Lichtbringer

von Anouk Ferez
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Jakarta: Auf der indonesischen Insel Sumatra sind Tausende Menschen auf der Flucht vor meterhohen Gas- und Aschefontänen, die der Vulkan Sinabung seit mehreren Tagen ausstößt. Nach rund 400 Jahren ist der knapp 2500 m hohe Berg wieder aktiv.
Sprechern der Katastrophenbehörde zufolge ging die Vulkanasche sogar in Dörfern in einem Umkreis von mehreren hundert Kilometern nieder.
Zahlreiche Camps und Notunterkünfte wurden inzwischen eingerichtet, um die mehr als 20.000 Flüchtenden aufzufangen.

Neapel: Den Phlegräischen Feldern, eine Region mit extrem hoher vulkanischer Aktivität im Westen von Neapel, droht in Kürze eine erneute Eruption.
Bereits seit Ende der 70er Jahre hob und senkte sich die Erde in dieser Gegend, die sich etwa 20 km westlich des Vesuv befindet, bis zu 100 cm. Bohrungen mit einer Tiefe von bis zu 1500 m haben nun bewiesen, dass eine riesige Magmablase unter den Phlegräischen Feldern brodelt. Experten befürchten, dass somit die Gaskonzentration im Erdinneren bedrohlich ansteigt.
Sollte es zum Ausbruch des befürchteten Supervulkans kommen, so hätte dies mit hoher Wahrscheinlichkeit die komplette Zerstörung der Millionen Metropole zur Folge.

USA, Wyoming – Yellowstone Park: Meterhohe sprudelnde Heißwasserquellen, starker Schwefelgeruch und jüngste Messungen haben ergeben, dass ein Ausbruch des weltgrößten Vulkanes im Yellowstone-Nationalpark unmittelbar bevorsteht. Hierbei handelt es sich um ein rund 600 km langes Magmadepot, das eine Temperatur von mehr als 1000 Grad Celsius aufweist. Dieses zieht sich unter den Bundesstaaten Wyoming, Montana und Idaho entlang. Bereits seit einiger Zeit steigen von der unterirdischen Magmakammer Blasen und glühende Gesteinsmassen nach oben.
Neben mehreren kleineren Eruptionen im Verlauf der letzten zwei Millionen Jahre liegt der letzte verheerende Ausbruch des Supervulkans rund 640 000 Jahre zurück.
Ein erneuter Ausbruch dieser Größenordnung, wie ihn Wissenschaftler für unmittelbar bevorstehend halten, würde ganz Nordamerika unter meterhohen Ascheawinen begraben. Außerdem wäre in allen Teilen der Erde aufgrund schwerwiegender klimatischer Veränderung mit massiven Ernteausfällen zu rechnen …

Ein beherzter Griff nach der Fernbedienung setzte schließlich den nicht enden wollenden Schreckensmeldungen ein Ende.
„Der Spielfilm wird aufgrund unserer Sondersendung zu den aktuellen Vorkommnissen verschoben. Wir bitten um Ihr Verständnis“ ahmte Doreen den graumelierten Nachrichtensprecher nach. Dann besser komplett aus mit der Flimmerkiste! Morgen war auch noch ein Tag und sie musste verhältnismäßig früh raus. Erschöpft vom langen Arbeitstag rappelte Doreen sich auf und schlurfte Richtung Küche, um sich noch einen wohlverdienten Schlummer-Kakao zu machen.

„Guten Morgen, frisch aus dem Sektor für den Sektor: Erneut kam es im schönsten Bundesland der Welt in dieser Nacht zu unerklärlichen Wetterphänomenen, die ganz Schleswig-Holstein um den wohlverdienten Schlaf gebracht haben. Um der Sache endlich auf den Grund zu kommen, haben wir Herrn Professor Dr. Struck zu uns in Studio geladen. Herr Struck ist Diplom-Meteorologe und…“
Eher enttäuscht als beunruhigt verdrehte Doreen schnell den Sender. Was sie jetzt brauchte, um richtig wach zu werden, war etwas Rockiges, Fetziges. Nun, eine Pop Ballade tat es vielleicht auch, überlegte sie, während sie fieberhaft nach einer störfreien Frequenz suchte. In letzter Zeit durfte man eben nicht zu hohe Ansprüche ans Radioprogramm stellen. Musik wurde leider kaum noch gespielt. Dafür liefen ständig diese Endzeitthemen: Meteoriten, Gravitations-Anomalien, strombolianische Eruptionen, Flutkatastrophen, Wirbelstürme – bereits seit endlos langen Wochen ging das so. Sie konnte die meisten Fachbegriffe bereits in- und auswendig. Wenn das so weiterging, würde sie sich noch zur Expertin mausern.
Doreen schmunzelte. Eine Wissenschaftlerin, eine studierte Klimatologin – sie?! Diese Vorstellung war aber auch zu schrullig! Wie so einige andere Vorgänge in letzter Zeit: Mormonen-Missionare, Zeugen Jehovas und Mitglieder der Gralsbewegung standen inzwischen an jeder Ecke und auch die Kirchen hatten seit einigen Wochen Hochkonjunktur. Doch damit nicht genug, einfach jeder, der etwas auf sich hielt, tat plötzlich seine Meinung über die „Nacht ohne Morgen“ kund. Das ganze würde mit Sicherheit früher oder später in einer Massen-Hysterie ausarten…
99.4 , auf die war hoffentlich Verlass. Musik, bitte spielt Musik!
„Und schon wieder unterbrechen wir unser aktuelles Programm für eine Sondermeldung aus dem Kreis Schleswig-Flensburg …“
Mit geübtem Griff regelte Doreen die Lautstärke ihres hoffnungslos veralteten Autoradios herunter und seufzte aus dem tiefsten Grund ihrer Seele: Und wenn die Welt in absehbarer Zeit unterginge, was sollte sie sich bitteschön jetzt schon deswegen grämen? Sie machte eine wegwerfende Handbewegung: Zu viele verpasste schöne Momente und auf ewig verlorene wertvolle Zeit! Wenn die Apokalypse eintrat, dann war es immer noch früh genug, sich Gedanken übers Abtreten zu machen: Ändern konnte doch eh niemand was daran – aber leben: das konnte sie bis zuletzt! Außerdem glaubte sie sowieso nicht an ein göttliches Strafgericht. Diese ständigen Spekulationen über ein ultimatives Ende alles Irdischen… das war doch sicher alles pure Effekthascherei seitens der Medien!

