Schrödingers Katze

von Alf Glocker
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Ene mene Müllers Kuh – Schrödingers Katze, die bin ich! Was ist gegen eine Uhr einzuwenden? Nichts! Ich trage sie wie einen Ausweis mit mir herum. Wenn ich auf das Ziffernblatt gucke, weiß ich, wer ich bin und auch, wo ich bin. Wo bin ich? Na, ganz einfach, auf der Erde, im Universum. Dort, wo halt die Zeit vergeht. Das macht mir Spaß? Keine Ahnung – wenn sie nicht verginge, wüsste ich nicht, wo ich bin, denn dann gäbe es mich in dieser Form gar nicht. In welcher Form gäbe es mich dann? Ist das wichtig?

Für Schrödingers Katze ist es wichtig, daß niemand prüft, ob sie noch lebt oder nicht. Denn solange es niemand prüft, lebt sie (quasi). Prüfen oder nicht prüfen geht aber nur, solange Zeit vergeht. Aber wenn die Zeit nicht mehr vergeht, war sie niemals am Leben. Es kommt also auf den Standpunkt an. Genau wie bei mir – von außerhalb des Universums bin ich nicht auffindbar. Wer das Universum nicht kennt, der kennt mich nicht. Gibt es denn ein „Außerhalb des Universums?“ Klar, zumindest theoretisch, denn die Zeit ist relativ!

Wer sie überschreiten kann, der erfährt, was Sache ist: das Nichtsein. Und wer wieder zurückkommt, in den Bereich der Zeit, der erfährt ebenfalls was Sache ist: das Sein. Aus beiden Teilen, der Zeit und dem Bereich außerhalb der Zeit, setzt sich demnach was zusammen? Ein existierendes Nichtsein, oder ein nichtexistierendes Sein, also wieder ich! Ich könnte demnach genauso gut bereits schon Millionen Jahre tot sein und mich im Nachhinein erleben.

Was müsste ich dafür tun? Auf jeden Fall müsste ich erste einmal die Lichtgeschwindigkeit überschreiten, mich aus dem Universum hinaus katapultieren und nirgendwo sonst wieder eintreten. Dann könnte ich mir vielleicht aussuchen, wo ich schlussendlich bliebe. Das könnte dann auch die Vergangenheit sein. Das Sein der Vergangenheit! Wenn ich Millionen Jahre bereits tot wäre, dann hätte ich vor Millionen Jahren gelebt. Sollte irgend jemand in der Lage sein, mich am Ende meines gelebten Lebens in einen Zustand zu versetzen, der dem Überschreiten der Lichtgeschwindigkeit gleichkommt, dann könnte er mich, nachdem ich kurz in einem Zeit-Raum Millionen Jahre nach meinem Tod aufgetaucht bin, wieder in meine Vergangenheit, oder in eine, von mir, oder von sonst wem gewünschte Vergangenheit zurückversetzen.

Vielleicht könnte er das sogar, wenn es mich niemals gegeben hat, weil ich, aus welchem Grund auch immer, in einer Situation verharren musste, die eine Geburt (= Eintreten in die Zeit) unmöglich machte. Nun aber, da ich auf einmal von der Zukunft aus erwünscht wäre, könnte ich ja im Nachhinein in der Vergangenheit auftauchen, um jemandes Wunscherfüllung voranzutreiben. Dann wäre ich vorhanden, obwohl meine Zeit doch längst gewesen ist. Ich wäre also im Dasein ohne dagewesen zu sein, ich wäre real-irreal, also surreal.

Eine Täuschung wäre ich demnach, so wie das ganze Leben eine Täuschung ist, weil es nur innerhalb der Zeit stattfinden kann und von außerhalb der Zeit gar nicht wahrnehmbar ist. Ich wäre wie ein Gedankenbeispiel, das von der Schrödingerkatze z.B. Merken würde ich selbst davon vermutlich nichts, zumindest nicht, solange ich lebe. Und wenn ich dann gestorben bin, würde ich niemals existiert haben? Oder hätte ich Spuren hinterlassen? Jemand würde es aber doch merken, ob ich nun überhaupt, oder nachträglich vorhanden gewesen bin, real geboren oder irreal implantiert: der mich gerufen hat, damit ich seine Wünsche erfüllen kann – denn seine Gegenwart hätte sich deutlich verändert. Er wüsste vielleicht nur nicht warum – weil er das ehemalige Gedächtnis verloren hätte. Darin läge dann auch wieder eine gewisse Scheinrealität meiner persönlichen Existenz. Aber nur, solange ich das nicht überprüfe ...

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Kommentare

04. Jan 2017

Ein Text, der Spuren hinterlässt:
Auch ohne Füße - das steht fest ...

LG Axel

04. Jan 2017

Unendliche Gedankengänge, die zu nichts führen - und genau deshalb so interessant sind.
Einer meiner diesbezüglichen beginnt so:

Leben ist die Lichtsekunde,
in der ewig dunklen Starrheit,
eine Illusion im Grunde,
eine gottgewollte Narrheit.

LG
Willi

04. Jan 2017

Hallo Willi!

Ja, so kann man es durchaus auch sehen - als eine Lichtsekunde

LG Alf

04. Jan 2017

interessante Gedanken.Wie immer viel Fantasie.Chapeau.Das Experiment von S. ist spannend.
Ein 'Bekannter' von mir ( er war mal Gast auf ner Fete,bei der ich als Musiker aktiv war )
erklärt es sehr gut.Wenn du möchtest,hier der Link (14 Min.).
https://youtu.be/Ko3QYeXMkrQ
grüß dich herzlich
ulli

04. Jan 2017

Wow! Ein interessantes Gedankenspiel. Schrödingers Katze. Ein Erklärungsversuch der Quantenphysik. Ist sie schon tot oder noch lebendig? Welle oder Teilchen? Entscheidet der Beobachter? Herjemine, wer das kapiert... Geht das überhaupt? Jedenfalls zeigt dieser vorliegende Essay - mit Bezug auf die Person des Schreibenden - enorme Gedankenkraft. Toll.
LG Monika

04. Jan 2017

Ich denke - also bin ich. Wäre ich nicht, könnte ich nicht denken. Würde nicht einmal wissen, ob ich es denn gewollt hätte. Ob ICH denn gewollt worden wäre. Oder auch nur gedacht ...
Wen würde das kratzen?
Macht der Baum ein Geräusch, der umfällt, wenn niemand da ist, es zu hören?
Erst, wenn man jemandem wichtig genug ist, dass er/sie an einen denkt, kann man von einer Existenz sprechen - oder wäre auch das dann "nur" ein Gedankenexperiment ...?