Prosaflug

von Annelie Kelch
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Das werde aber auch allerhöchste Eisenbahn für ein altes Mädchen wie mich, lästerte meine zehn Jahre jüngere Schwester Lea, als ich ihr während eines gemeinsamen Einkaufsbummels feierlich eröffnete, dass ich mich entschlossen hätte, dieses Jahr mit dem Flieger in den Sommerurlaub zu düsen. Ich hätte mich bereits zu einem Flugangstseminar angemeldet und Vorauskasse geleistet; es gebe gewissermaßen kein Entrinnen mehr.
Lea schien nicht im Entferntesten zu ahnen, wie schwer mir diese Entscheidung gefallen war. Ich hatte sie nicht nur gegen mein Bauchgefühl, sondern auch gegen meine Überzeugung und keineswegs freiwillig getroffen; vielmehr fühlte ich mich durch eine Bemerkung Leas, die sie, wenn auch leicht beschwipst, auf ihrer letzten Silvesterparty fallen ließ, regelrecht dazu angestachelt. „Hasenfüßchen“ hatte sie mich genannt ‑ vor allen Gästen, die ausnahmslos in der Flugbranche tätig waren ‑, weil ich mich nicht überwinden konnte, per Flugzeug auf Reisen zu gehen. Meine Schwäche wurde milde belächelt, worüber ich ziemlich verärgert war. „Hasenfüßchen“ ... diese Schmach wollte ich nicht länger auf mir sitzen lassen, und auf gar keinen Fall wollte ich zusammen mit meiner risikofreudigen Schwester fliegen, die als Flugbegleiterin bei einer renommierten deutschen Luftfahrtgesellschaft beschäftigt war und die halbe Welt kannte. Sie sollte nicht miterleben, wie unbeholfen und ängstlich sich ihre große Schwester im Bauch eines dieser Riesenvögel benahm. Ich verschwieg aus gutem Grund, dass ich meine Panik vorm Fliegen für untherapierbar hielt.
Nach Rom, in die Ewige Stadt, wohin alle Wege führen sollen, zog es mich schon seit Jahren. Ich war überzeugt davon, den schwierigsten und, wie ich fälschlicherweise annahm, demzufolge gefährlichsten Weg gewählt zu haben, hoch über den Wolken oder zumindest durch sie hindurch, womöglich mitten durch ein finsteres Gewittergewölk, und kam mir heroisch und sehr verwegen vor. Tatsächlich jedoch seien Flugreisen nahezu ebenso sicher und zuverlässig wie Eisenbahnfahrten, wurde ich wenige Wochen später im Flugangstseminar eines Besseren belehrt; aber nicht einmal die Tatsache, dass Lea während ihrer fast fünfzehnjährigen Berufspraxis als Flugbegleiterin niemals ernsthaft in Gefahr geraten war, während ich als Sekretärin eines Patentanwalts bereits zweimal von Aktenbergen, die auf einer Konsole ins Rutschen geraten waren, fast erschlagen worden wäre, konnte meine panische Angst vorm Fliegen bezwingen. Fliegen sei super und hochinteressant, ließ Lea bei passenden Gelegenheiten, von denen es mehr als genug gab, verlauten. Wie das?, dachte ich dann jedes Mal. Stundenlang an einen Sitz, womöglich neben dem Gang, gefesselt zu sein, unter Umständen Seite an Seite mit einer unsympathischen Person, stellte ich mir alles andere als super oder gar hochinteressant vor.
Je näher mein Urlaub rückte, desto nervöser wurde ich. Dagegen half weder das Autogene Training, dass ich in Gesellschaft sechs älterer kregler Damen probte, noch Jacobsons hochgepriesene Progressive Muskelrelaxation, die mir nicht nur manch kostbaren Feierabend, sondern obendrein den letzten Nerv raubte. Die Übungen langweilten mich in einem Maße, dass ich mich geradezu veralbert fühlte. Ich hätte statt dessen lieber ich einen Löwen dressiert.
