Der böse Traum

von Alf Glocker
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Ich schreibe für mich das Jahr 1438. Ein ereignisreicher Geschichtsabschnitt geht zu Ende. Die Mauern sind geschleift, überall liegen Leichen herum und seltsam dunkle Gestalten streifen durch die Straßen. Immer wieder verstummen sämtliche Stimmen für Minuten des tiefen Gedenkens. Die rauchenden Trümmer allerorts erinnern noch, oder jeden Tag neu, an die fortwährende Schlacht, die erst ihr Ende gefunden haben wird, wenn die Menschen erschlagen sind. Die Unmenschen feiern inzwischen sorglose Feste.

Zur Feier des nahen Untergangs haben die größten selbsternannten Zauberer des Landes an allen „strategisch wichtigen“ Plätzen Schweinsköpfe aufgestellt – sie sollen, so behaupten die Zauberer wenigstens, das Böse verbannen, durch ihren bloßen Anblick … denn sie lächeln alle. Erstaunlich, wie sie dasss geschafft haben, denke ich mir. Aber die letzten rechtmäßigen Bewohner der Stadt glauben schon lange nicht mehr, daß die Zauberer wirklich zaubern können.

Jeden Tag flaniere ich durch die aufgestellten Schweinskopfreihen und versuche ihre Magie zu erspüren – aber ich sehe nur, wie sie das Ungeziefer anziehen. Millionen Schmeißfliegen tummeln sich um diese hirnlosen Kadaver, und auch die Ratten werden durch ihren üblen Geruch massenweise angezogen. In der Ferne, sagen wir um ein paar Häuserecken, höre ich, wie einer der unzähligen Rattenfänger bei der Arbeit zu sein scheint. Die haben jetzt Hochkonjunktur!

Längst vergessene Astrologen, Wahrheitsager und Hellseher kommen ebenfalls wieder zum Einsatz, aber ihre Parolen verlaufen ebenso im Sande wie die verzweifelten Versuche versprengter Widerständler, die sich in den Ruinen verschanzt haben, um noch etwas am allgemeinen Schicksal zu ändern. Mich überkommt eine seltsame Melancholie und mir fallen jetzt die Namen etlicher Verstorbener ein, die mich in meinem Leben, manche von ihnen bis fast hierher, begleiten konnten.

Was hätten sie wohl zum gegenwärtigen Zustand in Stadt und Land gesagt? Ich glaube, sie würden es, ebenso wie ich, nicht glauben wollen, was sie sähen … ich sehe es aber schon. Als es Abend wird, sehe ich noch mehr: Die Lagerfeuer brennen und die Zelte der Krieger sind erleuchtet und weisen mir den Weg in ein Zuhause, das mit dem von vor 20 Jahren, ja, nicht einmal vor 10 Jahren, nichts mehr zu tun hat. Zwischendurch vernehme ich die schrillen Schreie geschändeter Frauen.

Wenn ich, angesichts dieser vollendeten Tatsachen, über die neue Welt, in der ich mich befinde, nachdenke, dann überkommt mich das kalte Grausen! Doch eine absurde Hoffnung steigt in mir auf … vielleicht kann ich, wenn ich nur genug Alkohol trinke, daran glauben, daß die aufgestellten, lächelnden Schweinsköpfe die Dämonen vertreiben, die uns heimgesucht haben. Dann komme ich wieder zu mir und begreife endlich, was da vor sich geht … es ist alles nur ein böser Traum und gleich werde ich erwachen!

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Kommentare

04. Sep 2017

Und wenn der Schläfer dann erwacht -
Scheint es oft schlimmer, als gedacht ...

LG Axel

05. Sep 2017

Drum schlafen wir nur selig weiter -
hoppe hoppe Reiter und wenn er fällt, dann schreit er...

LG Alf