Unverhoffte Hilfe

von Alfred Plischka
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Unsicher schob sie ihren Rollator vor sich her. Hinter ihr hörte man unwilliges Gemurmel. Einigen ging es wohl nicht schnell genug. Immer wieder blieb die alte Frau stehen und blickte unentschieden in die Verkaufsregale. Langsam.bildete sich eine lange Schlange hinter ihr.

"Sind wir hier eigentlich im Altenheim", meinte ein ungeduldiger Zeitgenosse. "Vielleicht sollten wir hier eine Senioren-Begegnungsstätte aufmachen", pflichtete ihm ein junger Mann bei, der anscheinend auch keine Zeit zu verlieren hatte. "Alte, mach doch ein bisschen schneller, ich muss meine Kleine gleich noch aus der Kita abholen", brachte eine Frau mittleren Alters, die wohl nur für ihre Bedürfnisse Verständnis aufbrachte, ihren Unmut über die langsame Alte zum Ausdruck.

Man merkte der alten Frau an, dass die Ungeduld der anderen sie zunehmend in Unruhe versetzte und sie kaum noch in der Lage war, ihren Rollator vor sich her zu bewegen, geschweige denn, ihren Einkaufszettel abzuarbeiten und den am Rollator angebrachten Einkaufskorb mit den für sie notwendigen Einkaufsartikeln zu füllen.

In angemessener Entfernung hatte ein älterer, noch rüstig aussehender, freundlich wirkender Rentner, die ganze Szene beobachtet und fasste sich schließlich ein Herz, dem unwürdigen Schauspiel ein Ende zu bereiten. Er schob seinen Einkaufswagen an die Seite eines Warenregals, so dass dieser keine Behinderung mehr darstellte und näherte sich mit freundlichem Lächeln zielgerichtet der alten Frau, die sich vor lauter Verwirrung kaum mehr auf den Beinen halten konnte. "Wenn ich Ihnen darf helfen, ich gerne mache dies", sprach er die Frau in ruhigem Ton an.
Dankbar blickte diese zu ihm auf und an ihren Augen konnte man erkennen, dass er ihr wie ein rettender Engel erschien, der bereit war, sie aus ihrer misslichen Lage zu befreien. Er führte die Frau samt ihrem Rollator beiseite und gab den Weg für die anderen Einkaufenden frei.
Behutsam nahm ihr der Mann den zerknitterten Einkaufszettel ab und versuchte nach einem Blick in den Einkaufskorb, die noch fehlenden, unleserlich aufgeschriebenen Artikel, zu entziffern, die der Frau noch fehlten.
Mit sicherem Griff hatte der Mann, ein Ausländer, wie man unschwer an seiner Sprechweise erkennen konnte, die fehlenden Artikel auf dem Einkaufszettel identifiziert und in den Einkaufskorb gelegt.
Man merkte, wie die Hilfe des Mannes dafür sorgte, dass das Auftreten der Frau zuehmend wieder an Sicherheit gewann und sie sich gemeinsam mit dem hilfsbereiten Mann und mit neuem Selbstbewusstsein dem Förderband an der Kasse näherte. Auch da half ihr der ausländische Mann, legte ihr die Ware auf das Band und auch nachher in ihren Korb, so dass sie nur noch bezahlen musste.
Erleichtert und dankbar blickte die alte Frau zu dem Mann auf und meinte: "Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen danken soll. Ich würde Sie gerne zu einer Tasse Kaffee und einem leckeren Stück Kuchen hier in dem Café nebenan einladen. Ich habe in meinem Leben selten so einen hilfsbereiten Menschen kennengelernt wie Sie."

- "In mein Land, in Albanien, alte Menschen mit Probleme helfen, ist selbstverständlich. Aber ich mit Ihnen gerne gehe Kaffee trinken !" entgegnete er nur - sprachlich zwar auch diesmal nicht ganz vollkommen, aber wieder mit seinem unnachahmlich freundlichen Lächeln.

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