Tante Elsie und der Schatz von Rungholt

von Annelie Kelch
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Schatzsuche kann verdammt gefährlich werden – lebensgefährlich gar, wie mein gutes Tantchen Elsie am eigenen Leib erfahren musste, als sie im Alleingang den Schatz von Rungholt heben wollte.
Tante Elsie, deren Gatte früh verstarb, hatte im gesetzten Alter erneut den Bund fürs Leben geschlossen – mit Fries, einem„Südfaller“, der in friedlicher Nachbarschaft mit Tante Elsies Freundin Thea und zwei weiteren Eigenbrötlern auf der Hallig lebte, die kaum 'größer als ein Fliegenschiss', aber keineswegs unattraktiv sei, wie mein auf Nordstrand beheimatetes Tantchen sich auszudrücken beliebte.
Fries, der schon vor der Trauung zu ihr „rübergemacht“ hatte, erwarb sich im „Spökenkieker“ binnen kürzester Zeit den Ruf eines gewaltigen Zechers vor dem Herrn, worauf meine grundsolide Tante alles andere als stolz war.
So machte sie sich wenige Monate nach der Hochzeit auf den Weg nach Südfall, in der Handtasche den Entwurf einer Scheidungsklage, um sich mit Thea, einer Rechtsanwältin im Ruhestand, über das weitere Vorgehen zu beraten. Dieser in zweifacher Hinsicht beschwerliche Gang führte sie übers Watt auch deshalb, weil Tante Elsie keine Gelegenheit ausließ, ihre altersschwachen Füße, die wegen der scharfen Muschelkanten in Turnschuhen steckten, den Heilkräften des Schlicks zu überlassen.
Mein braves Tantchen grübelte, während sie kräftig ausschritt, über die Unbill des Schicksals nach und sah sich nach einer Stunde Fußmarsch vom Weg abgekommen; es war nirgendwo in Sicht, was längst in Sicht hätten sein sollen: die Warften von Südfall.
Tante Elsie verweilte auf der Stelle, unschlüssig, welche Richtung es einzuschlagen galt, und dachte bangen Herzens an die Flut, die im Hinterhalt lauerte, mit dem Ziel, sie dahinzuraffen.
Ihr Lebenswille sank und war erheblich dahingeschmolzen, als sie im Schlick ein Glitzerteil entdeckte, dem Rahmen eines kostbaren Spiegels nicht unähnlich. Sie bückte sich, und als sie den Fund aus den mit Kotpillenwürmern versetzten Schlamm gezogen hatte, fiel es ihr wie Schuppen von den Augen: Das Kleinod stammte aus Rungholt, einer reichen Hafenstadt, die im Umkreis just jener Stelle, auf der sie ausharrte wie ins Watt gestampft, in Blüte gestanden hatte, bevor sie Opfer des Sturms und der Nordseewellen geworden und mit Mann und Maus untergegangen war.
Nun handelte es sich bei Tante Elsie um eine warmherzige Person, meinethalben einen Tick zu sentimental, und ausgerechnet diese liebenswerte Schwäche hinderte sie daran, an sich selbst zu denken; statt dessen verbrachte sie kostbare Zeit damit, Tränen
des Mitleids um die anno 1362 ertrunkenen, als hochmütig verrufenen Rungholter zu vergießen, wonach unglücklicherweise auch noch ihr Geschäftssinn erwachte.
„Mehr Rungholt, mehr“, gierten Tante Elsies Gedanken, nachdem sie in den trüben Spiegel geblickt hatte und beim Anblick ihrer gestressten Gesichtszüge zusammengezuckt war. Sie erinnerte sich an die Rechnungen ihres Anwalts und des Gerichts, die nach der Scheidung ins Haus stünden, rief sich des Weiteren ihr kostbares Porzellan ins Gedächtnis, das Fries im Rausch in tausend Stücke zerschlagen hatte, dachte an die Schmuckstücke ihrer verstorbenen Mutter, die er ohne ihr Wissen in einem Husumer Pfandhaus zu Geld gemacht hatte, um seinen Saufkumpanen mit Freibier zu imponieren.
Tante Elsie ließ ihre Blicke in die Runde schweifen: Das Watt sah schier aus, wie frisch gefönt. Sie legte die Hand ums Ohr und lauschte in die Ferne: da war nichts als Stille, kein Meeresbrausen weit und breit.
„Die Flut hat ein Einsehen; ich muss lediglich den Schatz von Rungholt heben, dann bin ich aus dem Schneider, wird schon schiefgehen“, dachte Tante Elsie und lächelte ein wenig einfältig in sich hinein. Ihr war in schwacher Erinnerung, dass die letzte Flut gegen acht aufgelaufen war und keinesfalls vor 14:00 Uhr erneut eintreffen würde, und war da nicht doch schon die Hallig in Sicht?
Tante Elsie starrte ins Weite – bis ihr vor Augen stand, was sie unbedingt sehen wollte: vier schwarze Punkte, die Warften von Südfall.
Beruhigt ging Tante Elsie in die Hocke, pflügte mit beiden Händen den Schlamm um, wühlte im Wattbodens umher und scharrte von Zeit zu Zeit wie ein Hühnchen mit den Füßen. Sie befand sich in bester Gesellschaft: Ein paar Silbermöwen trampelten unfern Wattwürmer frei, um sie aufzupicken und herunterzuschlingen.

