Daphne am Seelenbrunnen - ein modernes altes Märchen

von Annelie Kelch
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Einst lebte auf einer sonnigen Insel im Meer ein junger König mit seinen beiden Töchtern Gotlanda und Daphne. Seine Gemahlin war wenige Jahre nach der Geburt des jüngsten Kin­des gestorben, und der Witwer überschüttete das Geschwisterpaar mit all der Liebe, die sein schwermütiges Herz tagtäglich aufs Neu erfüllte, und las ihnen jeden Wunsch von den Augen ab. Die beiden Prinzessinnen liefen oft an den Strand hinunter, plantschten im Wasser umher oder bauten Sandburgen, die sie mit prachtvollen Muscheln schmückten.
So lebten alle drei glücklich und zufrieden in ihrem meerumschlungenen Inselreich, und auch die Untertanen des Königs führten ein sorgenfreies Leben – bis eines Tages etwas Schreck­liches geschah: Ein Räuberschiff legte am bewaldeten Ufer der Insel an, und als Gotlanda und Daphne ganz in der Nähe ihr Spiel vom Vortage fortsetzen wollten, sprang der Hund des Räuberhauptmanns von Deck und geradewegs auf die Geschwister zu. Er warf Gotlanda zu Boden und zerfleischte sie. Daphne, die mitansehen musste, wie das Leben ihrer lieben Schwester ein grausames Ende fand, konnte sich in letzter Minute auf eine uralte Eiche retten, die am Waldsaum ihre knorrigen Äste wie Wegweiser in alle Richtungen streckte, als wolle sie den Wanderer necken.
Das Räuberschiff befand sich längst wieder auf hoher See, nachdem der König seinen Solda­ten befohlen hatte, die Halunken in die Flucht zu treiben; aber die tiefe Trauer, die seit Got­landens Tod in jeden Winkel des Schlosses gekrochen war, hatte sich um keinen Deut verrin­gert. Der König kam über den Verlust seiner ältesten Tochter nicht hinweg, und seine maß­lose Trauer machte ihn grausam und ungerecht. Er ließ jedes Tier töten, das in seinem Reich eine Heimat gefunden hatte. Nicht einmal Schmetterlinge, Libellen und das sirrende Mücken­volk duldete er auf seiner Insel, und er befahl seinen Landsknechten, jedwedes Gefleucht, das sich dort herumtreibe, zu töten. Weil aber vom Festland immer neue Insekten übers Meer ge­flogen kamen, waren die Männer Stund' um Stund' damit beschäftigt, den Tierchen den Garaus zu machen.
Längst lag eine unbehagliche Stille über dem Königreich, und Gott, der sich vor langer Zeit von den Menschen zurückgezogen hatte, ließ es häufig regnen und stürmen. Daphne weinte viele Stunden am Tag, und nichts und niemand konnte sie aufheitern. Es verstrichen zwei volle Jahre, ohne dass jemand sie lachen hörte. Seit Gotlanda gestorben war, fühlte sich Daphne einsamer als jemals zuvor. Ihr Vater war wie verstummt und versteinert, und seine Untertanen beklagten den Verlust ihrer Hof- und Haustiere, die sie lieb gewonnen hatten, ja, sie zürnten ihrem König so sehr, dass sie Daphnes freundlichen Gruß nicht mehr erwiderten. Ohne die nützlichen und possierlichen Tiere, den strahlenden Sonnenschein und einen König, der guter Dinge und zu jedermann freundlich war, ließ sich das Leben auf der Insel kaum noch ertragen.
So kamen und gingen die Jahreszeiten, und mit ihnen ging die Zeit ins Land, und Daphne wuchs zu einem wunderschönen jungen Mädchen heran.

Eines Morgens, die Sonne strahlte vom Himmel herab wie schon seit Wochen nicht mehr, lief die Prinzessin im Wald umher und geriet tiefer und tiefer in das Dickicht hinein. Mit jedem Schritt, den sie tat, schien der Tann, der ihr fremd und unheimlich ward, um ein mächtiges Stück zu wachsen, und sie wusste kaum noch, wohin sie ihre Schritte lenken sollte. Der schöne grüne Wald hatte sich in ein trostloses Gefilde verwandelt: Das Erdreich, das schwär­zer nicht hätte sein können, barg weder Moos noch Laub, die Baumstämme waren von asch­grauer Farbe, und es hing kein einziges Blatt mehr an den Zweigen.

