Erlöst

von Lena Kelm
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Während eines sonntäglichen Mittagessens bei Tante Lotte in Berlin erlebte ich eine Situation, die sich genauso in mein Gedächtnis einprägte wie die mit der Mettschrippe.
Der Sonntag begann wunderbar, ohne Mettschrippe zum Frühstück. Ich hatte die Peinlichkeit der Situation noch nicht ganz überwunden.
Die Julisonne sendete freundlich ihre Strahlen vom blauen Himmel in Tante Lottes Garten vor dem Haus. Tante Lotte deckte den Tisch unter den schattenspendenden alten Kirschbaum. Ich war begeistert. Noch nie aß ich unter einem Baum, wie auch in der Steppe? Für mich war ein echter Kirschbaum voll reifer Kirschen, der erste in meinem Leben, märchenhaftes Erlebnis. Kirschen kannte ich ausschließlich im Kompottglas aus einem Geschäft.
Wer sich noch mehr freute, waren die Spatzen. Die frechen Invasoren besetzten den alten Baum von der Krone bis zu den unteren Ästen. Plötzlich plumpste etwas mit voller Wucht auf meine Glasschale mit Salat. Mit der Gabel in der Hand zuckte ich erschrocken zusammen. Tante Lotte lachte laut los: „Der hat dich erlöst!“ Mir stieg Röte ins Gesicht. Tante Lotte, die mich genau beobachtete, hatte bemerkt, dass der von ihr liebevoll zubereitete Salat nicht gut bei mir ankam. Woher sollte sie wissen, dass ich nie in meinem Leben Blattsalat sah und mir das süß-saure Dressing fremd war? Ich stotterte entschuldigend: „Ich habe ein wenig davon gegessen, Tante Lotte. Was der Bauer nicht kennt, isst er nicht, pflegten meine Eltern zu sagen. Nimm es bitte nicht persönlich, alles andere schmeckt köstlich.“
Tante Lotte, von meinen Deutschkenntnissen beeindruckt, nahm meine Entschuldigung an. Vor unserem Treffen befürchtete die Tante Schwierigkeiten in unserer Verständigung.
Am letzten Tag meines Aufenthalts in Berlin unternahm Tante Lotte erneut den Versuch, etwas typisch Deutsches für mich zu kochen. Sie schmorte Fleisch und ich saß in der Küche und unterhielt mich mit ihr. Als Tante Lotte ein Glas mit eingemachten Birnen aus dem eigenen Garten öffnete und es in den Schmortopf ausleerte, weiteten sich meine Augen vor Entsetzen. Stolz erklärte sie: „Es gibt heute das altpreußische Essen Himmel und Erde. Mein Magen signalisierte krampfhaft: Oh, oh, das kann heiter werden!
So kam es auch. Ich aß zwar stoisch ein paar Stücke Fleisch, aber die Birnen in der Fleischsauce waren am schwierigsten herunterzukriegen. Tante Lotte nahm es mir nicht übel. Mit dem alten Sprichwort war alles gesagt.
Heute würde sie sich freuen, meine liebe Tante Lotte. Ich esse gerne Blattsalat, Fleisch mit Pflaumen, ab und zu mit Quitten, aber leider keine Mettschrippen. Ich kriege das rohe Fleisch einfach nicht herunter. Bei den vielen Vegetariern und Veganern heutzutage beleidige ich die Berliner damit nicht. Tante Lotte würde sich wundern, wie viele vegetarische Aufstriche es gibt, die fleischähnlich schmecken.

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Interne Verweise

Kommentare

05. Jul 2019

Der Mensch isst zu viel Fleisch und Wurst!
(Frau Krause kaum - die hat bloß Durst ...)

LG Axel

06. Jul 2019

Mit Frau Krause wäre mir das nicht passiert...
Gruß, Lena

06. Jul 2019

Wie es als Kind folterte, etwas essen zu müssen, was eklig schien!
Lob nachträglich an Lotte!
LG Uwe