Leben in Zeiten der Massenpsychose - Page 7

Bild von sheogorath
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aus als Monate
zuvor. Es gab keine schluchzenden Menschen auf den Straßen, keine
Leichenberge und auch sonst keine offensichtlich schwer kranken Menschen.
Lange Schlangen von Menschen, die auf ärztliche Betreuung warteten waren weder
zu sehen, noch war von ihnen zu hören. Noch niemand war unvorhergesehen vor
meinen Augen tot umgefallen. Das „Kleine-WeltPhänomen“ geht davon aus, dass
jeder jeden anderen Menschen auf der Welt über sechs Ecken kennt. Wie
zutreffend diese Ansicht ist, sei dahingestellt. Doch jeder hat sicher schon
einmal die Erfahrung gemacht, wie schnell Neuigkeiten sich über große Strecken
verbreiten können. Doch noch von keinem einzigen Mitmenschen hatte ich von
einem schwer Erkrankten oder gar einem unerwarteten Todesfall aus dem
persönlichen Umfeld gehört. Nur in den Medien schienen diese Fälle
vorzukommen. Und dort vor allem im Ausland. In meiner Familie war es
ausgerechnet mein Bruder, der mir sonst in vielen Eigenschaften
entgegengesetzt ist, der in familiärer Runde, ganz ohne große Analysen,
einfach ausrief: „Aber das spürt man doch, wenn man rausgeht, dass da nichts
ist!’".

Doch die Katastrophe musste irgendwo sein! Immerhin wurde in meiner Heimat
Bayern an jenem historischen Montag, an welchem die deutschen Nordseeinseln
geschlossen wurden, der Katastrophenfall ausgerufen. Was das bedeutete, konnte
ich in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung nachlesen: Der Freistaat Bayern
konnte mir nun einfach so mein Eigentum wegnehmen oder mich zur Zwangsarbeit
verpflichten. Dabei war er jedoch nicht mehr in der Lage die Unversehrtheit
meiner Person zu garantieren. Ein Rückfall in düstere Zeiten. Ich überlegte,
ob ich irgendetwas besaß, das dem Staat helfen könnte, die Pandemie besser zu
bekämpfen. Oder ob meine Ausbildung nützlich sein könnte. Vielleicht würde
ich mir mit der Preisgabe der Desinfektionsfläschchen, die ich zu Hause
deponiert hatte, einen Vorteil verschaffen können. Die Unversehrtheit meiner
Person? War damit gemeint, dass der Staat nicht in der Lage war, mich vor dem
Virus zu beschützen? Oder hatte er da noch andere Dinge im Sinn? Staaten
hatten ja zuweilen ein Händchen dafür, zusätzlichen Schaden anzurichten.
Vielleicht verdeutlichte sich gerade auch nur das, was genau Angela Merkel
damals meinte, als sie noch vor ihrem Schwung auf den Kanzlersessel zum 60.
Geburtstag der CDU mitteilte: „Deutschland hat keinen Rechtsanspruch auf
Demokratie und soziale Marktwirtschaft für alle Ewigkeit“.

Trotz Katastrophe kehrten wir ohne Zwischenfälle, aber erschöpft, nach Hause
zurück. Innerhalb von vier Tagen hatten wir fast das ganze Land einmal der
Länge nach durchkreuzt und waren wieder zurück. Durchkreuzt waren aber vor
allem auch unsere Urlaubspläne. Während dieser Tage wurde in den Medien der
zentrale Plot der PandemieErzählung verkündet. Mit markiger Stimme und
unterstützt von beeindruckenden Computergrafiken, wurde einem etwa in der
Tagesschau erklärt, dass das Kronenvirus nun nicht mehr aufzuhalten sei. Das
einzige, dass die Gesellschaft nun noch tun könne sei, die Folgen zu
minimieren. Deshalb müsse nun die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Erkrankung
reduziert werden. 80 Prozent der Betroffenen würden die Erkrankung gar nicht
bemerken oder nur leichte Beschwerden erfahren. 15 Prozent würden ärztliche
Betreuung benötigen. Und fünf Prozent gar eine intensivmedizinische Betreuung
im Krankenhaus notwendig haben. Diese letztere Gruppe würde über eine Million
Menschen in Deutschland ausmachen. Würde man dem Kronenvirus erlauben sich
ungehindert auszubreiten, würde das Gesundheitssystem zusammenbrechen und
diese Million Menschen wäre größtenteils sich selbst überlassen und würde
sterben müssen.

