Ach, Schatz

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„Sonderangebot… Sonderangebot… nichts als Sonderangebote – da sieh mal, Schatz, ein Büchertisch!“
„Manche Bücher sind das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt werden.“
„Ach Schatz, sei doch nicht gleich so negativ. Komm, wir gucken mal, vielleicht finde ich einen Liebesroman.“
„Du mit Deinen Schmökern …“
„Die halten mich am Leben …
‚Die Insel der Schmetterlinge‘ - hab‘ ich schon – ‚Muschelseide‘ – hab‘ ich auch – ‚Vom Winde verweht‘ – sieh an, gibt’s immer noch – ‚Roxana und der weiße Sklave‘ – ist es denn zu fassen …“
„Liebes, hier habe ich etwas für Dich …“
„Zeig‘ mal Schatz, was ist denn das –
‚Dr. Oetkers Schulkoch‘???
Schmeckt es dir nicht mehr? Wollen wir den Bringdienst wechseln?“
„Nein, der Bringdienst ist OK. Aber du hast noch nie gekocht.“
„Das stimmt nicht ganz! Als wir jung verheiratet waren, so vor 35 Jahren, habe ich es versucht. Aber du hast immer gesagt, bei deiner Mutter schmecke es besser. Und als ich dann die Senfsoße verdorben habe, hast du mit Scheidung gedroht. Seitdem touren wir durch die Restaurants, Imbissbuden und MC-Dingsda. Zum Glück gibt es jetzt die Bringdienste und wir können abends mal zu Hause bleiben.
„Ach, jetzt bin ich wieder schuld …“
„Nein, so war das nicht gemeint. Ich hatte sowieso keine Lust zum Kochen, war nur dir zur Liebe.“
„Liebes … hier ist ein Rezept für Sauerbraten. Erinnerst du dich an den Sauerbraten meiner Mutter?“
„Mhmm, das war ein Gedicht! Mit Rosinen und Backpflaumen und so einer leckeren Soße. Kann man denn so etwas selber machen?“
„Jaha, hier steht es.
Man nehme:
750g Rindfleisch aus der Keule
2 mittelgroße Zwiebeln
2 Bund Suppengrün
5 Wachholderbeeren
15 Pfefferkörner
1 Lorbeerblatt
Nach dem Marinieren das Fleisch von allen Seiten anbraten und 50 handverlesene Rosinen, sowie 10 Backpflaumen mitbraten lassen …
„Hör auf, mir läuft das Wasser im Munde zusammen. Guck mal, ob Rouladen drin sind.“
„Klar.
4 Scheiben Rindfleisch aus der Keule
60g durchwachsener Speck
2 mittelgroße Gewürzgurken
100g gewürfelte Zwiebeln …“
„Und Senf …!
‚Kind, du musst das Fleisch immer mit Senf bestreichen. Das ist wichtig, so mag es mein Sohn.‘
hat deine Mutter zu mir gesagt. Und ich weiß noch, dass sie die Rouladen, wenn sie im Bräter waren, mit Rotwein begossen hat. Den gleichen Wein, den wir dann zum Essen getrunken haben.“
„Na, du weißt doch schon eine ganze Menge … das könnte doch was werden. Sieh mal hier … Birne Helene, Weinschaumsoße von Chardonnay…“
„Und die Puttäppel aus meiner Kindheit … mit Rum beträufelt …! Schatz dieses Buch ist das Ticket zum siebten Himmel. Wir nehmen es. Da hinten ist die Kasse.“
„Und du willst dann Sauerbraten machen?“
„Ich? Nein! Aber wenn du in zwei Monaten pensioniert wirst, hast du gleich ein neues Betätigungsfeld.

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Kommentare

03. Apr 2016

Brotlos muss ja Kunst nicht sein:
Bücher bilden - ganz ungemein ...

LG Axel

03. Apr 2016

ich danke Dir ...

liebe Grüße,
Susanna

03. Apr 2016

Klasse! Eine köstliche Geschichte, so lebensnah. Hab ich mit Genuss gelesen.
LG Monika

03. Apr 2016

Das freut mich!

Vielen Dank und liebe Grüße,
Susanna