Gedanken einer Siebzehnjährigen

von Yasmin Stamm
Mitglied

Pubertierende Jugendliche die sich nur für ihr Smartphone interessieren. Der Nachwuchs einer Konsumgesellschaft, denen Respekt völlig fremd ist. Die Jugend wird immer schlimmer und früher war alles besser. Noch vor einigen Jahren da hätte es keiner gewagt sich dem Lehrer zu widersetzen.
Solche Aussagen treffe ich nicht. Wieso sollte ich auch als Teil dieser abscheulichen Generation? Ich höre sie jedoch fast täglich. Und anders als andere Jugendliche treffen sie mich. Ich frage mich ob junge Menschen wirklich so schlimm sind. Und ich erkenne den Wohlstand den ich genießen darf. In Geschichte lernt man viel über die Privilegien der Obrigkeit aber nie wird von den Privilegien gesprochen die jeder einzelne hier in Deutschland besitzt. Wasser, Bildung, Frieden. Manchmal habe ich Angst. Habe ich die Gleichheitszeichen in der Mathe Klausur vergessen? Habe ich mein Handy in der Bahn liegen lassen? Und mir fällt auf wie lächerlich meine Ängste doch sind. Jedes Syrische Kind würde davon träumen einfach in Frieden zu leben ganz egal ob Matheklausur und Handy oder nicht. Ich fühle mich schuldig. Wieso hab ich es verdient mich zwischen 10 Paar Schuhen zu entscheiden während ein anderer Mensch sich die Füße blutig läuft. Ich entscheide zwischen zahllosen Getränken während so viele Menschen zur gleichen Zeit verdursten. Und immer wieder frage ich mich warum? Wie ist es nach all der Zeit nicht möglich in Frieden zu leben?
Wie oft muss der Mensch noch gegeneinander kämpfen? Braucht es einen dritten Weltkrieg damit man realisiert wie - entschuldigen Sie bitte die Wortwahl – scheiße Krieg ist. Viele denken bestimmt ich müsste diese Sätze in andere Sprachen umschreiben doch ich verfasse sie bewusst auf Deutsch. Wir leiden wenn wir die Tagesschau sehen. Kinder sterben. Wie schrecklich. Menschen werden aufgrund ihres Glaubens erschossen. Wie schrecklich. Kinder verlieren ihre Eltern. Wie schrecklich. Ja. Ja es ist unfassbar schrecklich doch wie können wir Trauer zeigen und solche Taten gleichzeitig mit Waffen unterstützen? Als ich klein war dachte ich immer ein Krieg passiert zwischen zwei Ländern. Ich hatte ja keine Ahnung wie viele Nationen versuchen den Krieg aufgrund eigener Interessen zu beeinflussen. Wenn sich zwei Jungs auf dem Pausenhof schlagen geht es ruck zuck zum Direktor. Und um ehrlich zu sein ich finde, dass ist richtig so. Doch wieso wird Gewalt nicht überall verachtet? Ich erkenne an Teil von all dem zu sein. Ich mag siebzehn sein und ich mag noch viel lernen müssen aber ich weiß, dass Gewalt nichts gutes ist. Gewalt ist nichts gutes wenn Kinder geschlagen werden. Gewalt ist nichts gutes wenn Rechte Ausländer verprügeln. Gewalt ist immer mit Trauer Hass und Folgen verbunden. Wenn ich das in meinen jungen Jahren begreifen kann wieso dann keine Person an der Spitze. Ich werde kritischer und kritischer. Nicht nur gegenüber Machtpersonen sondern auch gegenüber mir. Kann ich mich wirklich über den Krieg beschweren wenn ich selbst den Wohlstand dieses Landes genieße. Ich muss an Kinderarbeit denken. Wie viele Klamotten in meinem Schrank konnte ich nur so günstig erwerben weil irgendwo am anderen Ende der Welt ein Kind seine Hände blutig gearbeitet hat. Ich frage mich was wenn ich es in Zukunft nicht kaufe? Die Menschen werden zwar schlecht bezahlt aber sie sind auch auf diese Bezahlung angewiesen. Ich bin überfordert. Das Internet ist voller Fake-News und je mehr ich rechaschiere umso unsicherer werde ich. Ich wünsche mir jemanden, der mir auf all meine Fragen eine Antwort gibt. Ich wünsche mir, dass keine Menschenwürde auf dieser Welt antastbar ist. Ich wünsche mir Frieden. Und ich stelle fest, dass ich bereit bin Dinge zu opfern. All diese Gedanken kann man mit Gegenargumenten wiederlegen. Ich könnte diese jetzt auflisten und entkräften sozusagen als indirektes Argument. So erörtert man richtig. So etwas habe ich in meiner Schullaufbahn gelernt und es tut mir im Herzen weh dass andere von Bildung noch so weit entfernt sind. Ich bin ein großer Kritiker des deutschen Schulsystems. Für mich ist es in vielerlei Hinsicht sehr veraltet. Ich bin sehr dankbar zur Schule gehen zu dürfen und deshalb sage ich mir manchmal „Hör doch auf immer alles zu kritisieren. Andere haben überhaupt gar keine Möglichkeit zur Schule zu gehen.“ Und ich frage mich, ob mein Privileg, zur Schule gehen zu dürfen bedeutet dass ich die Schule an sich ich mehr kritisieren darf. Ich komme zu einer Antwort. Die Menschheit hofft doch immer auf Verbesserung. Man sollte also nicht darauf hoffen, dass sich andere Länder beispielsweise auf ein Deutsches Niveau entwickeln. Man sollte darauf hoffen, dass das Deutsche Niveau weiter steigt und andere Länder eventuell irgendwann auf einer Stufe mit dem immer höher wachsenden Niveau Deutschlands stehen. Aber wieso hat das Schulsystem in Deutschland Potential? Ich finde es immer wieder amüsant, wie ältere Menschen kein Interesse an einer Veränderung in dieser Richtung zeigen. So wie immer gibt es auch hier Ausnahmen aber der Großteil hört nicht zu obwohl wir diejenigen sind, die jeden Tag das lernen müssen was man uns sagt. Ich sehe das Schulsystem als eine Art kaputten Besen an. Der kaputte Besen fegt das Material zwar größtenteils doch ein Teil des Materials wird nicht mitgefegt und bleibt zurück. Zurückbleiben ist ein gutes Stichwort. Die Aufteilung in A, B und C Kurse erfolgt dann, wenn sich die Schüler in einem sehr jungen Alter, besser gesagt in der Pubertät, befinden. Unzählige Schüler mit extremst hohen Potenzial landen in C Kursen ohne, dass man darüber nachdenkt warum. Mit den Noten, die ich in der Mittelstufe hatte wäre ich im C Kurs gelandet. Sowohl in Deutsch als auch in Englisch. Nun einige Jahre später sind diese Fächer meine LK´s und meine Noten sind mehr als zufriedenstellend. Ich hatte das Glück vom Gymnasium zu wechseln und konnte so die A, B und C Kurse umgehen. Schade, dass andere Schüler diese Möglichkeit nicht hatten. Wer weiß wo diese Schüler heute stehen würden. Ich bin ein gutes Beispiel dafür, an positive Entwicklungen zu glauben. Wenn man nicht an die nächste Generation glaubt, an wen denn dann?

