Moschus

von Monika Laakes
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Als ich mich das erste Mal in das Leben der kleinen Frau stahl, war meine Macht unermesslich. Das geschah vor mehr als sechzig Jahren in einer kalten, klaren Winternacht. Das Gefunkel der Sterne lockte ungezählte Traumgedanken hervor, und der Blick zum Firmament ließ das Herz leicht und wehmütig zugleich werden, denn die ungeheure Ferne versprach eben so viel Freiheit wie Einsamkeit. Und unsere Erde hatte die Aura der grenzenlosen Weite verloren, denn sie ließ sich ohne große Mühe in absehbarer Zeit mit Hilfe genialer technischer Erfindungen erobern. Und Botschaften aller Art wurden von einem Kontinent zum anderen geschickt. Und so gelangte in Windeseile ein neuer Tanz von Amerika nach Europa. Man tanzte Charleston.
*
Ihr Gesicht war gerötet und glänzte mit ihren Augen um die Wette. Sie konnte ihre Beine so schnell hochwerfen, dass sie der Musik davontanzte. Ihr Atem jagte. Sie hielt ihren Mund leicht geöffnet, so dass sich dessen Form an die der runden Augen anpasste.
Wieso wurde sie nicht müde, obwohl sie seit Stunden unermüdlich tanzte? Und wie hatte sie sich zuvor gesträubt, als Mutter und Vater sich auf das große Fest vorbereiteten. Schön, so schön sah die Mutter aus in ihrem violetten, langen Kleid. Dazu die helle, feine Haut, der rötliche Glanz in ihrem dunklen Haar.
Würde sie jemals so schön sein können?
Das junge Mädchen drehte sich vor dem Spiegel. Sie konnte einfach nicht mehr wachsen, und ihr Körper war kindlich geblieben, obwohl sie mit siebzehn schon hätte ausgewachsen sein müssen. Das pinkfarbene Kleid, das die Knie freiließ, hing vorne wie hinten gleichermaßen glatt herunter, glatt, ohne jegliche Ausbuchtung.
Und nun tanzte sie und bog ihren Körper geschmeidig dem Gegenüber entgegen, und die Linien zweier Körper verschmolzen zu einer nie gekannten Harmonie.
Vergessen die Unlust vor dem Fest. Vergessen die Angst vor der Ungewissheit. Würde sie wieder abseits stehen, hinter der Schönheit der Mutter verschwinden?
Nun war sie jählings eingetaucht, als hätte eine Welle sie erfasst und hinweggeschwemmt. Ein herbsüßer Geruch breitete sich aus. Er strömte unentwegt in ihre kleine Nase, in ihren Mund, man mag es kaum glauben, denn er floss in ihre Augen und ließ sie funkeln. Er durchzog ihren Kopf, ließ Geräusche sich mit Farben vermischen. Und das violette Kleid der Mutter wölbte sich wie der Nachthimmel, in dessen Weite sich die Stimmen zu einem Flüstern reduzierten.
Und Musik war überall.
Sprühend ergoss sie alle Farben des Regenbogens in den Raum. Die Körper der Tanzenden glühten in reinstem Rot, wechselten zum Orange, zum Gelb. Flammen züngelten empor. Menschen brannten lichterloh, ohne zu verbrennen. Nahm nur noch das Auge wahr? Verschwand hinter dem optischen Eindruck die akustische Wahrnehmung? Hatte nicht der Klang erst die sprühende Farbenpracht erzeugt? Wurde nicht all das von dem herbsüßen Geruch getragen, in dem sich die Gegenwart verlor?
Das junge Mädchen tanzte und tanzte, und der Moschusduft, der von dem Mann ausging, der sie neben der Mutter entdeckte, der sie ansprach, der sie zum Tanz bat, und der nur sie bemerkte, nur sie, rührte an ihr Innerstes, ließ Traum und Wirklichkeit verschmelzen, ließ die Person dahinter verschwinden, ließ die Loslösung von Zeit und Raum zu und grub sein Muster in diesem Moment tief ins Unbewusste ein.
*
Nun, wie ich schon bemerkte, war das meine erste folgenschwere Begegnung mit der kleinen Frau. Ich bilde mir ein, dass nur meine Gegenwart sie zu bezaubern vermochte. So konnte und sollte sie mich nie mehr vergessen.
