(Schifffahrts) Linien

von Alf Glocker
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Das Schiff sinkt! Wir sind bereits unter Wasser! Die Menschen atmen Wasser … salzig und verdreckt! Aber die Schornsteine rauchen und der Schiffskörper drängt scheinbar unaufhaltsam vorwärts. Ich weiß, daß das Schiff sinkt, ich weiß es, aber der Bordlautsprecher verkündet: „Genießen Sie die schöne Aussicht, meine Damen und Herren!"

Von überall her dringen die Piranhas ein! Aber der Bordlautsprecher sagt: „Machen Sie sich nur keine Sorgen, diese Piranhas sind keine Piranhas, sondern die Lieferung der Verpflegung für die nächsten Jahrhunderte." Neben mir wird gerade ein Passagier von den Eindringlingen zerfetzt …also wer frisst hier wen??

Ich glaube, ich werde gerade verrückt. Ich finde meine Kabine nicht mehr. Ich frage blubbernd die Leute: „Kann mir bitte irgendjemand verraten, wo ich zuhause bin??“ Gleich werde ich noch verrückter, denn einer der vielen Ertrinkenden blubbert zurück: „Verraten? Verräter! Hier gibt es kein Zuhause, es gibt nur diese Linien!“
Ich blicke mich um, und tatsächlich – da sind sie …

Überall an den Wänden, an den Decken und auf dem Boden sind diese seltsamen Linien! Ich kann sie sogar fühlen, wenn ich sie berühre. Es handelt sich um Vertiefungen, um tiefe Einschnitte genau genommen. Der Bordlautsprecher sagt: „Halten Sie sich an die Richtlinien und gehen Sie auf dem Strich, wohin er auch weist … dann kann niemandem etwas passieren“."

Mir geht es nicht mehr gut. Ich schnappe verzweifelt nach Luft. Wohin soll ich gehen, mich wenden? Was ist aus diesem Schiff geworden? Mit wem kann ich reden? Wem kann ich mich anvertrauen? Das glaubt mir doch kein Arzt mehr … Außerdem habe ich die dringende Vermutung, daß auch die Ärzte verrückt geworden sind. Sie lächeln alle so vielsagend …

Ich schwimme, ich möchte mich freischwimmen. Es fühlt sich wie Fliegen an. Aber es sind keine Fliegen – es sind Piranhas! Die Fliegen sind in meinem Kopf! Ich mache Entdeckungen – solche, die mich nicht weiterbringen. Meine Lungen sind bereits voll Wasser. Der Tod ist in Sicht, Backbord voraus! Ich muss ganz dringend an den Bordlautsprecher!

Als ich davor stehe, sehe ich, daß er beschriftet ist. Ich lese, von zeitweiligen Erstickungsanfällen unterbrochen, laut: „Nur für autorisierte Personen ist die Benützung des Bordlautsprechers erlaubt!“ Da mir jetzt aber alles egal ist, reiße ich ihn an mich. „Achtung, das Schiff sinkt!“, brülle ich hinein, aber es kommt kein Ton heraus!

Einer der Schiffsoffiziere hastet heran. Ich vermute, er will mich „belehren“. Doch er hat anscheinend anderes im Sinn. Was, das kann ich nicht feststellen, denn er sieht aus wie eine Wasserleiche, bleich und aufgedunsen. Außerdem haben ihm die Piranhas das Hirn aus dem Schädel gefressen. Der Kopf ist halb geöffnet und gewährt Einblicke in die dortige Leere.

Nach und nach verschwinden die mir von der Abfahrt bekannten Gesichter. Sie werden durch Fischvisagen ersetzt! Bald sehe ich nur noch diese eingebildeten Piranhafressen. Sie fletschen die Zähne … davon haben sie ja genug! Sollte ich jetzt mal versuchen, den Linien zu folgen?

Ich mache den Test! Vorsichtig taste ich mich die Vertiefungen entlang … sie scheinen auf die Brücke zu führen. Endlich, endlich bin ich angekommen. Ich muss mit dem Kapitän reden. Er wird doch schließlich wissen, daß und warum wir untergehen … meine ich wenigstens.

Keuchend gehe ich die letzten Stufen, die Richtlinien entlang, zur Brücke hinauf. Ich erblicke den Steuermann, sowie den Kapitän, in ihren schmucken Uniformen, von hinten. Wenn es jetzt noch Luft gäbe, könnte ich aufatmen. Ich ersetze das Aufatmen durch den winzigen Rest Hoffnung, der mir noch geblieben ist …

„Hilfe!“, gurgle ich leise, aber offensichtlich laut genug, um Gehör gefunden zu haben. Der Steuermann häält die Wacht. Er singt, mit einer schaurigen Menge im Chor: „Lass die Wacht! Steuermann! Her zu uns! Ho! He! Jo! Ha! Steuermann, her! trink mit uns! Ho! He! Ja! Ha! Klipp und Sturm – He! sind vorbei! He! Hussahe! Hallohe Hussahe! Steuermann! He! komm und trink mit uns!“ Die Ertrunkenen tanzen auf dem Verdeck, indem sie den Niederschlag jedes Taktes mit starkem Aufstampfen ...

Haben sie dem auch das Hirn weggefressen, denke ich, bemerke aber, daß alles soweit in Ordnung ist … dann drehen sich die beiden Uniformierten um … und mir gefriert das Blut in den Adern: Es sind Piranhas!! Ihre menschlichen Masken haben sie abgelegt. Sie liegen vor ihnen auf dem Boden, auf den Planken, auf den Brettern, die eine neue Zeit bedeuten.

Ich werde ohnmächtig! Ich verliere die Besinnung. Das war zu viel! Ich rutsche, die Richtlinien entlang, aus dem Schiff, in den Ozean, nein, doch wohl besser in einen riesigen Fluss. Wir waren wohl nie auf dem Meer, aber sicher auf dem falschen Dampfer. Als ich wieder erwache, erblicke ich am Ufer den Urwald, und das Schiff ist ein Wrack! Ich erkenne mich selbst nicht mehr … das ist nicht mehr meine Welt!

Wie konnte ich mich so sehr täuschen (lassen)?! Mühsam versuche ich mich aufzurappeln, aber ich habe keine Kraft mehr. Aus allen Richtungen kommen nun die „Ärzte“ herbeigeströmt. Ein Verräter muss ihnen verraten haben, wo noch ein unbewaffneter Patient am Leben ist. Ich bin so gut wie tot! Was tragen sie denn da in den Händen, die falschen Ärzte? Ach ja, es sind richtige Todesspritzen …

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Kommentare

08. Mai 2018

Ein wahrer Albtraum. Dagegen ist die Titanic in ihren letzten Zügen harmlos wie ein Geierschnabel.

LG Annelie

08. Mai 2018

Haha, vielen Dank liebe Freunde. Eure Kommentare habe ich genossen...

LG Alf