Interne Verweise

Kommentare

08. Apr 2020

Hallo Yasmin, sehr gut beobachtet und geschrieben.
Gern gelesen !
Elmar

08. Apr 2020

Gut beobachtet, gut geschrieben. Ich bin 67 Jahre alt und habe durchaus ein Bewusstsein für die Vergangenheit. Früher war auch die Jugendwelt nicht besser, aber anders. Den meisten Eltern schien es lebenswichtig zu sein, dass ihre Kinder das erreichen, wozu sie selbst nicht in der Lage waren. Sex, Drugs aRückzugsgrund. Rock'n Roll, war Flucht und Aufgabe zugleich. Für viele hatte GOTT ausgedient. Wir wollten Demokratie "wagen" (Brandt)Der Club of Rome prognostizierte für 2020 "fliegende Autos". Davon sind wir noch meilenweit entfernt, stattdessen Smartphones an allen Ecken und Enden der Welt. Dennoch rufe ich dir zu: "Mach dein Ding! Erspüre dein Talent und baue es aus! Bist du glücklich, sind wir es auch: HG Olaf

08. Apr 2020

"Die Jugend liebt heute den Luxus.
Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere den Raum betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyranisieren ihre Lehrer."
Sokrates,
griechischer Philosoph
*um469vChr, +399vChr

Wie Du siehst, liebe Yasmin, scheinen die Älteren, über die Jahre, nichts dazugelernt zu haben. Es wurde immer schon über die Jugend geschimpft, also, denke Dir nichts dabei, sondern bleib weiterhin so aufmerksam, schaue genau hin, bleibe kritisch, lass Dich nicht verunsichern und gehe unbeirrt Deinen Weg.

Herzliche Grüße
Ella