Als der Schmetterling eine Kugel war (Von Gründen und Hintergründen)

von * noé *
Mitglied

Ich weiß nicht: Sollte nicht die Schule bereits einem das beibringen, was im Leben nützlich werden könnte?
Wer von euch - von Ihnen - weiß denn genau, wie z. B. es zu „IS“ und Terror kommen konnte? Was war eher da: die Henne oder das Ei? Und wie weit in der Geschichte könnte ich zurückgehen, um jeweils Auslöser dingfest zu machen?
Wahrscheinlich kam schon mit der Entstehung des Menschen gleichzeitig der Wurm in die Welt, der jetzt in allem steckt, gut verborgen in dem Apfel, den Gott angeblich Eva dem Adam reichen ließ – statt beide echte Erkenntnis „gewinnen“ zu lassen.

Gestern erst, 04.04.2017, gab es erneut einen Gasangriff auf Teile der syrischen Bevölkerung – vom „IS“? – vom Assad-Regime selbst? Jedenfalls seien Flugzeuge sowohl der syrischen Truppen wie auch des russischen Militärs über der Abwurfzone gesichtet worden. Ein mit den Nerven fertiger, ersthelfender Arzt sagte in die Kamera, den Wuttränen nahe, dass DIESE Art Verletzungen auf alle Fälle nicht auf Chlorgas zurückzuführen seien, sie seien typisch für Sarin.

Nach den ersten Anschuldigungen, Giftgas gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt zu haben, hatte „Syrien“ geleugnet, anschließend sich verpflichtet, auf sämtliches Giftgas-Arsenal zu verzichten und es wohl auch an die UN ausgehändigt. Allein Chlorgas „durften“ sie behalten, weil es ebenso für zivile Zwecke Verwendung finde ...

Woher dann also Sarin?
Aus Beständen des Militärs ...

Was hat jetzt alles das mit meinen einleitenden Fragen zu tun?
Weil ich gestern noch etwas gehört habe, das ich vorher noch niemals gehört hatte, von niemandem, auch nicht durch die Schule vermittelt.

Es geht um die Entstehung des Ganzen, um die Entwicklung, die dahintersteckt. Und da wird der leichte Flügelschlag irgendeines Schmetterlings in China plötzlich zu einer Kugel, der Kugel, die in Sarajewo 1914 im Juni Erzherzog Franz Ferdinand vom Leben zum Tode beförderte.
Wie hängt das wieder zusammen?

Diese Pistolenkugel wurde zum Auslöser für den Ersten Weltkrieg gemacht. An dessen Ende taten die Siegermächte das, was Sieger immer tun: Sie teilten die Beute.
Nicht nur das jedoch.

Das damalige Osmanische Reich, gegründet 1299 von Osman I., hatte als eine der vier „Mittelmächte“ ab 1915 im 1. Weltkrieg mitgekämpft. Die anderen drei „Mittelmächte“ waren das Deutsche Reich, Österreich-Ungarn und Bulgarien, ebenfalls ab 1915; man nannte sie so, weil sie geografisch gesehen eine Mittelachse durch Europa ziehen. 1918 musste das Osmanische Reich kapitulieren und wurde von Engländern und Franzosen durch willkürlich gezogene Federstriche auf der Landkarte regelrecht zerstückelt. Diese damals festgelegten Grenzen gelten noch heute und legten die Lunte zum heutigen Pulverfass.

Damals erst entstanden Jordanien, der Irak, der Libanon, Syrien und Palästina (das sich später das Gebiet mit Israel „teilen“ musste). Auch der Rest des ehemaligen Imperiums, die Türkei, sollte ursprünglich noch zerteilt werden, doch da trat Atatürk auf, Mustafa Kemal Pascha, der „Vater der Türken“. Anfang der 20-er Jahre zwang er die Europäer durch Militärgewalt und Hartnäckigkeit dazu, die Türkei als solche anzuerkennen; er wurde für die Dauer von 15 Jahren ihr erster Präsident.
Durch sein radikales Reformprogramm wollte er die Türkei europäisieren und beendete so die Tradition des Osmanischen Reiches. Ihm schlägt heute noch Verehrung entgegen, man kann schon sagen als Personenkult.

Das ist in der Kürze die eine, die kriegsbedingt verursachte Seite. Statt eines Imperiums viele neue Staaten, in denen es kocht und gärt, weil sich der Umbruch erst noch setzen müsste.

Auf der anderen Seite kommt wieder die Religion zur Sprache und da die Wahhabiten. Schon mal gehört? Islam ist halt eben nicht gleich Islam, da gibt es große Unterschiede. Nicht, dass ich besonders viel davon verstünde, aber was ich verstanden zu haben glaube, ist das Folgende:

Die Wahhabiten entstammen dem sunnitischen Islam, traditioneller als traditionell, mit puristischen Ansichten – um nicht zu sagen verbohrt.
Sie sind es, die die Standbilder, Bauten und steinernen Überlieferungen, das Weltkulturerbe, in Stücke hauen. Dabei sind sie der festen Überzeugung, in ihres Gottes Sinn zu handeln. Wie ich hörte, steht im Koran, dass es „keine Anbetung von Abbildungen" geben soll, denn nur Gott stehe Anbetung zu. Die Wahhabiten aber lesen daraus, dass es keine „Abbildungen an sich" geben dürfe, weil schon die Abbildung allein Gotteslästerung sei. Deshalb legen sie einen solchen Eifer an den Tag, ihr Verständnis des Ur-Korans durchzusetzen. Alles, was nicht ihren Glaubensvorstellungen entspricht, wird als „un-islamisch“ deklariert, sogar innerhalb des Islam; Schiiten sind ebenfalls für sie keine Gläubigen und werden großen Repressalien ausgesetzt.
Wahhabiten sind auch in Katar, Indien, Pakistan und Westafrika zuhause. Übrigens nennen nur ihre Gegner sie Wahhabiten, sie selber nennen sich Salafis oder auch muwahhidun, Bekenner des Eingottesglaubens, Muslime eben.

