Wem gehört Gott?

von Dieter J Baumgart
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Eine Streitschrift

Es müßte Ihm doch langsam unangenehm sein. Seit Jahrtausenden schlagen sich Menschen um Seinetwillen die Schädel ein. Sie rotten sich gegenseitig aus, machen sich zu Seinem Ebenbild und nehmen Ihm das Wort aus dem Mund, um es im gleichen Moment in sein Gegenteil zu verkehren. Und Er? Er reagiert nicht. Oder scheint es nur so, berührt es Ihn schon, wenn Seine Schöpfung, Sein Werk, das Er angeblich in sieben Tagen – nein, in sechs, am siebten Tag hat er geruht – geschaffen hat?
Oh ja, sie wissen das ganz genau, diese Wortverdreher, als seien sie dabei gewesen.
Aber vor ihnen gab es auch schon Menschen, die sich über Ihn den Kopf zermartert haben.
Einer von ihnen sagte: „Offenbar bin ich [...] um eine Kleinigkeit weiser, eben darum, daß ich, was ich nicht weiß, auch nicht zu wissen glaube.“ *)
Leider waren seine Worte in den Wind geredet. Übrig blieben leere Buchstaben und das Morden ging weiter.
Wird es jemals Menschen geben, die es erleben, daß Er eingreift, seine Schöpfung vom homo sapiens, dem weisen Menschen befreit, auf daß sie sich entwickeln kann und nicht in ihrer Gesamtheit im Chaos endet?
Ja, wer sind wir eigentlich, was erwarten wir denn? Daß Er uns in den Arm fällt? Wohl kaum, da müßten wir schon selbst was tun…
Aber wie konnte es soweit kommen?
Aus der ersten Frage, die je von Menschen formuliert wurde „Warum?“, und aus den vielen Antworten, die darauf gegeben wurden, Antworten, die nur einen Sinn hatten: Macht über die Fragenden auszuüben, ergab sich die Notwendigkeit, eine oberste Instanz zu installieren, einen Gott!
Und weil Macht ein erstrebenswertes, wenn auch hochgiftiges Gut ist, stieg auch der Bedarf an Göttern.
Der Eine, der Unteilbare, der Schöpfer, trat bald in den Hintergrund, verdrängt aus unseren Köpfen von all den Menschen-Göttern, die doch nur einem Ziel dienen: Macht auszuüben. Wir haben uns von Ihm entfernt, nun müssen wir zusehen, wie wir mit unseren selbst gebastelten Göttern fertig werden.
Wem gehört Gott? Die Frage ist falsch gestellt. Stattdessen müßte es heißen: Wie werden wir sie wieder los, die selbst geschaffenen Menschengötter?
Indem wir auf MACHT verzichten.

*) Sokrates, nach Platons Apologie des Sokrates,

„Ich denke an manchen Tagen, daß es besser wäre,
wenn wir gar keine Religionen mehr hätten.
Alle Religionen und alle heiligen Schriften
bergen ein Gewaltpotential in sich.
Deshalb brauchen wir eine säkulare Ethik
jenseits aller Religionen.

Dalai Lama

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„Der Appell des Dalai Lama an die Welt“
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Mittelteil des Triptychons von Jean-Pierre Ponnelle (1932-1988)

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