Lichtbringer - Page 3

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abhoben. Er wirkte sehr ernst, dabei jedoch weder angespannt, noch beunruhigt, wie Doreen halb verwundert, halb bewundernd feststellte.
„Indonesien: heute Nachmittag kam es zu einem schweren Erdbeben vor der Insel Sumatra, das den gesamten Indischen Ozean schwer erschüttert hat“, fuhr der Nachrichtensprecher fort. „Das US-Tsunami Warnzentrum gab unmittelbar danach für den gesamten Indischen Ozean eine Warnmeldung heraus, in mehreren Ländern wurde bereits der Tsunami-Alarm ausgelöst.“
An dieser Stelle legte der Nachrichtensprecher eine dramatische Pause ein. Bildete sie es sich bloß ein, oder konnte sie ihn wirklich über die Leitung schlucken hören?
„Zeitgleich meldete das Deutsche Geo Zentrum in Potsdam ein mittelschweres Beben in Nordrhein-Westfalen, das auf der Richterskala …“
Doreen schwankte, als werde ihr soeben der Boden unter den Füßen weggerissen. Wenn dies alles pure Effekthascherei und Sensationslust wäre, warum um alles in der Welt überkam sie dann urplötzlich diese schreckliche Angst?
Um Haltung ringend blickt sie sich um. Es sah ganz danach aus, als ob die Menschen um sie herum nahezu unbeeindruckt ihrer Kauflust frönten – ganz so, als wäre nichts Ungewöhnliches geschehen. Vielleicht haben sie cleverer Weise ihre Hysterie bereits ausgelebt, überlegte Doreen mit einem leisen Anflug von Neid, während ich damit beschäftigt war, alle Schreckensmeldungen sorgfältig auszufiltern und mit einer extra Portion Humor zu verdrängen.
„…erreichte uns soeben die Meldung, dass aktuellen Berechnungen zufolge zu befürchten sei, dass auch unsere Erde ihre Umlaufbahn bald verlassen…“ Der bemüht neutrale Tonfall des Nachrichtensprechers wurde an dieser Stelle durch ein leichtes Zittern beeinträchtigt. Er zögerte kurz, bevor er mit belegter Stimme fortfuhr: … und nur wenige Stunden darauf in rasender Geschwindigkeit auf etwas zurasen wird, das die moderne Wissenschaft als Schwarzes Loch bezeichnet.“

Diese aktuellen Schreckensnachrichten durchdrangen Doreen, als wäre sie ein Sieb: wo immer sie auf Knotenpunkte alter Kindheitsängste trafen, hinterließen sie einen schmutzigen Rand. Der Großteil jedoch rieselte ungehindert überall dort hindurch, wo Doreen sich im Lauf ihres Lebens Schlupflöcher geschaffen hatte. Unsichtbare Übergänge in ihre ganz persönliche, kleine Welt, in der das Heil regierte. Wo das Gute und Schöne über alles Hässliche und Falsche triumphierte. Wo es noch wahre Liebe gab, die ewig währte. Und auf dem Grund ihrer Seele, dem Nährboden ihres wundervollen Utopia, wo alle Hiobsbotschaften sorgfältig durchgeseiht und weich gerüttelt auftrafen, war ein Bild eingebrannt: Das Licht umflutete Antlitz eines Engels.
Instinktiv fiel ihr Blick wieder auf jenen außergewöhnlichen jungen Mann an der Tür. Seine dunklen Augen glitten noch immer suchend über die Menge. Schließlich schaute er auf und ihre Blicke trafen sich.
Plötzlich formte sich eine eigenartige Erkenntnis irgendwo im Niemandsland zwischen Doreens Kopf und ihrem Herzen: Die Furcht vor den Geschehnissen der letzten Tage und Wochen hatte sie genau in dem Moment befallen, als sie ihn erblickt hatte!
Sicher, es entbehrte jeder Logik, aber irgendwie war ihr auf Anhieb klar gewesen, dass dieser gelassene und friedfertige Bursche einzig und allein aus dem Grund aufgetaucht war, weil die Welt unwiederbringlich am Abgrund stand.

