DANDY – DER STIL IN DEN GENEN. TEIL 2

von Mark Wolkanowski
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Endlich war ich angezogen. In den letzten Jahren war ich sehr dünn geworden und die Kleider, die ich trug standen mir außergewöhnlich gut und ich habe sehr chic ausgesehen.

Mein Hunger nach Süßigkeiten war zunächst für eine lange Zeit gestillt, denn ich dürfte keine Süßigkeiten und vor allem, keine Schokolade essen und im Laufe der nächsten Jahre wird sich mein Hunger immer in erträglichen Grenzen halten müssen.

Heute sind es schon fast sieben Jahre ohne Süßigkeiten und ich leide überhaupt nicht mehr. Mit der Zeit verliert der Körper das Verlangen nach Zucker und man kann sehr gut ohne Zucker leben.

Die Menschen auf der Strasse und in den Kaffeehäusern bewunderten meine Erscheinung. Mein Gesicht war mager aber nicht zu blass und mein Haar kurz geschnitten. Auf meinem Ringfinger trug ich einen Rubin Ring und auf meinem Handgelenk fünfzehn Armbändchen mit Edelsteinen, Halbedelsteinen, Swarovski-Perlen, Kristallen in allen Farben und mit Silber, Gold, Chirurgenstahl und Messing.
Meine Lieblingssteine sind Rubine und Amethysten.

Der Rubin ist sicherlich der Stein höchster Lebensfreude. Nur reiche Leute mit Stil tragen Rubine.
Er verleiht ein Freiheitsgefühl ungeahnten Maßes und unterstützt Moral und Entschlossenheit. Auch für das Gefühlsleben ist der Rubin sonderbar und ein wahrer Balsam. So reinigt der Rubin von aggressiven, schlechten Gedanken und schenkt Einfühlungsvermögen und Klarsicht. Sorgen verwandelt er in echte Freude und Zuversicht und seine Stärke hilft dem Schwachen auf die Beine und hilft dem Starken, seine Kraft achtsam und sinnvoll einzusetzen. Zudem soll er seinem Träger Respekt und Ehrfurcht einflößen. Vitalisierend, stärkend, aber auch fordernd sorgt er, der Rubin Stein, für Bewegung und Forscherdrang. Mit einem Rubin an der Seite fühlt sich das Leben erleichtert und einfach lebenswert und wundervoll schön an.

Amethyst reinigt meinen Körper und meine Seele und schenkt mir den inneren Frieden.

Eigentlich lebe ich jetzt gern als Dandy und es wird mir schwer fallen, diesen Zustand zu verlassen. Aber ich werde immer zurückkommen, selbst wenn ich dort drüben, jenseits der Erde, am Leben bleiben werde.

Dort werde ich mir vorstellen, wie schön es gewesen war, mich auf der Erde jeden Tag hübsch zu machen und ich werde ständig daran glauben, dass es für mich ein Paradies war.

Dandys waren junge Leute, die schon im 18. und 19. Jahrhundert in auffälliger Bekleidung Kirchen und Jahrmärkte besucht haben.

Ein Dandy nach Oscar Wilde, der ein berühmter Vertreter der Dandys war, ist eine Prägung und eine Lebensphilosophie, die eine ungünstige Zeit zu erkennen gibt, mit der Annahme, dass die Welt in ihrer Ordnung schlecht und zum Untergang bestimmt ist.

Politisches oder soziales Engagement, selbst die Einhaltung der bürgerlichen Normen sind daher nicht nur sinnlos, sondern geradezu Ausdruck kleinbürgerlicher Dumpfheit.
Den Sinn, den er im Leben vermisst, kompensiert ein Dandy durch die Form, die er seinem Ich-Selbst gibt und durch eine narzisstische Inszenierung. Er stilisiert sich zum décadent oder entartet und genießt das Gefühl, das er dadurch gewinnt und damit hilft ihm das Gefühl zur Avantgarde zugehören. Dandys sind an die Gesellschaft nicht angepasst und in der Kleidung und in der Erscheinung nicht eingeschränkt.
Es gibt Menschen, die durch das Leben ganz ruhig ohne Inszenierung schlendern und dann gibt es Menschen, die eine ästhetische Aufwertung, Leidenschaftlichkeit, Verspieltheit und eine Theatralik brauchen.

Eine modernere Form des Dandytums ist Camp. Daher kommt das Wort – campy – affektiert. Camp bezieht sich auf die übertriebene, selbstironische Darstellung mit weiblichen Affekten, die in der Zeit der klassischen Hollywood Stars vorherrschte. Dazu gehört Bette Davis, Joan Crawford, Barbara Stanwyck und Katharine Hepburn.

Bis heute hat mich der merkwürdige Reiz, mich ganz schön und auffällig anzukleiden nicht verlassen.
Es war wieder ein wenig kalt und der Himmel verhüllte sich mit einer Wolkendecke und weil ich Angst hatte vor nassen Flecken an meinem Gehrock, ging ich an diesem Morgen nicht durch die Strassen ins Büro.
Natürlich vermisste ich das verschlafene Vogelkonzert im Park und ich kann es mir nicht erklären, aber ich könnte im Büro mit Flecken auf meinem Hasenhaar Hut mit unzähligen Smaragden Brosche nicht auftreten.

