Kuba

von Tanja Grün
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Du hast keine Vorstellung, sagte Pia, wie schön das Mädchen war. Eine Kubanerin, verstehst du? Sie warf dabei ihre blonden Locken hinter ihre Schultern und strich anschließend mit dem Finger über ihre graziös geschwungene Nase. Melanie zog ihren Pullover tiefer und spürte dabei ihren viel zu weichen Bauch. Sie dachte an die Fotos auf der Karte. Vielleicht ein Kiwi-Becher, das wäre ja mit viel Obst. Sie war so lässig und elegant, wie es nur eine Kubanerin sein kann, sagte Pia. Und die haben alle Musik im Blut. Schokofarbene Haut und Musik im Blut. Pia legte ihre Lippen um den rosafarbenen Strohhalm. Der Farbton ihres Lippenstifts traf den des Strohhalms fast genau. Eigentlich ist Kuba ein Land, in das man gar nicht mit einem Mann reisen darf. Pia lachte in sich hinein und warf wieder ihre Locken hinter sich, obwohl sie von den Schultern noch gar nicht zurückgerutscht waren. Die Gefahr ist einfach zu groß, dass man ihn hinterher los ist. Meli sah sich nach der Kellnerin um. Ihr Entschluss stand jetzt fest: Es musste der Schokobecher sein. Schokolade macht glücklich und Glück macht schön.
Pia lachte noch immer. Also, dieses Mädchen haben wir abends in einer Kneipe kennengelernt. Sie hat dort gesungen, mit einer Band. Und später getanzt. Auch mit Markus. Ich hatte wirklich Angst um ihn. Sie kicherte lange, nachdem sie das gesagt hatte. Aber, er ist ja wieder mit mir zurückgeflogen, wer hätte es gedacht. Zwölf Stunden lang. Sie kicherte nochmal. Zwölf Stunden hin und zwölf zurück, da muss man durch. Aber dafür gibt es dann die Karibik. Sie lachte jetzt sogar wieder, ganz ohne Meli anzusehen, und zog auch wieder an ihrem Strohhalm. Rosa traf auf Rosa. Die Kellnerin stand inzwischen am Tisch und nahm Melis Bestellung auf. Gleich darauf musste Meli auf die Toilette, es ließ sich nicht mehr verschieben. Entschuldige, sagte sie, und zog ihren Körper hinter dem Tisch hervor. Er war einfach zu unförmig, zu gedrungen und zu kurz geraten, dieser Körper, um ihn anderen Leuten zu zeigen. Sie schob, als sie stand, den Stuhl bis an die Tischkante und den Pullover so weit wie möglich über ihre Schenkel. Dann ging sie los, durchquerte den Raum, sah aber nur die Dielen auf dem Boden. Später ihr Gesicht im Spiegel, als sie sich die Hände wusch. Es bestand eigentlich nur aus ihren Wangen, man konnte darin nichts anderes sehen. Nachdem sie zurück an den Tisch gekommen war, fragte sie Pia: Was glaubst du, wie wird mein Gesicht aussehen, wenn ich die zehn Kilo weghabe?
Pia strahlte. Wunderhübsch natürlich. Du weißt doch, was in dir steckt, oder? Ich sage es dir doch schon, seit wir uns kennen. Dabei streckte sie ihren Oberkörper in die Höhe, ihre Brüste ließen ihren Pullover spannen. Kurz darauf sagte sie: Ich muss gleich wieder los, tut mir leid, dass wir so wenig Zeit hatten. Aber Markus holt mich gleich ab, wenn er von der Arbeit kommt. Wir gehen ins Kino, ich wollte es dir noch über das Handy schreiben. Macht nichts, sagte Meli. Du bist eine ganz wunderbare Freundin. Pia sah auf ihr Handy und stand gleich auf, ging an die Theke, um zu bezahlen, legte dann noch einmal Meli die Hand auf die Schulter und verschwand nach draußen, wo sie kurz darauf in den roten BMW einstieg, den Pia schon kannte. Markus kannte sie auch. Er war sehr dick, nicht besonders groß, aschblond und hellhäutig. Er füllte den Fahrersitz seines BMW wie ein großer klebriger Knödel. Er hatte, dachte Meli jetzt, und dabei musste sie ein bisschen lächeln, auch die Intelligenz eines großen klebrigen Knödels. Ein klebriger Knödel und Kubakenner, jetzt musste Meli sogar richtig lachen. Sie bekam schon Angst, man könnte sie für verrückt halten, nur deshalb nahm sie sich ein bisschen zusammen. Sie wollte den beiden noch länger nachsehen und durch die Scheibe des Cafés zuwinken, aber da kam schon die Kellnerin mit dem Schokobecher. Ein Traum, dachte Meli, als sie ihn sah, und sagte es auch leise vor sich hin, als wäre Pia noch da.

Veröffentlicht / Quelle: 
Tanja Grün, Wind, Pangai Misi Verlag ISBN 978-3-989-10-6
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