Der Weihnachtsabend (auch eine Weihnachtsgeschichte) - Page 9

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der alte, liebe, ehrliche Ali Baba. [43] Ja, ja, ich weiß noch. Einst zur Weihnachtszeit, als jener verlassene Knabe hier ganz allein saß, kam er zum ersten Male, gerade wie er dort steht. Der arme Junge! Und Valentin,“ fuhr Scrooge fort, „und sein wilder Bruder Orson, dort gehen sie! Und wie heißt der, der mitten im Schlafe vor das Thor von Damaskus gesetzt wurde? siehst Du ihn nicht! Und der Stallmeister des Sultans, der von den Genien auf den Kopf gestellt wurde, dort ist er! Ha, ha, es geschieht ihm schon Recht! Wer heißt ihn die Prinzessin heirathen wollen!“

Scrooge mit vollem Ernste und mit einer Stimme zwischen Lachen und Weinen über solche Gegenstände reden zu hören und sein vor Freude aufgeregtes Gesicht zu sehen, wäre für seine Geschäftsfreunde in der City gewiß eine große Ueberraschung gewesen.

„Da ist auch der Papagei,“ rief Scrooge, „mit grünem Leib und gelbem Schwanz, da ist er! Der arme Robinson, er rief ihn, als er wieder von seiner Umsegelung der Insel nach Haus kam: „Robinson Crusoe, wo bist Du gewesen?“ Er glaubte, er träume, aber es war der Papagei. Ha, dort läuft Freitag in der kleinen Bucht. Es gilt das Leben. Halloh, hoh, halloh!“

Dann sagte er mit einem schnellen Wechsel der Gefühle, der seinem gewöhnlichen Charakter sehr fremd war: „Der arme Knabe!“ und er weinte wieder.

„Ich wollte,“ murmelte Scrooge, die Hand in die Tasche steckend und um sich blickend, nachdem er sich mit dem [44] Rockaufschlag die Augen gewischt hatte, „aber es ist zu spät jetzt.“

„Was willst Du?“ frug der Geist.

„Nichts,“ sagte Scrooge, „nichts. Gestern Abend sang vor meiner Thür ein Knabe ein Weihnachtslied. Ich wollte, ich hätte ihm etwas gegeben, weiter war es nichts.“

Der Geist lächelte gedankenvoll und winkte mit der Hand. Dann sagte er: „Laß uns ein anderes Weihnachten sehen.“

Scrooge’s früheres Selbst wurde bei diesen Worten größer, und das Zimmer etwas finstrer und schwärzer; das Getäfel warf sich, die Fensterscheiben sprangen; Stücke Kalkbewurf fielen von der Decke, und das bloße Lattenwerk zeigte sich; aber wie das Alles geschah, wußte Scrooge eben so wenig als ihr. Er wußte nur, Alles sei ganz in der Ordnung, und habe sich ganz so zugetragen, und er sei es wieder, der dort allein sitze, während die anderen Knaben nach Hause zur fröhlichen Weihnachtsfeier gereist waren.

Er las nicht, sondern ging wie in Verzweiflung im Zimmer auf und ab. Scrooge blickte den Geist an, und schaute mit einem traurigen Kopfschütteln und in banger Erwartung nach der Thür.

Sie ging auf, und ein kleines Mädchen, viel jünger als der Knabe, sprang herein, schlang die Arme um seinen Hals, küßte ihn und begrüßte ihn als ihren „lieben, lieben Bruder.“

„Ich komme, um Dich mit nach Haus zu nehmen, lieber Bruder!“ sagte das Kind, fröhlich mit den Händen klatschend. „Dich mit nach Haus zu nehmen, nach Haus!“

[45] „Nach Haus, liebe Fanny?“ frug der Knabe.

„Ja!“ antwortete die Kleine, in überströmender Lust. „Nach Hause und für immer. Der Vater ist so viel freundlicher als sonst, daß es bei uns wie im Himmel ist. Er sprach eines Abends, als ich zu Bett ging, so freundlich mit mir, daß ich mir ein Herz faßte und ihn frug, ob Du nicht nach Hause kommen dürftest; und er sagte ja, und schickt mich im Wagen her, um Dich zu holen. Und Du sollst jetzt Dein freier Herr sein,“ sagte das Kind, und blickte ihn bewundernd an, „und nicht mehr hieher zurückkehren; aber erst sollen wir Alle zusammen das Weihnachtsfest feiern und recht lustig sein.“

„Du bist ja eine ordentliche Dame geworden, Fanny!“ rief der Knabe aus.

