AU 2013 01 Schlüsselerlebnis in Hobart

von Willi Grigor
Mitglied

Hobart, Tasmanien 13./14. Februar 2013

Der Flug von Adelaide via Melbourne war angenehm, da viele Stühle leer waren. Als wir unsere Koffer in Hobart vom Band nahmen, bekamen wir wieder einmal Besuch von einem diensthabenden Schnüffelhund des Zolls. Wir wunderten uns, wir kamen von Melbourne, es war ein Inlandflug. Dieser gut ausgebildete, vierbeinige Beamte wurde ganz eifrig und kratzte mit unnötiger Vehemenz an der relativ neuen Tasche meiner Frau (Gullan). Seine Assistentin, eine nette Frau, fragte uns ob wir Früchte in der Tasche hatten. Ja, einen Apfel, den wir von Qantas im Flugzeug bekamen und in Tasmanien essen wollten. Die Dame klärte uns auf, dass keine Früchte nach Tasmanien eingeführt werden dürfen. Man versuche, sich so vor Schädlingen zu schützen, die auf dieser Insel noch nicht Fuß gefasst haben. Wir warfen den Apfel in den bereitgestellten Behälter und wünschten viel Glück bei diesem ambitiösen Vorhaben.

Wir gingen Richtung Ausgang und da kam auch schon Bob durch die Glastür. Wir erkannten ihn von einem Foto her: schlank, grauer Bart, schwarze Kappe. Seine Frau Tricia wartete im Auto auf uns. Unser Gepäck fand so gerade Platz in ihrem kleinen, weißen Holden. Die Australier sind stolz auf ihre eigene Automarke. Dieses Auto werden wir eine gute Woche in Eaglehawk Neck (wo wir in Bob und Tricias fantastisch gelegenem Ferienhaus wohnen werden) zur Verfügung haben.
Tricia hat 40 Jahre lang eine Fahrschule betrieben, ich saß neben ihr und erhielt theoretischen Unterricht während der 20-minütigen Fahrt. Es war ziemlich dichter Verkehr auf der vierspurigen Autobahn. Ich hatte bereits etwas Bammel vor der Rückfahrt im Linksverkehr zum Haus in Hobart.

Tricia beruhigte mich: Der Weg ist denkbar einfach, ihr werdet den Fluplatz passieren und fahrt dann die gleiche Strecke wie wir jetzt: A9 bis Sorell und dann die A3 bis über die Tasman Bridge über den Derwent River, die A3 wird A6 (Davey Street), immer auf der linken Spur bleiben bis man links in die Antill Street geleitet wird. Jetzt braucht man nur noch dem Straßenverlauf folgen und die gut sichtbaren Nummern der Bus-Stop-Schilder beachten. An Stopp Nummer 18 rechts in die Cheverton Parade einbiegen. Ab jetzt geht es bergauf. Nach einigen hundert Metern endet diese Straße und die Beddome Street führt links weiter, den kurzen aber steilen Hang hinauf. Dann sehen wir links auch schon den grünen Holzzaun und, etwas unterhalb, das rote Blechdach des Hauses mit der Nr. 16.
HURRA, WIR HABEN ES GESCHAFFT! Genau so werden Gullan und ich uns freuen, wenn wir in zehn Tagen hier allein eintreffen.

Es war abgemacht, dass wir die erste Nacht zusammen mit Bob und Tricia in deren Haus in Hobart schlafen und am Morgen nach Eaglehawk Neck gebracht werden. Wir machten einen kurzen Durchgang durch das Haus, dem man ansah, dass es in den 1970er Jahren gebaut und seit dem nicht viel daran gemacht wurde. Die Terrasse war das Prunkstück aufgrund eines prächtigen 180-Grad-Ausblicks über den hier ca. 5 km breiten Fluss, kurz vor der Einmündung in die Storm Bay..