„Sei unbesorgt.“
Jäh spürte Doreen eine Hand auf ihrer Schulter. Er – wie war das möglich?! Wie hatte er sich ihr so schnell nähern können? Noch dazu vollkommen unbemerkt!
Am liebsten wäre sie davon gerannt. Seine Hand schien sie jedoch auf wundersame Weise zurückzuhalten.
Sollte sie schreien? Hatte sie denn überhaupt Grund dazu?
Sei keine hysterische Ziege, beruhig dich! Atme, ganz tief! Das tat gut, befreite den Kopf. Einen Moment lang hielt sie inne. Seine Nähe hüllte sie ein in ein warmes Tuch aus Seelenruhe, Licht und … Hoffnung. Ober er am Ende vielleicht doch…?!
„Ich bin ein Lichtbringer“, erklärte er mit einem leisen Lächeln, als habe er ihre Gedanken erraten.
„Nicht geraten – gelesen“, stellte er sogleich richtig.
Warum geriet sich nicht in Panik? Vielleicht war alles nur Show und seine Warmherzigkeit bloß Maskerade! Wer garantierte ihr, dass hinter diesem augenscheinlich sanftmütigen Mann nicht ein Freak, ein Verrückter, ein Psychopath steckte?!
Sie maß ihn mit den Augen. Nein. Verschlagenheit oder eine Form von Geistesgestörtheit konnte sie beim besten Willen nicht an ihm ausmachen. Im Gegenteil – sie fühlte eine ungeheure Sensibilität von ihm aus¬gehen. Und auf ihr Gespür hatte sie sich bisher doch immer verlassen können!
„Ich gebe den Menschen das, was sie nun am aller nötigsten brauchen: den Hoffnungslosen die Zuversicht und den Unwissenden das Licht – das Licht der Erkenntnis.“
„Gehören Sie einer Sekte an? Damit will ich nichts zu tun haben“. Dieser Einwand kostete Doreen allerdings einiges an Kraft und Überwindung, denn sie spürte schon jetzt ein ungeheures Bedürfnis, ihm nahe zu sein.
Ihr Gegenüber lächelte. „Wisse: Einst hatte Luzifer unserem einzig wahren Herrn und Gott das heilige Licht der Erkenntnis gestohlen“, holte er zu einer Erklärung aus, ohne direkt auf ihre Frage einzugehen. „Angeblich, um es unter die Menschen zu bringen – dort kam es jedoch nie an. Seit Gott seinen gefallenen Engel aufgrund jener frevelhaften Tat aus dem Himmel verbannt hat, wacht dieser als Satan im schwärzesten Höllenschlot über das himmlische Licht. Stets ist er darauf bedacht, die Menschheit durch ihre blinde Einfalt und kritiklose Selbstherrlichkeit ins eigene Verderben rennen zu lassen.“
Doreen schluckte. Was er ihr erzählte klang nach … Bibel. Altes Testament. Nur dass sie sich trotz Religions- und Konfirmandenunterricht an diese Passage absolut nicht erinnern konnte.
„Wer bist du und welche Rolle spielst du dabei?“ Ihre Stimme klang unsicher.
„Man nennt mich Phosphorus. Ich bin der Engel, der nun, da das Ende eurer Welt unmittelbar bevorsteht, eine uralte Schuld wiedergutmacht und das Licht der Erkenntnis zu euch trägt.“
Meinte er das wirklich?! Konnte so etwas überhaupt angehen?! Doreen rieb sich die Schläfen. Aus seinem Blick sprach Wahrheit. Sie konnte seine Aufrichtigkeit förmlich spüren. Aber … hatten Ma und Marleen sie nicht immer davor gewarnt, zu sehr „Bauch“ und zu wenig „Kopf“ zu sein?
Wiederum umspielte ein mildes Lächeln seine Lippen. Las er etwa in ihr? War sie denn so ein offenes Buch? Bevor auch nur ein weiterer Zweifel in ihr aufkeimen konnte, reichte er ihr die Hand und sagte: „Es liegt nun allein an dir: ergreife sie und dir werden die Augen geöffnet. Weise sie zurück und du wirst – wie all jene

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Kommentare

04. Apr 2017

Sehr schön, wenn man das bei dem Thema sagen kann.
Mir gefällt im Speziellen die Passage im Kaufhaus, die uns den Spiegel vorhalten soll.
Eine kurze Frage habe ich noch, warum hat Phosphorus die Rolle des Lichtbringers Lucifer erhalten?
Nur aus Interesse ;-)
Schönen Abend
Kilian

04. Apr 2017

Hallo Kilian, es ging darum, eine uralte Schuld wieder gut zu machen, da Lucifer die Menschen betrogen und das Licht einbehalten hat.. Phosphorus kam nun die Aufgabe zu, angesichts des bevorstehenden Unterganges jener kleinen Welt, jenes Miniatur Kosmos, den Menschen die Chance zu geben, ihm, der nun das Licht wahrhaft bringen möchte, zu folgen

Bereits als Kind faszinierte mich die Idee, dass in jedem Wassertropfen eine ganze Welt verborgen sein könnte, vielleicht sogar ein ganzes Miniuniversum und ich wollte eines Tages dringend darüber schreiben. Vielleicht habe ich zu viele Bälle auf einmal in die Luft geworfen und zwei Themen kombiniert, die jedes für sich einen getrennten Platz in einer jeweils eigenen Geschichte verdient hätten.
Danke fürs Lesen und kommentieren.

lG
Anouk

04. Apr 2017

Ich habe zu danken für deine Erklärung!

Ich finde nicht, dass du zu viele Bälle in die Luft geworfen hast, im Gegenteil.
Der Schluss macht Lust auf mehr und gibt der (Kurz)Geschichte eine neue Dimension, finde ich zumindest.

Gefällt mir beim zweiten Lesen noch besser.

05. Apr 2017

Danke dir, Kilian! Das ist ein tolles Feedback damit hätte ich gar nicht gerechnet. Es freut mich sehr. Einen schönen Tag wünscht Dir
Anouk

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