„Es wird alles gut gehen. Wirst schon sehen, Janne. Du, ich weiß das. Ganz bestimmt. Guck nicht so traurig. Ich wünsche dir einen guten Flug und einen fantastischen Aufenthalt in Rom. Und schreib eine Postkarte.“ Meine Schwester überschlug sich fast vor Liebenswürdigkeit. Die Sätze sprudelten geschmeidig wie Perlen aus ihrem zinnoberrot geschminkten Mund. Man hätte meinen können, sie fühle sich von einem schlechten Gewissen geplagt.
Sie küsste mich zum Abschied auf die Wange und lächelte mir aufmunternd zu. Hellseherin ‑ vielleicht sehen wir uns nie wieder, dachte ich und sagte mit belegter Zunge: „Danke, mach´s gut, Lea“, vier kleine Worte, die mir nur schwer über die Lippen kamen.
Nachdem ich am Check-in-Schalter meine Bordkarte in Empfang genommen hatte, trennte mich schweren Herzens von meinem alten, hoffnungsgrünen Koffer, den ich auf meinen früheren Reisen per Bahn oder mit dem Auto stets in greifbarer Nähe wusste, aber das kann unmöglich der Grund für die Panikattacke gewesen sein, die mich noch vor der Sicherheitskontrolle überfiel und selbst dem stärksten Ochsen das Zittern gelehrt hätte. Aber ich besann mich auf die nächste Silvesterparty, die, wenn auch nicht unmittelbar, vor der Tür stand; daran konnte man festhalten wie an die Einkehr des Frühlings nach einem harten Winter.
Die Bordkarte ‑ krampfhaft wie ein Kleinkind sein Schokoladeneis ‑ in der rechten Faust umklammert, die ich tief in die Jackentasche meines kardinalroten Reisekostüms versenkt hatte, machte ich mich auf den Weg zum Gate. In knapp anderthalb Stunden sollte das Flugzeug starten. Man hätte meinen können, ich ginge zu meiner Beerdigung. Ich spürte bei jeder Bewegung die Schicksalsergebenheit, die sich in meine Haltung geschlichen hatte und nahm die heftige Anspannung meiner Mundwinkel wahr, die tiefe Resignation verrieten. Die Sicherheitskontrolle, die keine zwei Minuten währte, erlebte ich wie im Halbschlaf. Mein Handgepäck wurde flüchtig durchleuchtet, der Metalldetektor tat nicht den leisesten Mucks, und niemand machte Anstalten, mich gründlich zu durchsuchen. Was konnte ein altes Mädchen wie ich schon Sündiges im Schilde führen. Ehe ich mich versah, stand ich in der Wartezone. Ich hatte während der letzten Nacht kaum geschlafen und ließ mich erschöpft in einen opulenten Ledersessel fallen. Mein vergrämter müder Blick glitt freudlos über die Reisenden hinweg und kapitulierte sogleich angesichts des stimmigen Ausdrucks froher Erwartung, der auf fast allen Gesichtern lag, von Angst keine Spur.
Wie ich später in das Flugzeug gelangt bin, ist mir nach wie vor ein Rätsel – über die Gangway geradewegs hineingeschubst, -geschoben, -gestoßen, -geschwebt ... alles war möglich, mein freier Wille konnte dabei keine bedeutsame Rolle gespielt haben.
Wir befanden uns bereits in der Luft ‑ man hatte mir den letzten freien Fensterplatz überlassen, was mich einigermaßen verwunderte ‑, und ich war vollauf damit beschäftigt, gegen den rebellischen Impuls anzukämpfen, mich unverzüglich per Fallschirm aus dem Staub zu machen. Um mich abzulenken, betrachtete ich durch das doppelte Fensterglas unsere kleine Erde, und just in dem Moment, als mein angsterfüllter Blick das Flussbett der Elbe zu erkennen glaubte, hob ein mit Sauerstoffmaske und Schwimmweste bewaffneter Flugbegleiter in der Mitte des Ganges zu überlebensrelevanten Erklärungen an, was mich sogleich dazu bewog, endgültig mit dem Dasein abzuschließen und mich auf das Sterben vorzubereiten. Was wollte ich noch auf dieser Welt? Mein Freund Rick war vor zwei Jahren einem Raser

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