Schließlich gelangte Daphne an einen Brunnen, der von vier alten Eichen umgeben war. Er­schöpft ließ sie sich auf dessen Mäuerchen nieder und fing bitterlich an zu weinen. Die Zeit rann wie im Traume dahin, und Daphnes Tränen, die nicht versiegen wollten, fielen in den steinernen Bronn und brachten ihn gar zum Überlaufen; aber erst, als die Prinzessin gewahr wurde, dass ihre Füße in einem Pfützchen ruhten, bekämpfte sie die Flut, die aus ihren Augen strömte, und ihr Blick fiel auf einen wunderschönen Schmetterling, der sich neben sie nieder­gelassen hatte und so heftig mit seinen silberblauen Flügeln schlug, dass das Wasser im Nu trocken ward.
„Weine nicht, liebes Kind“, hob der Falter mit sanfter Stimme zu sprechen an, „deine Trauer wird bald ein Ende haben.“ Und das wundersame Tier flatterte empor und strich mit seinen zarten Flügelchen so sanft über ihre Augen, dass hernach kein Tränchen mehr darin lag.
„Warte ein Weilchen hier am Bronn, meine Daphne“, fuhr der Schmetterling mit gütiger Stimme fort. „Ich rufe eine Vertraute herbei, eine Ricke, die wird dich durch den Wald und heim ins Schloss geleiten.“ Da ward Daphne mit einem Mal ganz wunderlich ums Herz, denn die Stimme des Schmetterlings erinnerte sie an ihr verstorbenes Mütterlein.
Die Königstochter wartete geduldig am Brünnchen, und wiederum verrann Stund' um Stund', längst hatte sich Dämmerung über den Wald gelegt, und am Himmel erstrahlten die ersten Sterne, um dem einsamen Mond Gesellschaft zu leisten. Und Daphne, in Trauer und Weh versunken, sang ein ums andere Mal:

"Wo bleibt mein armer Vater,
der nach mir sucht, wo meines Falters
schöne blaue Kleid, wo das Reh?
Ach, Mütterchen, mein, und Gotlanda,
sooft ich an euch denk’,
schmerzt mich des Herzens Weh!"

Aber nichts geschah: Weder ließ sich der blaue Schmetterling blicken noch kamen die Solda­ten ihres Vaters herbeigeeilt, um die Prinzessin vor der Finsternis zu retten, die sich vom Himmel ergoss, als wränge der liebe Gott einen riesigen Tintenschwamm aus. Daphne wäre vor lauter Angst am liebsten gestorben. Beide Arme um ihren zitternden Leib geschlungen, kauerte sie auf dem Rand des Bronns. Ihre Schuhe aus Atlasseide hatte das Dornengestrüpp längst zerrissen, und ihre nackten Füße, die auf dem Mäuerchen ruhten, waren von der Kälte ganz blaugefroren. Seit sich der Wald in ein düsteres Dickicht verwandelt hatte, war Totenstille darin ein­gekehrt, aber vor lauter Furcht nahm Daphne nimmermehr wahr, dass in den Büschen kein einziges Tierchen mehr rumorte und kein einziges Vöglein sein Stimmchen zum Tirilieren erhob. Deshalb erschrak sie aus tiefster Seele, als sie mit einem Mal ein lautes Geraschel über sich vernahm, und als sie ängstlich emporblickte, sah sie voller Erstaunen, wie sich die vier hohen Eichen hurtig mit goldenem Laub schmückten, und auf einem der Äste hockte ein schneeweißer Uhu mit flammendroten Augen. „Ach, Ihr seid es nur, alte Jutzeule“, sagte Daphne erleichtert. „Ich glaubte fürwahr, eine Raubkatze treibe dort oben ihr Unwesen und wolle sogleich herunterspringen, um mich zu zerfleischen.“ –
„Jutzeule?“, krächzte der Uhu und zog ein beleidigtes Gesicht. Wenn Ihr’s genau wissen wollt, holdes Mägdelein, mein lin­ker Flügel ist lahm und will nimmermehr fliegen. Hebt mich herab zum Bronn, damit ich ein wenig daraus trinken kann. Meine Kehle ist trockener als die Stämme der trostlosen Bäume am fernen Waldrand.“ Und weil Daphne ein mitleidiges Herz hatte, half sie dem Tier vom Baum herab. Aber kaum hatte sie den Kauz auf das Mäuerchen gesetzt, fiel er auch schon in das dunkle Wasser hinein.
„Ach, du armes Geschöpf“, seufzte Daphne aus tiefstem Herzen. „Jetzt habe ich dir ein noch größeres Unglück beschert. Möge Gott mir verzeihen, dass ich nicht besser auf dich Acht gab.“ Und wieder weinte sie bittere Tränen. Und abermals floss das Brünnchen über; aber dieses Mal kam kein Schmetterling herbeigeflattert, um ihre Tränen zu trocknen, und Daphne verzweifelte gar sehr und wünschte sich nichts sehnlicher als den Tod, um end­lich bei ihrem Mütterlein und ihrer lieben Schwester zu sein. Sie stieg auf das steinerne Mäu­erchen, und als sie sich in die Tiefe stürzen wollte, wich das Wasser mit einem Mal zurück, als hocke der Mond in des Brünnleins Schlund und zöge es mit sich fort. Und als der letzte Tropfen versiegt war, ward es mit einem Mal taghell im Wald, und die Bäume ringsumher er­strahlten in einem herrlichen Glanze. Aus der Tiefe des Bronns jedoch schwebte ein junger Königssohn empor, und nachdem er sich über das Mäuerchen geschwungen hatte, verneigte er sich vor Daphne und fragte sie, ob sie seine Gemahlin werden wolle; aber Daphnes Gedan­ken weilten bei dem armen Kauz, und sie fragte den Königssohn, ob er dem verletzten Tier im Bronn begegnet sei. Da lachte der Königssohn gar herzlich und sagte: „Liebe gute Daphne, wenn Ihr die alte Jutzeule meint, meint ihr niemand anderen als mich. Als ich ein Bub war, stritt ich eines Tages mit meinem älteren Bruder, der auf mich Acht geben musste, sobald unsere Kinderfrau heimlich ins Dorf schlich, um Naschwerk zu kaufen. Einmal geschah es, dass ich versehentlich einen Nagel in seinen Lieblingsball trieb. Da schalt er mich einen trot­teligen Schuhu und rief dreimal hintereinander:

"Uhu, Schuhu, mein Brüderchen Gundolf ist ein alter weißer Jutzuhu!"

Kaum war die letzte Silbe verklungen, verwandelte ich mich in ein Eulentier und geriet in diesen gruseligen Totenwald. Glaubt mir, liebe Daphne: Euch und mich hat die Traurigkeit hier zusammengeführt. Als Ihr mich auf das Mäuerchen gesetzt habt, hörte ich aus der Tiefe des Bronns die Stimme meines verstorbenen Väterchens und ließ mich, verzeiht mir, hinein­fallen, um bei ihm zu sein.“
Daphne und Gundolf blickten in den Bronn, der sich wieder mit Wasser zu füllen begann; die Bäume ringsumher verloren ihren Glanz, und die beiden Königskinder spürten, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis der Wald erneut in Ödnis fiele.
„Lasst uns Abschied nehmen vom Seelenbrunnen, Daphne“, sagte der Königssohn. „Ich verrate Euch ein Geheimnis: Unter diesem Bronn liegt ein Rittersaal, worin die toten Seelen für ihre Liebsten beten und sie von bösen Zauberflüchen erlösen, sofern sie zur rechten Zeit am rechten Ort sind. Hättet Ihr mich nicht vom Baum gehoben, gutes Mägdelein, hockte ich alleweil dort und rühmte mich, Herrscher des Totenwalds zu sein, dabei war ich nichts weiter als ein flügellahmer Jutzuhu.“
Da lachten beide gar sehr und fass­ten sich bei den Händen, und der gute Mond, der derweil den Bronn bis zum Rand mit Wasser ange­füllt hatte, leuchtete vom Firmament herab und zeigte ihnen den Weg zum Schloss, worin der König vor Kummer ster­ben wollte, denn die Soldaten, die er ausgesandt hatte, fanden seine Tochter nicht, weil ihre Trauer um die Prinzessin nicht groß genug war, um Einlass in den Totenwald zu finden.
Als der König Daphne erblickte, ward er so froh, dass er ein großes Hochzeitsfest für sie und Gundolf ausrichten ließ, und es kehrten wieder Frohsinn, Glück und viele Tiere auf der Insel ein. Unter ihnen weilten ein wunderschöner Schmetterling mit silberblauen Flügeln und eine Ricke, die Daphne bis zu ihrem Lebensende begleiteten.

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Kommentare

07. Nov 2016

Oh, wie schön. Ich liebe solche Märchen.
LG Petra K.

07. Nov 2016

Danke, Petra. Ich freue mich sehr, dass du das Märchen gerne gelesen hast.

LG Annelie

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