*
Inzwischen wird es Ihnen wohl gelungen sein, mich zu identifizieren? Nicht sichtbar, nicht greifbar, eben so wenig mit dem Gehör zu erkennen.
Na?
Bis heute wird meine Wirkungsweise unterschätzt, dabei tritt sie, wenn man einen nahen Verwandten von mir beobachtet, offen zutage.
Sehen Sie dort drüben die junge Frau? Ja, diese dort mit dem Hund und der Einkaufstasche am Arm. Jetzt leint sie ihn draußen vor dem Lebensmittelgeschäft an einem dafür vorgesehenen Haken an. Wie er nun da sitzt und schaut, die Ohren hängen lässt mit durchdringenden Bettelaugen. Wie sie sich daneben hockt, seinen Kopf streichelt, während er seine Pfote auf ihr Knie legt. Seine Schnauze wandert zu ihrer Hand, schnüffelt, leckt, schnüffelt.
Da. Plötzlich hebt er den Kopf, kneift die Augen zur Hälfte der ursprünglichen Größe zusammen, bewegt die Nase blitzschnell. Dabei werden seine unteren Zähne frei. Er zieht hörbar einen Geruch ein. Ein Schleier legt sich über seine Augen. Er winselt. Zerrt an der Leine, als wolle er eine Zentnerlast bewegen. An seinen Lefzen tritt schaumiger Speichel hervor, zieht lange Fäden, tropft zu Boden. Er stellt sich auf die Hinterbeine. Ist von Sinnen. Zerrt an der Lederleine, so dass der Haken aus der Mauer zu brechen droht. Die junge Frau schimpft. Flucht gar.
Dicht neben ihr läuft ein kleiner Hund vorüber, dessen Hinterteil eine starke Schwellung aufweist und fortwährend einen Duft ausströmt.
Nun lacht man über Paarungsinstinkte. Hundeleben. Erwähnt die Erhabenheit des Menschen über dies kreatürliche Verhalten.
Der Rüde konnt‘ sich lange nicht beruhigen.
*
Würde man immer noch lachen, wenn man die eigene Abhängigkeit von bestimmten Duftstoffen erkennen könnte? Würden Sie lachen?
Wenn Sie durch meine Anwesenheit unmerklich und unbewusst in eine andere Stimmung versetzt würden? Könnten Sie noch lachen?
So schlich ich mich wiederum nach mehr als einem halben Jahrhundert in das Leben der kleinen Frau.
*
Was wäre, wenn das Leben so winzig würde, dass es nur noch den Augenblick erfasste? Wenn das, was gestern oder auch eben erst geschah, jetzt schon verschwunden wäre? Würde nicht aus einem wundervoll geknüpften Teppich nur ein Knoten entnommen und betrachtet? Aus einem umfangreichen Roman nur eine Zeile erfasst? Und wie sollte der Zusammenhang erkannt werden? Wie der Sinn?
So wuchs die kleine Frau mehr und mehr in den Boden hinein.
>Ich bin nicht froh, gar nicht mehr froh<, jammerte sie, wenn ein leichter Schimmer von früher ihr Gedächtnis aufhellte. Alles um sie herum hatte sich auf eine eigentümliche Art und Weise verändert. Es gab da keinen blauen Sessel mehr. Und es gab keine buntgeblümten Vorhänge mehr. Und auch der Teppich hatte seine rote Farbe verloren. Ein einheitliches Gelbgrau überzog die Wände, die Polster, den Boden. Ein Gelbgrau erfasste den Körper der kleinen Frau. Sie seufzte häufig. Und dann war sie wieder still. Nur der Straßenlärm drang mit gleichmäßiger Beharrlichkeit durch die alten,

Bolero und Peitsche 2000

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Kommentare

01. Jul 2017

Der Moschus, diese Riechsubstanz,
ist tierisch, doch erregt uns ganz !
Das Drüsensekret der männlichen Stiere,
sich nicht so schnell im Duft verliere !
Ich bin noch heute ganz benommen,
weil meine Frau zu viel genommen.
Als hätte ich vorher es gewusst,
dass dieser Duft, macht echt wieder Lust !

01. Jul 2017

Schmunzel! Und viel Spaß mit eigener Erfahrung. Danke fürs Lesen und für Dein humorvolles Gedicht.

LG Monika

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