Tricia zeigte uns unser Schlafzimmer. Es gab noch ein zweites: Bob und Tricias. Außerdem ein Gästezimmer, das aber eindeutig als Kinderzimmer benutzt wird. Spielsachen lagen zerstreut im ganzen Zimmer. Ich war nicht ganz zufrieden, unser Doppelbett war von der Sorte, die ich nicht ausstehen kann: eine durchgehende Matratze mit durchgehender Bettdecke. Es war aber in Ordnung, dass ich im Bett des Kinderzimmers schlafe. OK, getrennte Schlafzimmer ist Normalität für mich und Gullan wenn wir in Australien sind.
Ich wurde etwas unruhig und fragte nach: „Wir haben aber das Haus für uns allein wenn wir von Eaglehawk kommen?“ Antwort: „Unfortunately not. Wir haben einige Dinge in Hobart zu tun. Das Haus ist aber groß genug für uns vier“. Geplant war, dass sie in Eaglehawk Neck wohnen, wenn wir in Hobart sind.
Wir hatten einen Wohnungstausch vereinbart. Das bedeutet, dass man das Haus oder die Wohnung wie seine eigene bewohnt und sich nicht als Gast irgendwie anpassen muss. Wir waren leicht geschockt und guckten wahrscheinlich etwas verwundert, sagten aber nichts. Bob und Tricia wohnen im Juni in unserer Wohnung in Schweden und wir wollten keine schlechte Stimmung aufkommen lassen.
Kein guter Anfang!

Tricia und Bob waren aber nette Leute. Ohne deren Führung hätten wir vieles von dem was wir gesehen haben, nie entdeckt. Dazu mehr im Hobart-Bericht.

Ich wollte unbedingt vor dem Essen noch einen kleinen ersten Spaziergang machen. Bob ging mit und wir hatten unser erstes Aha-Erlebnis. Er führte uns durch einen kleinen Seitenweg eigentlich direkt in die Wildnis. Steile, mit Eukalyptusbäumen bewachsene Hänge, im Tal ein kleiner Bach, fast ausgetrocknet. Tasmanien hat den trockensten Sommer seit 130 Jahren. Wir gingen eine halbe Stunde, hätten aber auch einige Stunden gehen können, sagte Bob. Und alles gleich nebenan.
Ein guter Anfang!

Zurück im Haus servierte Tricia ein gutes Essen auf der Terrasse: Gegrilltes vom Rind, frische Kartoffeln vom eigenen, steil abfallenden Garten, Salat und Rotwein. Es war jetzt dunkel und der Häuserkranz auf den Hügeln der anderen Seite des Flusses hatte sich zu einem zusammenhängenden Lichterkranz verwandelt, über dem die Sterne funkelten. Ich spürte eine magische, ja andächtige Stimmung und wäre am liebsten mit Gullan allein gewesen.

Als wir dann zu Bett gingen hatte ich das Gefühl, dass Bob und Tricia es merkwürdig fanden, dass Gullan und ich nicht im gleichen Zimmer schliefen. Wir fanden es merkwürdig, dass nichts für unsere Ankunft vorbereitet war. Es gab keinen Platz im Schrank oder auch nur einen Haken für unsere Klamotten. Der Fußboden war unser Abstellraum. Gullans Schlafzimmer mit dem großen Bett hatte nicht genug freie Bodenfläche für unsere zwei Koffer und drei Taschen. In meinem Kinderzimmer verschaffte ich mir Platz für meinen Koffer, indem ich die zahllosen Plastikspielzeuge mit dem Fuß in einen Plastikberg verwandelte. Es war alles ein bisschen anders als sonst. In zwei Wochen werden wir wissen, ob dieser Wohnungstausch doch ein guter oder unser erster schlechter war.

Schlüsselerlebnis
In dieser ersten Nacht in Hobart, am 14. Februar, wachte ich gegen 03 Uhr auf und die Gedanken begannen ihr eigenes Leben, so wie das meistens ist, wenn ich entspannt bin. Sie springen von einem zum anderen, ohne System. Meistens ist es nur ein Durchlauf, manchmal hake ich nach, so wie diesmal.
Ich dachte – ohne irgend einen Anlass – an unsere E-Mail-Adresse SWEGERAU, die wir seit einigen Jahren haben (gebildet aus den Anfangsbuchstaben in Sweden, Germany, Australia) und es folgte eine gedankliche Kettenreaktion.

Der nächste Gedanke war: ”Ich bin ein SWEGERAU”, und die Erklärung weshalb wurde gleichzeitig geliefert. Ich stieg aus dem Bett, um diese wichtige Erkenntnis zu notieren. Aus Erfahrung weiß ich, dass von Gedanken im Halbschlaf am Morgen nichts mehr abrufbar ist. Ich stand bisher aber nie auf, um mir etwas zu notieren. Hier in Hobart tat ich es zum ersten Mal.