Maßnahmenlotterie

Um die Ausbreitungsgeschwindigkeit der Erkrankung zu verringern, müssten nun
soziale Kontakte reduziert werden und jeder sollte so viel wie möglich zu
Hause bleiben. Nur so könne sichergestellt werden, dass die 80 Prozent der
Menschen, die sich nicht richtig krank fühlten, oder die Menschen, bei denen
die Krankheit noch nicht ausgebrochen war, aber schon ansteckend, nicht jene
20 Prozent der Menschen erreichte, die schwere Krankheitsfolgen entwickeln
würden. Man setzte vorerst auf die Einsicht in der Bevölkerung und wollte
keinen Zwang anwenden. Doch weiterhin fragte man sich auf allen Kanälen: Wann
kommt die AS? Der bayerische Ministerpräsident, der während seiner langen
politischen Karriere seine Fähigkeiten vor allem in der Faschingszeit
erfolgreich unter Beweis gestellt hatte, hatte in letzter Zeit auch über die
Grenzen Bayerns hinaus viel zum Thema mitzuteilen. So erklärte er, dass die AS
nicht kommen würde, wie verschiedene Zeitungen verlautbarten.

Während das Volk gespannt den Politikern jedes Wort von den Lippen abzulesen
schien, beschäftigte ich mich in diesen nun ins Wasser gefallenen Urlaubstagen
näher mit den Entwicklungen in meiner Firma. An meinem letzten Arbeitstag
wurde von der obersten Leitungsebene noch verkündet, dass nun jeder
Mitarbeiter die „Erlaubnis“ habe von zu Hause zu arbeiten. Einen Werktag
später wurde daraus eine „Verpflichtung“: Jeder *habe* nun von zu Hause zu
arbeiten. Das Büro sei ab sofort in einem „eingeschränkten“ Zustand und wer es
zum Arbeiten betreten wollte, musste sich die ausdrückliche Erlaubnis vom
direkten Vorgesetzten und der Personalabteilung einholen.

Dass der Staat Bayern in der Kronenvirus-Katastrophe nicht mehr beabsichtigte,
sich an die üblichen Regeln zu halten, wurde mir ja schon mitgeteilt. Doch
auch die sonstigen rechtlichen und vertraglichen Bestimmungen, die unser
Zusammenleben regelten, schienen gerade erheblich an Bedeutung zu verlieren.
„Angestellte dürfen ihren Arbeitsplatz nicht mehr betreten“. Vor kurzer Zeit
hätte so eine Meldung noch zu hochgezogenen Augenbrauen geführt. Heute schien
es ein völlig schlüssiger Vorgang zu sein. Ich hatte nichts dagegen
einzuwenden, dass den Mitarbeitern großzügige Möglichkeiten eingeräumt wurden,
sich von anderen Menschen fernzuhalten, wenn sie das für notwendig hielten.
Doch hätte ich diese Entscheidung gerne doch selbst getroffen. Aufgrund meiner
bereits gesammelten schlechten Erfahrungen mit dem dauerhaften Arbeiten von zu
Hause aus, beschloss ich sogleich mir die ausdrückliche Erlaubnis einzuholen,
mein Büro auf normale Weise nutzen zu können. Ich hatte einen großen Drang
nach Gewöhnlichkeit in diesen Tagen, in denen meine Mitmenschen, aus mir immer
noch nicht schlüssig nachvollziehbaren Gründen, alles auf den Kopf stellten.

Daher kontaktierte ich per E-Mail die zuständigen Stellen in meiner Firma mit
dem Ansinnen, dass ich gerne nach dem Ende meines Urlaubs entsprechend meines
Arbeitsvertrags auf die übliche Art und Weise mein Büro nutzen würde. Neben
dem rechtlichen Aspekt führte ich dabei auch gesundheitliche und
organisatorische Gründe an. Bekannte und Freunde, die nicht die Möglichkeit
hatten von zu Hause zu arbeiten, beneideten mich sonst immer für diesen
Freiraum und wünschten sich das Gleiche. Doch für mich war es ein
zweifelhafter Gewinn. „Zu Hause versauern“ bekommt einen ganz neuen Anklang,
wenn der Arbeitsweg vom Frühstückstisch zum Arbeitstisch nur aus drei Metern
Entfernung besteht. Anzahl der sozialen Kontakte bis zum späten Nachmittag:
Null. Abgesehen von elektronischen Nachrichten und vielleicht einer einmal
eingeschobenen Videokonferenz. Das war nicht das, was ich mir unter Arbeiten
auf Dauer vorstellte.

Auf meine Anfrage hin erhielt ich bald einen Anruf von einer Art neu ernannten
„Pandemie-Managers“ aus der Personalabteilung, der mit mir persönlich mein
Anliegen besprechen wollte. Auf das Kommende war ich nur bedingt gefasst: Die
Firma würde *alles* unternehmen, um mein Arbeiten von zu Hause aus zu
ermöglichen. Ich könne meine technische

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