay“, nickte ich resignierend. „Was soll ich jetzt tun?“
„Nur Gestänge besorgen.“
„Für einen alten Käfer ist das mitten in der Nacht nicht ganz so einfach“, gab ich zu bedenken.
Das schien ihm einzuleuchten. Er senkte den Kopf und dachte nach. Schließlich schien er zu einer Entscheidung gekommen zu sein.
„Wenn man es genau nimmt“, sagte er, „benötige ich sie auch nicht für einen Käfer.“
„Wofür dann?“ fragte ich.
„Ich denke, in ihrer Sprache heißt das Typ CW5RZ.“
„Okay, erklären sie es mir in Englisch“, schlug ich vor.
„CW5RZ“, sagte das Kerlchen.
„Ihre lettischen Bezeichnungen sind mir fremd“, schüttelte ich den Kopf.
„Ich weiß nicht, ob es lettische Bezeichnungen sind. Ich komme nicht von dort“, sagte das Kerlchen.
„Woher kommen sie dann?“ fragte ich.
Der Fahrer lächelte mich noch immer an und wies mit dem Kopf nach oben.
„Aus unserem Apfelbaum?“ fragte ich verdutzt.
Das Kerlchen schüttelte den Kopf. Es wandte sich um und wies mit der Hand in den Himmel.
„C2W in Alpha Centauri“, sagte es.
„Hm“, machte ich. Ich wusste, dass der VW Käfer seinerzeit ein Verkaufsschlager gewesen war, doch als Markt war mir Alpha Centauri doch zu weit entfernt.
„Ich wollte es ihnen eigentlich nicht sagen, aber ich brauche die Gestänge“, sagte das Kerlchen. „Als ich in die Anziehungskraft ihres Planeten geriet, kam mein Schiff ins Trudeln. Glücklicherweise konnte ich verhindern, dass ich in den Boden krachte.“
In der Nähe unserer Stadt wusste ich um zwei psychiatrische Kliniken. Eine lag in Dortmund und die andere in Düsseldorf. Ich hielt es für unwahrscheinlich, dass ein entflohener Insasse ausgerechnet in unserem Vorgarten einen Unfall verursacht hatte. Ich musste Zeit gewinnen.
„Angenommen, sie kommen von Alpha Centauri“, sagte ich, „warum sieht ihr Raumschiff dann wie ein VW Käfer aus?“
„Das ist eine Tarnung“, sagte das Kerlchen stolz. „Ich habe es in unserer Datei über ihren Planeten gefunden.“
„Sie sammeln Fakten über uns?“ fragte ich und bereute, dass ich aus der Küche nicht das Hackmesser mitgenommen hatte.
„Wer will schon wie ein Tourist aussehen?“ fragte das Kerlchen und ich war mir sicher, dass er diese Redewendung ebenfalls in seiner Datenbank gefunden hatte.
„Bist du ein Späher?“ fragte ich und passte mich nun ebenfalls der intergalaktischen Sprache an, in der es nur die brüderliche Anrede gab, so wie ich hoffte. Es schien auch so zu sein.
„Wie kommst du darauf?“ fragte das Kerlchen.
„Ich habe noch keinen von euch gesehen“, sagte ich.
„Das hoffe ich doch“, sagte der interstellare Fahrer.
„Wie heißt du?“ fragte ich.
„Und du?“ erwiderte das Kerlchen.
„Felix“, log ich und hoffte, dass der Name mir Glück bringen würde.
„Meinen Namen kann man nicht übersetzen. Nenn mich uWe“, sagte das Kerlchen.
Tatsächlich hatte ich ein unbekanntes Wesen entdeckt, dass der Name passte.
„Uwe“, sagte ich, sprach es aber anders aus.
„Das reicht“, sagte Uwe.
„Wie lange leben wir noch?“ fragte ich und dachte an meine Frau mit ihren Ohrstöpseln im Bett.
„Woher soll ich das wissen? Wie lange leben Menschen für gewöhnlich?“ entgegnete der nächtliche Besucher.
„Achtzig Jahre. Oder kürzer oder länger“, sagte ich.
„Das ist ziemlich vage“, meinte Uwe.
„Besonders heute“, fügte ich hinzu.
„Ich hatte nur einen Raumfahrunfall“, sagte Uwe. Er schien über eine gewisse Empathie zu verfügen, was ich sogleich als meine Chance ansah.
„Willst du ein Bier?“ fragte ich ihn.
„So etwas nehmen wir nicht zu uns“, entgegnete er. Die Welt, aus der er kam, schien mir ziemlich trostlos. „Lass uns über die Gestänge reden.“
„Ich weiß gar nicht, wie ich dir helfen kann“, sagte ich wahrheitsgemäß und Uwe schien in sich zusammen zu sinken. Vielleicht war dies der Augenblick vor dem Angriff.
„Aber wir können ja einmal in meiner Garage nachsehen“, munterte ich ihn auf.
„Das ist gut, denn ich muss weiter“, sagte er.
„Um Bericht zu erstatten?“ forschte ich nach.
„Wem sollte ich Bericht erstatten?“ fragte Uwe.
„Deinem General oder Kommandanten oder wie ihr eure Leute nennt.“
„So etwas haben wir nicht. Wozu sollte das nützen?“ fragte Uwe und schüttelte den Kopf.
„Um den Angriff zu koordinieren und unseren Planeten zu überfallen“, entgegnete ich.
„Warum sollten wir einen Planeten einnehmen, den ihr in weniger als zweihundert Jahre zerstört haben werdet?“