Sie klatschte in die Hände und lachte, und versuchte, bis an seinen Kopf zu reichen; aber sie war zu klein, und lachte wieder, und stellte sich auf die Zehen, um ihn zu umarmen. Dann zog sie ihn in kindischer Ungeduld nach der Thür, und er begleitete sie mit leichtem Herzen.

Eine schreckliche Stimme in der Hausflur rief: „Bringt Master Scrooge’s Koffer herunter!“ Es war der Schullehrer selbst, welcher Master Scrooge mit brutalhochnäsiger Herablassung anstierte, und ihn in großen Schrecken setzte, wie er ihm die Hand drückte. Dann führte er ihn und seine Schwester in ein feuchtes, fröstelnerregendes Putzzimmer, wo die Erd- und Himmelsgloben im Fenster vor Kälte glänzten. Hier brachte er eine Flasche merkwürdig leichten Wein und [46] ein Stück merkwürdig schweren Kuchen herbei, und regalirte die Kinder schonend sparsam mit diesen auserlesenen Leckerbissen. Auch schickte er eine hungrig aussehende Magd hinaus, um dem Postillon ein Gläschen anzubieten, wofür dieser aber mit den Worten dankte, wenn es von demselben Faß wie das vorige sei, möchte er lieber nicht kosten. Während dieser Zeit war Master Scrooge’s Koffer auf den Wagen gebunden worden, und die Kinder nahmen ohne Bedauern von dem Schulmeister Abschied, setzten sich in den Wagen, und fuhren so schnell zum Garten hinaus, daß der Reif und der Schnee von den immergrünen Gebüschen wie Schaum stob.

„Sie war immer ein zartes Wesen, das von einem Hauch hätte verwelken können,“ sagte der Geist. „Aber sie hatte ein reiches Herz.“

„Ja, das hatte sie,“ rief Scrooge. „Ich will nicht widersprechen, Geist. Gott verhüte es.“

„Sie starb verheirathet,“ sagte der Geist, „und hatte Kinder, glaube ich.“

„Ein Kind,“ antwortete Scrooge.

„Ja,“ sagte der Geist. „Dein Neffe.“

Scrooge schien unruhig zu werden und er antwortete kurz „Ja.“

Obgleich sie kaum einen Augenblick die Schule hinter sich gelassen hatten, befanden sie sich doch jetzt mitten in den lebendigsten Straßen der Stadt, wo schattenhafte Fußgänger vorübergingen, wo gespenstige Wagen und Kutschen sich um [47] Platz stritten und wo alles Gedräng und alles wirre Leben einer wirklichen Stadt war. An dem Aufputz der Läden sah man, daß auch hier Weihnachten sei; aber es war Abend und die Straßenlaternen brannten.

Der Geist blieb vor einer Gewölbethür stehen und frug Scrooge, ob er sie kenne.

„Ob ich sie kenne?“ sagte Scrooge. „Hab’ ich hier nicht gelernt?“

Sie traten hinein. Beim Anblick eines alten Herrn in einer Stutzperrücke, welcher hinter einem so hohen Pulte saß, daß er mit dem Kopf hätte an die Decke stoßen müssen, wenn er zwei Zoll größer gewesen wäre, rief Scrooge in großer Aufregung: „Ha, das ist ja der alte Fezziwig, Gott segne ihn, es

A Christmas Carol in Prose, Being a Ghost-Story of Christmas (wörtlich Ein Weihnachtslied in Prosa, oder Eine Geistergeschichte zum Christfest, deutsch meist Eine Weihnachtsgeschichte) ist eine der bekanntesten Erzählungen von Charles Dickens. Sie wurde im Dezember 1843 mit Illustrationen von John Leech erstmals veröffentlicht.

Illustration (John Leech) aus dem Buch: Scrooge bläst dem ersten Geiste das Lebenslicht aus.
Veröffentlicht / Quelle: 
Der Weihnachtsabend. J. J. Weber, 1844

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