Feierabend – endlich! Doreen strich sich ihr dickes, schulterlang geschnittenes Haar aus dem Gesicht und reinigte noch schnell ihre Utensilien. Die schwerlaufende Ladentür drückte sie mit dem Fuß hinter sich zu. Sie musste unbedingt ihr schmerzendes Handgelenk schonen. Eine Sehnenscheidenentzündung konnte und wollte sie sich derzeit nicht leisten. Heute Abend würde sie versuchsweise Maʾs alkoholischen Rosmarin-Sud auftragen. Oder aber den Gestank des verhassten Kohlwickels ertragen. Sie kicherte bei dem Gedanken an das letzte Mal: da hatte die schneidende Luft selbst einen dieser super hartnäckigen Versicherungsvertreter nach fünf Minuten in die Flucht geschlagen… Gute, alte, verlässliche Hausmittel!
Aber ob Naturheilkunde dieses Mal ausreichte? Die Schulter machte ihr auch seit einiger Zeit zu schaffen. Aber wen interessierte das schon angesichts der von allen Seiten heraufbeschworenen Endzeitstimmung? Naja, Ma und Marleen vielleicht. Die beiden hatten ihr schließlich erst kürzlich nahegelegt, ihren labilen Gelenken zuliebe den Beruf zu wechseln. Aber das kam überhaupt nicht in Frage! Erstens war sie gut in ihrem Fach und außerdem liebte sie den täglichen engen Kundenkontakt.
Gedankenverloren, die knallbunte Tasche über der gesunden Schulter baumelnd, schlug Doreen den Weg Richtung Parkplatz ein. Für heute Abend hatte der deutsche Wetterdienst eine großflächige Sturmwarnung herausgegeben. Noch zeugte nichts von dem befürchteten Unwetter mit Orkanböen und sintflutartigen Regenfällen. Wäre doch schade, die momentane Flaute nicht auszunutzen. Wer wusste schon, was die kommenden Tage für unliebsame Wetterlagen bereithielten . Immerhin wurden in letzter Zeit auffallend viele Landstriche Opfer des ungebremsten Kräftespiels der

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Interne Verweise

Kommentare

04. Apr 2017

Sehr schön, wenn man das bei dem Thema sagen kann.
Mir gefällt im Speziellen die Passage im Kaufhaus, die uns den Spiegel vorhalten soll.
Eine kurze Frage habe ich noch, warum hat Phosphorus die Rolle des Lichtbringers Lucifer erhalten?
Nur aus Interesse ;-)
Schönen Abend
Kilian

04. Apr 2017

Hallo Kilian, es ging darum, eine uralte Schuld wieder gut zu machen, da Lucifer die Menschen betrogen und das Licht einbehalten hat.. Phosphorus kam nun die Aufgabe zu, angesichts des bevorstehenden Unterganges jener kleinen Welt, jenes Miniatur Kosmos, den Menschen die Chance zu geben, ihm, der nun das Licht wahrhaft bringen möchte, zu folgen

Bereits als Kind faszinierte mich die Idee, dass in jedem Wassertropfen eine ganze Welt verborgen sein könnte, vielleicht sogar ein ganzes Miniuniversum und ich wollte eines Tages dringend darüber schreiben. Vielleicht habe ich zu viele Bälle auf einmal in die Luft geworfen und zwei Themen kombiniert, die jedes für sich einen getrennten Platz in einer jeweils eigenen Geschichte verdient hätten.
Danke fürs Lesen und kommentieren.

lG
Anouk

04. Apr 2017

Ich habe zu danken für deine Erklärung!

Ich finde nicht, dass du zu viele Bälle in die Luft geworfen hast, im Gegenteil.
Der Schluss macht Lust auf mehr und gibt der (Kurz)Geschichte eine neue Dimension, finde ich zumindest.

Gefällt mir beim zweiten Lesen noch besser.

05. Apr 2017

Danke dir, Kilian! Das ist ein tolles Feedback damit hätte ich gar nicht gerechnet. Es freut mich sehr. Einen schönen Tag wünscht Dir
Anouk

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