Wie aber kam es überhaupt zu der Entstehung von Wahhabiten?
Ibn ʿAbd al-Wahhab hatte sich auf die Fahnen geschrieben, den reinen Islam anzuführen und zu verbreiten, war aber anfangs nicht sehr erfolgreich. Der Beduinenstamm des Muhammad ibn Saʿūd strebte die militärische Führung in seinem Verbreitungsgebiet an und ebenso die politische Macht. Als sie aufeinandertrafen, schlossen er und sein Sohn ʿAbd al-ʿAzīz 1744 mit Ibn ʿAbd al-Wahhab einen entsprechenden Vertrag und fanden großen Zulauf seitens der einfachen Bevölkerung Zentralarabiens.

Die Wahhabiten begannen schon damals ihr Zerstörungswerk, sogar innerhalb der islamischen Welt, indem sie Mausoleen und Grabmäler großer Persönlichkeiten des frühen Islam dem Erdboden gleichmachten und die heiligen Städte des Islams, Mekka und Medina, eroberten.
1813 konnte ein Sohn des von den Osmanen dazu beauftragten Muhammad Ali Pascha Dirʿiyya, die Hauptstadt der Āl Saʿūd, zerstören, woraufhin der erste saudische Staat unterging.

ʿAbd al-ʿAzīz Ibn Saʿūd, ein Abkömmling der Āl Saʿūd, gründete Anfang des 20. Jahrhunderts einen neuen saudischen Staat, nahm den Königstitel an und konnte – mit Englands Unterstützung – weite Gebiete der arabischen Halbinsel zurückerobern. Er erhob die Lehre des Ibn ʿAbd al-Wahhab zur Staatsdoktrin, zu der gehört, dass Frauen nicht Autofahren und sich in der Öffentlichkeit nicht mit fremden Männern zeigen dürfen, wie ebenso das Verbot der freien Religionsausübung.
Heute hält die Familie Saʿūd bekanntermaßen auch die Finanzmacht durch das aus ihrem Land geförderte Öl, das sie gerne in den Westen verkauft.

Mir waren alle diese Zusammenhänge so bislang nicht klar. Aber sie öffnen mir eine Art „Denkfenster“ für das, was derzeit weltpolitisch so abgeht.

Ich persönlich spüre immer öfter den Wunsch, nach dem frühen amerikanischen Atomschutz-Motto für Schulkinder „duck and cover“ mich unter den Tisch verkriechen zu wollen, die Hände zum Schutz über dem Kopf gefaltet, ganz klein gemacht, um vor den Grauen dieser sich immer schneller drehenden Welt eine Scheinsicherheit zu erreichen, die allerdings genauso wirksam wäre, wie die oben beschriebene "Schutzmaßnahme".
Wirkliche Sicherheit wird immer mehr zur Fiktion, wenn man anhand der dargelegten Beispiele bedenkt, wie weit in die Zukunft greifend zu kurz gedachte Schnellschussentscheidungen auch heutiger Macht-Inhaber sein können, dies allerdings bezogen auf Entscheidungen wie auf Entscheidungs-Verweigerungen. Letztere Bemerkung mit Seitenblick auf Trumps USA.

Ein Blick hinter die Kulissen kann dennoch niemals schaden. Auch Macht-Inhaber brauchen Kontrollinstanzen - also jeden von uns -, die ihnen auf die Finger schauen.

noé/2017

Quellen:
Wikipedia, ZEIT-online, zdf.de, eigene Überlegungen

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Kommentare

05. Apr 2017

Dieser Finger-Blick gefällt -
Denn er beleuchtet unsre Welt!

LG Axel

05. Apr 2017

Mit diesem Text hast du ein Fenster geöffnet, durch das ein Blick wirklich lohnt!
Danke dafür!
LG Sigrid

06. Apr 2017

aufschlussreicher Text!

07. Apr 2017

Lieben Dank euch "likenden" Kommentatoren!
(und allen kommentarlosen Likern ebenfalls für IHRE Likes)
Das macht MUT auch für solche Themen, die nicht so viel Zulauf haben ...

08. Apr 2017

GERADE ENTDECKT:
Am Sonntag, 09.04.2017, kommt im ZDF in "Terra X" um 19.30 Uhr eine Sendung zu genau der oben von mir beschriebenen Situation!!!
Der Titel: "Mohammeds verfeindete Erben".
Interessiert also vielleicht DOCH noch ein paar ...
:o))
(irgendwie skurril .... finde ich)

07. Apr 2017

Häufig sehr sehenswert, dies "Terra X"!
(Ansonsten läuft ja meistens nix ...)

LG Axel

07. Apr 2017

Stimmt.
Aber der Zeitpunkt - das ist doch schon ein bisschen skurril - oder?

07. Apr 2017

Dein Text hat einfach Qualität -
Auch deshalb kam er nicht zu spät ...

LG Axel