Die Seele des Staates 119

von Alf Glocker
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(Was normal ist)

Nehmen wir einmal – in größtmöglicher Naivität – an, es gäbe einen ganz normalen Menschen und wir würden ausgerechnet den suchen, wie würden wir das dann anstellen?

Zuerst müssten wir uns darüber glasklar werden was das überhaupt ist, ein ganz normaler Mensch! Sagen wir mal unverblümt; „Er dürfte kein Sadist sein“. Ein Masochist auch nicht. Kämen wir dann nicht schon in Schwierigkeiten?

Viel schlimmer käme es wahrscheinlich, wenn wir bei ihm so etwas wie einen „gesunden Menschenverstand“ voraussetzen würden. Das würde dann ja bedeuten, daß er offen, also undogmatisch sein müsste…? - !

Das Sahnehäubchen könnten wir dann noch draufsetzen, wenn wir auch noch verlangen wollten, er müsse sich dafür interessieren, wo er herkommt, wo er hingeht, wo er lebt und ob er ein Gefühl für richtig oder falsch hat.

Der betreffende Mensch sollte zu allem Überfluss noch über ein ausreichendes Maß an Bildung verfügen, sie jedoch nicht zum Schaden anderer einsetzen wollen – er müsste also in gewisser Weise auch ein wenig verrückt sein.

Neugierig sollte er sein und offen für alles, aber auch wieder nicht so offen für alles, daß er sich von jedem Dahergelaufenen zweimal ins Bockshorn jagen lässt. Einmal geht noch zu Lernzwecken durch.

Er sollte Interessen haben, die über den Tellerrand einer Familien- oder Firmenzugehörigkeit hinausgehen, er sollte stolz genug sein, keinen, der wohlhabender ist als er selbst, als höher gestellt anzusehen.

Er sollte es wagen zu widersprechen, wenn jemand einen ausgemachten Blödsinn über die Welt verbreiten möchte und er sollte sich trauen Einspruch zu erheben, wenn er eines Unrechts teilhaftig wird.

Er sollte, er sollte, er sollte – ja, er sollte auch erotische Bedürfnisse haben, ohne sich dafür aufrichtig schämen zu wollen. Wenn er in einer Gesellschaft lebt, die seine normalen erotischen Bedürfnisse nicht akzeptiert, dann kann er sich vielleicht dafür schämen, aber er sollte sich gleichzeitig auch darüber hinwegsetzen wollen.

Er sollte sich überhaupt über alles hinwegsetzen, was normale Bedürfnisse einschränkt, negiert oder grundsätzlich, als unmöglich erfüllbar, in Frage stellt: er sollte eben ein Gewissen haben und dabei noch natürlich veranlagt sein.

Alles in allem, auf einmal betrachtet, sagen wir folglich: „Wir geben jetzt die Suche nach diesem Wundertier gleich auf, bevor wir sie angefangen haben, denn offensichtlich sind wir zu anspruchsvoll gewesen, denn außer der Seele des Staates sind wir einem solchen Etwas noch niemals begegnet!“ Harharr…

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