Mein Tantchen förderte nach dreieinhalbstündiger Suche fünf Scherbchen zutage, die sie für Rungholter Keramik hielt, die jedoch von einem Blumenübertopf stammten, den ein Landwirt während seines Umzugs von der Hallig aufs Festland verloren hatte.

Tante Elsie war am Ende ihrer Kraft. Der prachtvoll gerahmte Spiegel reflektierte blutunterlaufene Augen, einen fleckigen Teint und strähniges Haar, das über buschig-schwarze Brauen hing. Sie sah augenblicklich ein, dass es sinnlos war, die Schatzsuche fortzusetzen; vielmehr schien es angebracht, sich aufs Watt zu konzentrieren. Tante Elsie ließ das Prunkstück in den Schoß sinken und beschattete ihre Augen, denen sie im nächsten Moment nicht trauen wollte: Von Westen her, wo sie Südfall vermutet hatte, kamen schiefergrauen Wellen auf sie zugerollt. Mein Tantchen zuckte gewaltig zusammen und sprang im Nu im Karree. Es war der schrille Schrei einer Silbermöwe, der sie zur Raison brachte und auf eine Sandbank trieb, auf der ein paar Vögel, die vergessen hatten, dass sie fliegen konnten, Zuflucht genommen hatten. Tante Elsie nahm die spröde Einladung dankbar an und begab sich auf die Sandbank. Nun ist hinlänglich bekannt, dass Sandbänke keinesfalls imstande sind, Flutwellen aufzuhalten; aber mein Tantchen hatte längst das Baumgerippe ins Auge gefasst, das aus dem Sand ein Stückweit in die raue Luft ragte. Tante Elsie scheuchte kurzerhand von den Zweigen, was da fleuchte und kreuchte, erklomm den morschen Stamm und ließ sich in der höchsten Astgabel nieder; das Spiegeljuwel hatte sie in ihre Handtasche gestopft, die sie am ausgestreckten Arm wie eine Seenotflagge auf- und niederschwenkte.
Bedauerlicherweise hatte sich Fries ihres Handys bemächtigt; es mag dahingestellt bleiben, ob ein Netz zustande gekommen wäre; aber Thea, der Ungutes schwante, hatte längst den Seenotrettungsdienst alarmiert, der Tante Elsie per Hubschrauber aufs Festland transportierte.
Dieser zweifellos verwegenste Tag im Leben meines Tantchen, war mitnichten ihr glücklichster: Als mein Tantchen nach einer langen Odyssee beherzt in ihre Tasche langte, um des Haustürschlüssels habhaft zu werden, griff sie in ein Häufchen Spiegelscherben und schnitt sich arg die Hand auf.
Rungholt hat sie seitdem nie wieder erwähnt, aber den Fries ist sie kurze Zeit später für alle Ewigkeit losgeworden.

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Kommentare

02. Nov 2016

Elle dit: Merci! (diesmal korrekt - mit "i" und nicht "mercy" = Englisch und "Gnade", "Erbarmen".)

LG Annelie