Ich fand einen Bleistift mit abgebrochener Spitze. Mit den Zähnen machte ich ihn wieder brauchbar. Jetzt fehlte noch das Papier. Im Zimmer lag ein Stapel mit Kinderzeichnungen. Auf der Rückseite einer von diesen schrieb ich die folgenden - hier etwas aufpolierten - Zeilen:

Ich bin ein Swegerau

Ich bin ein Swegerau, weil ich Schwede, Deutscher und Australier bin.

Ich bin ein Schwede seit ich in Schweden bin.
Ich bin ein Schwede, weil ich in Schweden zu Hause bin.
Ich bin ein Schwede, weil Frau und Kinder, Schweden sind.
Ich bin ein Schwede, weil ich schwedischer Staatsbürger bin.

Ich bin ein Deutscher, weil ich in Deutschland geboren bin.
Ich bin ein Deutscher, weil ich in Deutschland in die Schule ging.
Ich bin ein Deutscher, weil dort meine Verwandten und Freunde sind.
Ich bin ein Deutscher, weil dort meine Wurzeln sind.

Ich bin ein Australier, wenn ich in Australien bin.
Ich bin ein Australier, weil Sohn und Enkelsöhne Australier sind.
Ich bin ein Australier, weil uns die Australier akzeptieren,
wenn wir in ihren Häusern oder in der Nachbarschaft logieren.

Ich bin ein Swegerau, weil ich mich so fühle.
Ich bin ein Swegerau, es gibt nicht so viele.
Ich bin ein Swegerau, das macht für mich Sinn.
Ich bin ein Swegerau weil ich Schwede, Deutscher und Australier bin.

***
Heute weiß ich, dass dieses nächtliche Erlebnis am 14. Februar 2013 in Hobart ein Schlüsselerlebnis war: Ich hatte so etwas wie ein Gedicht geschrieben. Zwei Wochen vorher bin ich 70 geworden. Ich hatte mein sog. aktives Leben verbracht, ohne im geringsten zu spüren, dass ich Gedichte schreiben wollte. Im Jahr 2013 begann ich damit. Ein gewisses Sehnen danach spürte ich schon während den vorherigen Australienbesuchen, bei meinen einsamen Spaziergängen an den endlosen Stränden. Ich schrieb Reiseberichte - auch das zum ersten Mal in meinem Leben - aber Gedichte brachte ich nicht zustande.

Es gibt zwei Ausnahmen von Ende 2012, eine schwedische und eine deutsche.
Die deutsche ist ein Achtzeiler in Anlehnung an die deutsche Nationalhymne:

Uneinigkeit, Unrecht, Unfreiheit
gibt es viel in manchem Land.
Lasst uns dem entgegenstreben,
brüderlich mit Herz und Hand.

Einigkeit und Recht und Freiheit
sind des Glückes Unterpfand.
Deshalb lasst uns danach streben,
Mann und Frau in Stadt und Land.
***

(Fortsetzung siehe "AU 2013 02 Eaglehawk Neck Teil 1")

© Willi Grigor, 2013 (rev. 2016)

Lesen Sie meinen ersten Dichtversuch kurz vorher am Strand von Carrickalinga in der Nähe von Adelaide hier:
literatpro.de/prosa/100419/au-2013-singapur-carrickalinga-adelaide

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Interne Verweise

Kommentare

29. Jun 2016

Lieber Willi, das habe ich sehr gern gelesen. Du schreibst so plastisch, dass ich die Bilder vor meinem Inneren Auge sehe. Schön, dass Du die Karte beigefügt hast. Auch ich bin in einem Urlaub zu Schreiben gekommen. Im September 2014 auf der Insel Poel. Am Ende des Urlaubs enthielt mein Skizzenbuch statt der üblichen Zeichnungen plötzlich Gedichte und Landschaftsbeschreibungen.

Liebe Grüße, Susanna

29. Jun 2016

Ja, das ist schon eigenartig, wenn man neue Dinge in sich entdeckt.
Aufmunternd ist es, wenn ein Anfänger lobende Worte erfährt.
Danke dafür.

Willi