Der bedeutende Ratgeber

von Alf Glocker
Mitglied

(Ein Interview als Monolog)

Mein Name ist Vater Wilhelm Grau, oder Onkel, Schwager, Vetter – was auch immer – jedenfalls Grau. Ich schreibe bedeutende Ratgeber – und als ich kürzlich einmal im Buchladen stand, um meine eigenen Werke zu bewundern, kam ich zufällig dazu, wie einer über mich sprach. Er redete an seine Partnerin hin, „schau mal, da liegen diese Bücher von dem Grau, diesem komischen Vogel“.

Ich sagte nichts, antwortete aber im Geiste, denn ich bin immer dabei mich selbst, also meine schöne Seele, mein sanftes Ruhekissen, zu trainieren „Ja, ich bin ein komischer Vogel – ein komischer Vogel im Geiste, der eine schöne Seele hat, die ihm ein sanftes Ruhekissen ist, da hast du Recht!“ Und mein Gesicht lächelte freundlich dazu, im Dreivierteltakt. Bin ich nicht liebenswert?!

Warum sollte ich mich auf die große, weite Welt der Philosophien beschränken, wenn ich doch alles, durch meinen Glauben an ein sanftes Ruhekissen auf einer schönen Seele, oder umgekehrt, ein schönes Gewissen auf einem sanften Ruhekissen haben kann. Und das steht ja auch in meinen Büchern. Dort steht, daß ich ein komischer Vogel bin, der eine sanfte Schöne, auf einem ruhigen Kissen hat ...

nein, nein, daß er eine ruhige Kugel mit einer sanften Seele schiebt – auch wieder nicht! Er, also ich, schiebe eine ruhige Schöne mit reinem Gewissen, im Dreivierteltakt ... kann nicht sein! Ich schreibe bedeutende Ratgeber über sanfte Ruhekissen, ohne die große, weite Welt der Philosophie, weil ich ja sonst nichts habe ... außer riesige Extremitäten vielleicht. Aber das gehört hier wohl nicht zur Sache!

Zur Sache gehört, daß ich Wilhelm Grau heiße und als Vater, Onkel, Vetter, oder im Geiste bedeutende Ruhekissen, äh, Ratgeber schreibe und zwar meines schönen Gewissens und meiner riesigen Extremitäten wegen, die alle zusammen um eine schöne Seele, nicht aber auf einer schönen Welt Platz finden. Da finden nur komische Vögel Platz, die einen sanften Ratgeber als nicht philosophisches Ruhekissen haben, brauchen, oder aber auch weitergeben müssen, weil sie es wollen.

Inzwischen sind die Leute aus dem Buchladen verschwunden, die meine Präsenz dort beäpplet oder verstaunt haben, nein, veräppelt oder, oder und bestaunt haben und so langsam komme ich wieder zu mir: zu dem bedeutenden Ratgeber unserer Zeit, der gerne zuhört, wenn etwas gesagt wird, was mich beinahe besser beschreibt, als ich mich selbst beschreiben könnte, wenn ich kein so ein komischer Vogel wäre.

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