„Wegen den Ressourcen natürlich. Oder um uns Menschen zu versklaven“, erklärte ich Uwe. Seine Datei über die Erde schien mir nicht sehr umfangreich zu sein.
„Dann müssten wir uns ja um euch kümmern“, gab Uwe zu bedenken.
„Vielleicht wollt ihr die Menschheit ausrotten“, ließ ich nicht locker.
„Dafür braucht ihr uns nicht, das schafft ihr ganz alleine“, schüttelte Uwe wieder den Kopf.
„Um uns auf eine höhere Stufe zu führen?“ versuchte ich meinen letzten Trumpf anzubringen.
„Wie sollen wir das anfangen, wenn ihr es nicht einmal schafft, auf die menschliche Stufe zu gelangen. Du erinnerst dich, wir sind Außerirdische.“
Langsam ließ ich mein Brotmesser sinken. Das Kerlchen lehnte an seinem VW Käfer und sah mich an.
„Wohin willst du dann?“ fragte ich schließlich.
„Erst einmal in deine Garage. Später weiter die Milchstraße entlang und dann in die kleine magellanische Wolke hinein. Ich hab mich dort mit Freunden verabredet“, klärte mich Uwe auf.
„Du weißt schon, dass sich das ziemlich seltsam anhört“, entgegnete ich.
„Was du von einer Invasion brabbelst auch“, sagte mein Besucher.
„Immerhin kennst du das Wort, das ist verdächtig“, sagte ich.
„Aus unserer Datenbank. Invasion ist ein rein menschliches Wort, es gibt keine galaktische Übersetzung dafür.“
Langsam ermüdete mich unsere Unterhaltung. Mein unfreiwilliger Gast war der langweiligste Typ, den ich mir vorstellen konnte. Und dass er kein Bier trank, machte ihn verdächtig.
„Komm, wir gehen in die Garage“, sagte ich, wandte mich um und schloss das Tor auf. Im Laufe der Jahre hatte sich viel Schrott angesammelt. Irgendwann würde ich den Sperrmüll anrufen, wenn ich bis dahin nicht Opfer von Außerirdischen geworden wäre. Unser Grill stand ebenfalls dabei und Uwe steuerte geradewegs darauf zu.
„Was ist das?“ fragte er und hob die Grillzange hoch.
„Nichts von Bedeutung“, entgegnete ich und war mir bewusst, dass mein Gast nun auch bewaffnet war.
Uwe drehte die Zange in seinen Händen herum und betrachtete sie von allen Seiten.
„Könnte passen“, sagte er schließlich. Ich wollte gar nicht wissen, wofür.
Zielsicher stapfte er zurück zu seinem Käfer und schob sich unter das Bodenblech. Ich überlegte, ob dies nun die Gelegenheit war, ihn zu erledigen und morgen mein Bild in der Zeitung zu sehen, doch in diesem Augenblick grunzte Uwe zufrieden und ich traute mich nicht, meine Gedanken umzusetzen. Der Fahrer kroch wieder unter dem Käfer hervor und setzte sich auf.
„Damit komme ich bis zum Nebel und dort kann ich mein Raumschiff ordentlich reparieren lassen“, lächelte er zufrieden.
„Das war es?“ fragte ich irritiert.
„Was sonst noch?“ entgegnete Uwe.
„Kein Krieg der Welten? Kennenlernen fremder Spezies oder erster Kontakt?“ fragte ich.
„Wir haben uns doch kennengelernt. Genügt das nicht?“ fragte der Raumfahrer.
„Wir müssen uns besser kennenlernen“, gab ich zu bedenken.
„Wenn ich wieder in der Gegend bin, lande ich neben deinem Apfelbaum und klopfe an die Tür“, schlug Uwe vor.
„Das ist ein historischer Augenblick“, sagte ich.
„Das war ein Unfall“, entgegnete der Außerirdische und stieg in den Käfer. Er kurbelte das Fenster herunter und winkte heraus.
„Mach's gut“, rief er. „Ich empfehle dir, wieder ins Haus zu gehen. Das gibt jetzt eine Menge Staub.“
„Kleiner magellanischer Nebel“, sagte ich noch einmal.
„Erst einmal, dann sehen wir weiter“, sagte Uwe und winkte mich mit der Hand weg. Ich ging zurück zu unserer Eingangstür und ging hinein. Vielleicht wirbelte Uwe tatsächlich viel Staub auf; allerdings hörte ich nur ein Zischen. Als ich die Tür wieder öffnete, war der VW Käfer verschwunden.
Ich schlurfte in die Küche und legte das Brotmesser beiseite. Für heute hatte ich genug von Außerirdischen. Wahrscheinlich genug für die kommenden zehn Jahre oder für mein ganzes Leben. Ich spürte die Müdigkeit in mir aufsteigen und ging in unser Schlafzimmer. Meine Frau lag im Bett und schnarchte vor sich hin. Ich nahm mir ein paar Ohrstöpsel, setze sie ein und legte mich hin. Stille und Dunkelheit umschlossen mich. In meinem Bett war es jedenfalls gemütlicher als im kleinen magellanischen Nebel.

Interne Verweise

Kommentare

23. Apr 2017

(DEine himmlische Story - sehr lesenswert!
(Nur Bertha Krause [kein Bier!] ist empört ...)

LG Axel

23. Apr 2017

Kommt die Krause vzum Apfelbaum,
gibt es für sie vom Wein den Schaum.

LG Magnus