Der Nebel (2)

von Michael Dahm
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Ich hatte keine Zeit, mich um Porky zu kümmern, denn ich sah, was der Nebel vorhatte.
Er war unterwegs in Richtung Stadt.
Warum gerade ich das „Glück” hatte, genau hinter seiner rasiermesserscharfen Grenze zu stehen, schien mir wie eine göttliche Fügung zu sein.
Allerlei Unsinniges und Mythisches ging mir durch den Kopf. Gedankengänge wie „Das jüngste Gericht“ oder „Sodom und Gomorra“ umflatterten mein vernebeltes Hirn.
Ich lief seiner Spur hinterher, die eigentlich keine Spur, sondern eine riesige, öde, tote Fläche war.
Darin war nichts, aber auch gar nichts Lebendiges mehr. Er hatte alles assimiliert, was irgendwie einen Stoffwechsel hatte. Selbst das Gras schien seiner Photosynthese entzogen und lag grau und platt am Boden.
In dem Maße, in dem sich die Nebelwand durch die Gegend fraß, wuchs sie stetig weiter und vergrößerte sich wie ein lebender Organismus. Nahezu lautlos, nur durch Todesschreie adaptierter Tiere unterbrochen, eilte die Walze auf die Stadt zu. Ich war nicht in der Lage mitzuhalten.
Es war unmöglich in die Stadt zu telefonieren, denn selbst die Funksignale schienen von diesem Ding absorbiert zu werden.
Ich sah von fern, wie es in die Stadt einfiel, hörte hysterisches und panisches Geschrei.
Als ich endlich ankam, war die Orgie in vollem Gange. Der Nebel drang durch Schornsteine und offene Fenster in die Gebäude ein. Ich hörte es malmen und Knochen krachen.
Ich spürte, wie sich meine Haare vor Entsetzen aufrichteten, denn mein Gehirn konnte nicht verarbeiten, was meine Augen sahen.
Der Nebel färbte sich rot und aus ihm fielen wie aus einem Blutrausch Knochenstücke, Fleischfetzen, Exkremente und zuckende Gliedmaßen. Augäpfel rutschten mir in den Kragen und rollten mir zum Bauchnabel.
Längst schon sah ich aus wie ein der Apokalypse Entstiegener.
Menschen sprangen voller Panik aus den Fenstern und wurden während des Fallens zerrissen und aufgesaugt.
Jenes unfassbare Martyrium dauerte etwa eine Stunde, dann schien sämtliches Leben dieser Stadt auf barbarischste Weise ausgelöscht worden zu sein.
Der dunkellila gefärbte Nebel war zu gigantischen Ausmaßen angewachsen und erhob sich in die Luft.
Schwerfällig stieg er immer höher und höher, und im gleißenden Licht der Sonne schien ich ein Objekt auszumachen, das wie eine Suppenschüssel aussah. In ihr verschwand der Nebel. Die Suppenschüssel jedoch blieb, versteckte sich in der Aura unseres Gestirns, und ich wusste, dass dies erst der Anfang war.
Ich wollte, wir wären es ... allein – im Universum …

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