Der Weihnachtsabend (auch eine Weihnachtsgeschichte) - Page 8

Bild von Charles Dickens
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Scrooge Niemand sagen können, warum, wenn ihn Jemand gefragt hätte, aber doch fühlte er ein ganz besonderes Verlangen, den Geist in seiner Mütze zu sehen; und er bat ihn, sich zu bedecken.

„Was?“ rief der Geist, „willst Du sobald mit irdisch gesinnter Hand das Licht, welches ich spende, verlöschen? Ist es nicht genug, daß Du Einer von Denen bist, deren Leidenschaften diese Mütze geschaffen haben und mich zwingen, durch lange, lange Jahre meine Stirn damit zu verhüllen?“

Scrooge entschuldigte sich ehrfurchtsvoll, er habe nicht den Willen gehabt, ihn zu beleidigen, und behauptete, nicht zu wissen, daß er irgend je in seinem Leben dem Geiste Ursache gegeben habe, sich zu bedecken. Dann war er so frei, zu fragen, was ihn hierher führe.

„Dein Wohl,“ sagte der Geist.

Scrooge drückte seine Dankbarkeit aus, aber konnte sich doch des Gedankens nicht erwehren, daß eine Nacht ungestörten Schlafes ihm mehr genützt haben würde. Der Geist mußte ihn haben denken hören, denn er sagte sogleich:

„Deine Besserung. Nimm Dich in Acht!“

[39] Er streckte seine starke Hand aus, als er dies sprach und ergriff sanft seinen Arm.

„Steh’ auf und folge mir.“

Vergebens würde Scrooge eingewendet haben, Wetter und Stunde sei schlecht geeignet zum Spazierengehen; das Bett sei warm und der Thermometer ein gutes Stück unter dem Gefrierpunkte; er sei nur leicht in Pantoffeln, Schlafrock und Nachtmütze gekleidet und habe gerade jetzt den Schnupfen. Dem Griff, war er auch so sanft, wie der einer Frauenhand, war nicht zu widerstehen. Er stand auf, aber wie er sah, daß der Geist nach dem Fenster schwebte, faßte er ihn flehend bei dem Gewande.

„Ich bin ein Sterblicher,“ sagte Scrooge, „und kann fallen.“

„Dulde nur eine Berührung meiner Hand dort,“ sagte der Geist, indem er die Hand auf das Herz legte, „und Du wirst größere Gefahren überwinden, als diese hier.“

Als diese Worte gesprochen waren, schwanden die Beiden durch die Wände und standen plötzlich im Freien auf der Landstraße, rings von Feldern umgeben. Die Stadt war ganz verschwunden. Keine Spur war mehr davon übrig. Die Finsterniß und der Nebel waren mit ihr verschwunden, denn es war jetzt ein klarer, kalter Wintertag und der Boden war mit weißem, reinem Schnee bedeckt.

„Gütiger Himmel!“ rief Scrooge, die Hände faltend, als er um sich blickte. „Hier wurde ich geboren. Hier lebte ich noch als Knabe.“

[40] Der Geist schaute ihn mit mildem Blicke an. Seine sanfte Berührung, obgleich sie nur leise und augenblicklich gewesen war, klang immer noch in dem Herzen des alten Mannes nach. Er fühlte, wie tausend Düfte durch die Luft schwebten, jeder mit tausend Gedanken und Hoffnungen und Freuden und Sorgen verbunden, die lange, lange vergessen waren.

„Deine Lippe zittert,“ sagte der Geist. „Und was glänzt auf Deiner Wange?“

Scrooge murmelte mit einem ungewöhnlichen Molltone in der Stimme, es sei ein Wärzchen, und bat den Geist, ihn zu führen, wohin er wolle.

„Erinnerst Du Dich des Weges?“ frug der Geist.

„Ob ich mich seiner erinnere?“ rief Scrooge mit Innigkeit; „ich könnte ihn blindlings gehen.“

„Seltsam, daß Du ihn so viele Jahre lang vergessen hast,“ sagte der Geist. „Komm!“

Sie schritten den Weg entlang. Scrooge erkannte jedes Thor, jeden Pfahl, jeden Baum wieder, bis ein kleiner Marktflecken in der Ferne mit seiner Kirche, seiner Brücke und dem hellen Fluß erschien. Jetzt kamen einige Knaben, auf zottigen Ponies reitend, auf sie zu, welche anderen Knaben in ländlichen Wagen laut zuriefen. Alle diese Knaben waren gar fröhlich und laut, bis die weiten Felder so voll heiterer Musik waren, daß die kalte, sonnige Luft lachte, sie zu hören.