Alle Menschen in der U-Bahn waren wach und ich freute mich über den anbrechenden Tag, obwohl es gerade angefangen hat zu regnen. Die durchsichtigen Tropfen lagen auf den Fenstern und ich habe gehofft, später, wenn die Sonne über die Stadt steigt, alle Regenbogenfarben klar und glänzend sehen zu können.

Neben mir saß ein junger Mann in einem grauen, engen Anzug. Ich vermute, der Junge war ein Student und mir war sofort klar, dass er von sich nicht viel preisgeben wollte und lieber dezent im Hintergrund bleiben möchte. Sein Anzug saß ganz gut an dem hübschen Mann und er schien völlig unangreifbar zu sein.

„Entschuldigung. Was ist das? Ihr Outfit?“ – der junge Mann hat mich endlich nach zwei Stationen angesprochen. „Sie haben heute einen Auftritt, oder?“

„Nein. Nein. Ich bin ein Dandy. Aber Du weißt nicht, was ein Dandy ist“.

„Ehrlich gesagt nicht. Wissen Sie, ich studiere BWL und mache erst den Bachelor. Ich weiß nicht, ob ich den Master machen werde. Ach, übrigens, wissen Sie wo ich hier in der Stadt, mir ein schönes Einstecktuch kaufen könnte? Ich schreibe mir das Wort – Dandy – in meinen Notizen und das Geschäft mit dem Einstecktuch auf. Und ich schreibe mir Ihren Namen auf. Mein Handy hat im Moment keinen Empfang also wir können uns jetzt nicht vernetzen“.

Mir ist es nie schwer gefallen fremde Wörter zu erlernen und ich habe immer die Gelegenheit gehabt, sie zu benutzen und ich habe ständig die Rechtschreibung und die Grammatik dazu gelernt und heute wundert es mich, wenn ich mit jungen Menschen spreche und sie nicht einmal das Wort „Dandy“ kennen. Und ich bin überzeugt und ich weiß es, dass den meisten meiner Bekannten nicht viel besser ergeht. Ich war immer ein guter Schüler. Mag sein, dass es heute etwas an unserem Schulwesen nicht in Ordnung ist und daher treten alle diese Mängel auf.

Der hübsche und junge Florian hat aber die Möglichkeit, seine Mängel der Unwissenheit auszugleichen, denn kurz bevor er aus dem Zug ausgestiegen war, habe ich ihn zu mir nach Hause eingeladen.

Wenn ich heute an diesen Mann denke, empfinde ich viel mehr Sympathie für ihn als in der U-Bahn und es tut mir sogar leid für ihn wenn ich heute noch sein Herz höre, wie rasch das Herz klopfte und ich werde nie vergessen, wie aufgeregt, hektisch und ruhelos er war als wir am Tisch gesessen haben.

Seit diesem Tag ist es mir klar geworden, dass ich in meinem Leben noch nie ein Dilettant gewesen war und als Florian mich besucht hat, hatte ich noch einmal eine Chance, mich als ein guter Koch wahrzunehmen.

Es gab gegrilltes Carpaccio von der Maispoularde mit Wildkräutern und dazu habe ich schnell Brombeeren mit Schalotten aufgekocht, dann Chili und Knoblauchzehen in Olivenöl angeschwitzt und ein wenig Zucker karamellisiert und mit Lorbeerblatt und Rotwein mit Balsamico sirupartig eingekocht. Mit ein wenig Salz und Pfeffer abgeschmeckt und das alles ergab ein Brombeerchutney.

Natürlich war es damit nicht zu rechnen, aber ob es mir einer glaubt oder nicht, der hübsche Florian hat den ganzen Abend damit nicht aufgehört mich mit „Sie“ anzureden. Ich spürte ein stumpfes Unbehagen in meinem Körper aber ich habe es gemerkt, dass ihn auf „Sie“ und Du“ aufmerksam zu machen viel zu viel gewesen wäre.

Viel eher habe ich von Florian während des Abends gehört, dass der hübsche Student, seit Monaten unter Schwermut, Melanchonie und Trübsinn gelitten hat und im Moment ganz schlecht für das wirkliche Leben ausgerüstet war.

„Wissen Sie, ich habe mir ein Einstecktuch gekauft. Ich war in dem Geschäft, das Sie mir empfohlen haben. Aber ich habe es gebügelt und ich habe das Tuch verbrannt“.

Seit einigen Jahren wünschte ich mir meine eigenen Kinder zu haben aber weil diese Geschöpfe mir nicht gelungen sind, entwickelte sich bei mir eine schreckliche Sehnsucht und ein Verlangen nach Empfindungen, die ein Lehrer oder ein Vater, der gebildet und wissend ist, einem jungen Mann einprägen kann.

Es gibt so viele Gefühle, die ein Mensch hegen kann aber weil ich ein Dandy bin und so unaufhörlich mit mir selbst beschäftigt bin, konnte ich dem schönen Florian, nur an diesem einen Abend, ein Gefühl der Behütung, Sicherheit und Geborgenheit anbieten.

Kurz bevor er nach Hause ging, fand ich ein wunderschönes, rotes, seidenes Einstecktuch in meiner Schublade. Das Tuch roch wie alle meine Tücher nach Puder meiner Parfümdüfte und ich faltete das Kavaliertuch wie eine Rose, zupfte sie ein wenig zurecht und steckte das Tuch in seine Brusttasche.

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