Die blasrote Baseballkappe

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Er schaut den Füßen nach wie sie stolzierend, schleppend oder beschwingt durch sein Blickfeld streichen.
Im Cafe’ gegenüber schaufeln Menschen mit langen Löffeln Früchte aus den Tiefen des Eises hervor. Nebenan - „Lapaloma“ auf der Fiedel und Ernst schleudert Feuerkeulen.
Eine Frau gibt dem Bettler ein Brötchen. Der Bursche nickt, schlurft an einen Mülleimer heran, gräbt eine leere Flasche aus dem Dreck, verschwindet im Cafe’. Nach einer Weile kehrt er wieder zurück, stürzt das kühle Leitungswasser die Kehle hinunter.
Schüler trotten ihrem instruktiven Erzieher hinterher, blicken auf den Wohnungslosen, grinsen - als würden sie sich einen Scherz mit ihm erlauben wollen. Aber die jungen Leute kramen Börsen hervor. Ein Zögling wirft dem Armen eine Handvoll Münzen in den Hut. Der Nassauer lächelt schief.
„Warum lungerst Du hier herum?“ frage ich ihn unvermittelt.
Seine Augen suchen die meinen. „Siehste das nicht? Ich bettle die Leute an, klaue ihnen einen Moment ihres hektischen Daseins.“ Der Kerl erwacht aus seiner Indolenz, spricht sehr forsch.
„Ist mein Bremen, kapierst das nicht?“
Dann springt er wie ein erregter Straßenköter auf.
„Ist meine Einkaufsstraße, mein Gehsteig, meine Stube - das beschissene Bremen - klar?
Stumm wende ich mich ab, gehe zögernd weiter. Ich hätte ihm sagen sollen, dass ich in dieser Stadt geboren bin. Ihm sagen sollen, dass ich hier Laufen und Radfahren gelernt habe, sogar das erste Mal ein Mädchen geküsst. Ich schaue noch kurz zurück.
In der Mittagssonne sehe ich Münzen in einer blasroten Baseballkappe blinken. Es ist Sommer - in Bremen.