[41] „Dies sind bloß Schatten der Dinge, die gewesen sind,“ sagte der Geist, „sie wissen nichts von uns.“

Die fröhlichen Reisenden kamen näher und jetzt erkannte Scrooge sie Alle und konnte sie Alle bei Namen nennen. Warum freute er sich über alle Maßen, sie zu sehen, warum wurde sein kaltes Auge feucht, warum frohlockte sein Herz, als sie vorübereilten, warum wurde sein Herz weich, wie sie an den Kreuzwegen von einander schieden und sich fröhliche Weihnachten wünschten?

Was gingen Scrooge fröhliche Weihnachten an? Der Henker hole fröhliche Weihnachten! Welchen Nutzen hatte er jemals davon gehabt?

„Die Schule ist nicht ganz verlassen,“ sagte der Geist. „Ein Kind, eine verlassene Waise sitzt noch einsam dort.“

Scrooge sagte, er wisse es. Und er schluchzte.

Sie verließen jetzt die Heerstraße auf einem wohlbekannten Feldwege und erreichten bald ein Haus von dunkelrothen Ziegeln, mit einem kleinen Thürmchen auf dem Dache und darin eine Glocke. Es war ein großes Haus, aber jetzt vernachlässigt und verfallen, denn die geräumigen Gemächer waren wenig gebraucht, die Wände feucht und grün, die Fenster zerbrochen, die Thüren morsch und halb zerfallen. Hühner gluckten und scharrten in den Ställen; und der Wagenschuppen war mit Gras überwachsen. Auch im Innern war nichts von seiner alten Pracht übrig geblieben, denn als sie in die verödete Hausflur eintraten und durch die offenen Thüren in die vielen Zimmer blickten, sahen sie [42] nur ärmlich ausgestattete, kalte, große Räume. Ein erdiger, dumpfiger Geruch erfüllte die Luft, eine frostige Unbehaglichkeit schien um den Ort zu schweben.

Der Geist und Scrooge gingen über die Hausflur nach einer Thür auf der Rückseite des Hauses. Sie öffnete sich vor ihnen und zeigte ihnen einen langen, kahlen, unbehaglichen Saal, noch kahler und unbehaglicher gemacht durch die Reihen von einfachen hölzernen Bänken.

Auf einer derselben saß einsam ein Knabe neben einem schwachen Feuer und las; und Scrooge setzte sich auf eine Bank nieder und weinte, sein eigenes, vergessenes Selbst, wie es in früheren Jahren war, zu sehen.

Kein dumpfer Widerhall in dem Hause, kein Rascheln der Mäuse hinter dem Getäfel, kein Getröpfel des halbgefrorenen Röhrtrogs in dem Hofe hinten, kein Seufzer in den blattlosen Zweigen einer verlassen trauernden Pappel, nicht das Klappen der vom Winde hin und hergeschwungenen Thür des Vorrathshauses im Hofe, selbst nicht das Knistern des Feuers war für Scrooge verloren. Alles fiel auf sein Herz mit erweichenden Tönen und löste seine Thränen.

Der Geist berührte seinen Arm und wies auf sein jüngeres, in ein Buch vertieftes Selbst. Plötzlich stand ein Mann in fremdartiger Tracht mit einer Axt im Gürtel und einen mit Holz beladenen Esel am Zaume führend, draußen vor dem Fenster.

„Was! das ist ja Ali Baba!“ rief Scrooge voller Freude aus. „Es ist

A Christmas Carol in Prose, Being a Ghost-Story of Christmas (wörtlich Ein Weihnachtslied in Prosa, oder Eine Geistergeschichte zum Christfest, deutsch meist Eine Weihnachtsgeschichte) ist eine der bekanntesten Erzählungen von Charles Dickens. Sie wurde im Dezember 1843 mit Illustrationen von John Leech erstmals veröffentlicht.

Illustration (John Leech) aus dem Buch: Scrooge bläst dem ersten Geiste das Lebenslicht aus.
Veröffentlicht / Quelle: 
Der Weihnachtsabend. J. J. Weber, 1844

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