Beyond the veil: Das Auge des Milikles

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Wertes Publikum, sei eingeladen, nun einer Geschichte zu lauschen, die so geschah in einer Welt, die nahe parallel zu unserer existiert. Manchmal, wenn der Schleier zwischen den Dimensionen dünn ist, bemerken einige, dass es noch etwas Anderes gibt, als unsere Ebene der Existenz. Viele ignorieren es, einige haben Spukgeschichten zu erzählen und wenige erkennen einen Hauch der Wahrheit. So lasst euch nun entführen in das phantastische Reich einer fremden Realität.
Alkastokles von Ephetion, der wohlbekannte Nauarch, betrat in Begleitung des königlichen Herolds und der schwerbewaffneten Eskorte lydonischer Kriegsknechte den Audienzsaal, der einen außerweltlichen Besucher vermutlich an den Spiegelsaal in Versailles erinnert hätte.
Erst vor wenigen Tagen hatte der danaeische Seefahrer mit seiner Pentekontere, der Archeron, im geräumigen Hafen von Sarnope, der Hauptstadt Lydoniens, angelegt, um einige Luxusgüter aus Ephetion und erlesene Stücke des letzten Kaperzuges an solvente Kunden zu verscherbeln. Zu jenen Zeiten waren die Grenzen zwischen Freibeutertum und ‚normalem‘ Kaufmannswesen, obwohl es in dieser Welt keine global agierende Konzerne gab, eher fließend. Wie viele seiner Landsleute war Alkastokles zunächst ein Handelskapitän, der bei günstiger Gelegenheit jedoch auch Piraterie betrieb. Einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangte unser Mann durch einige gewagte Entdeckungsfahrten, bei denen er überragendes nautisches Geschick bewies und der finanzierenden Kaufmannschaft eine hübsche Stange Geld, das kurze Zeit vorher übrigens in Lydonien ‚erfunden‘ wurde, einbrachte.
Die Ladung war bereits verkauft und der geschäftstüchtige Nauarch trug sich mit dem Gedanken, einige wohlgestaltete Sklaven zu erwerben, um diese weiter östlich als Fachkräfte im Haremswesen zu verkaufen, als besagter Herold plötzlich mit einer Hundertschaft Soldaten erschien. Da Alkastokles bereits den Zoll an den königlichen Hafenmeister entrichtet hatte, schwante ihm beim Erscheinen der Truppe nichts Gutes, aber nach kurzem Abwägen seiner Chancen, beschloss der Kapitän arglose Miene zum vermutlich bösen Spiel zu machen. Allerdings entpuppte sich der überraschende Besuch als ‚Einladung‘ König Kroiphems zu einem persönlichen Gespräch. Während 90 Kriegsknechte bei seiner Crew blieben, um sie in Mafiamanier zu ‚beschützen‘, eskortierte ihn der Bote nebst einer ‚Ehrengarde‘ von 10 Mann, damit sich der Nauarch nicht etwa auf ein anderes Schiff in Richtung Ephetion verirrte, zum königlichen Palast.
„Ah, da ist ja unser Gast!“
König Kroiphem, umgeben von einem ehrfürchtig knieenden, prächtigen Hofstaat, geruhte von seinem goldenen Thron den Ankommenden lässig zuzuwinken. Die sanken sogleich auf die Knie und vermieden es, den Monarchen direkt anzusehen, um nicht etwa Bekanntschaft mit den überlangen Hiebwaffen der anwesenden Palastwachen zu machen.
„Aber Alkastos, mein Freund, steh auf! Ihr Danaer seid mir doch die liebsten aller Fremden. So kultiviert und eure Lustknaben sind der Knaller in meinem Harem.“
Misstrauisch erhob sich der Kapitän und blickte dem freundlich lächelnden Herrscher ins Gesicht. Das freundliche Gehabe konnte Alkastos nicht täuschen. Kroiphem galt nicht nur als reichster König seiner Zeit, sondern auch als grausamster. Zu seinem Vergnügen hatte er sich von einem berühmten, danaeischen Bronzegießer eine Apparatur in Form eines Stieres erschaffen lassen, in deren Innerem sich bequem eine Person verstauen ließ, die man dann mittels Wärmezufuhr gut durchbraten konnte. Zur Premiere der Maschine und zwecks Kostenersparnis durfte dann ihr Erschaffer sein Werk als erster Brätling betreten. Seitdem machte der edle Monarch regen Gebrauch von seinem Lieblingstier, um widerspenstig blickende Zeitgenossen zu disziplinieren oder einfach nur, um seine Stimmung durch die Schreie wahllos herausgegriffener Unglücklicher aufzuhellen.
„Alkastos, mein Lieber. Darf ich Dir den hochberühmten Solohenes von Thekene vorstellen?“
Der mastschweinartige König deutete auf einen unscheinbaren Mann in fortgeschrittenem Alter, der rechts vom Thron stand und dem Nauarchen kurz zunickte.
„Solohenes bezweifelt ernsthaft, mich den glücklichsten Menschen auf Erden nennen zu dürfen. Vielleicht bedarf unser Weiser noch einiger Meditation in meinem Stier?“
In freudiger Erwartung des Entsetzens seines berühmten Gastes und eventueller Betteleien um Gnade erstrahlte das feiste Antlitz des Königs. Der Protagonist der beabsichtigten Grillparty jedoch zeigte sich von der freundlichen Einladung gänzlich unbeeindruckt.
„Großer König, niemand außer den Göttern kennt die Fährnisse des Schicksals, deshalb sollte niemand glücklich genannt werden, bevor er gestorben ist. Manchmal sind es jedoch unsere Taten und nicht das Spiel der Unsterblichen, die uns verdammen oder unseren Ruhm schmälern.“
Enttäuscht betrachtete der leidenschaftliche Koch seinen Gast. Natürlich der sadistisch veranlagte, aber keineswegs verblödete Kroiphem nicht ernsthaft vorgehabt, seinen weltberühmten Ehrengast zu exekutieren, aber zu gerne hätte er das Gewinsel des großen Mannes vernommen.
„Wie nett, Solohenes, verzeiht meinen Scherz. Seid bedankt für Eure Dienste! Ich werde unsere netten Diskussionen über eure philosophischen Luftschlösser sehr vermissen. Das mit den natürlichen Rechten eines jeden Menschen, war gar zu köstlich und hat mich sehr amüsiert. Weil Ihr mich so ausgezeichnet zerstreut habt, sollen euch eine Kiste Gold und drei ausgesuchte Sklavinnen gehören!“
Freundlich überlegen lächelnd, betrachtete der ehemalige Archon von Thekene seinen allzu gönnerhaften Gastgeber.
„Oft zwingt uns das Schicksal dazu, von unseren Vorurteilen und Wunschdenken abzulassen. Allerdings, oh großer König, möchte ich unsere Freundschaft nicht damit entehren, dass ich Geschenke von Dir annehme. Aber da Du ja unsere kurzweiligen Unterhaltungen ja so genossen hast, möchte ich Dir meine kleine Schrift, die selbst die ärgsten Barbaren schon zum Nachdenken anregte, ‚Über die Rechte des Menschen‘ zukommen lassen.“
Unwillig schüttelte der Monarch sein verfettetes Haupt voller Bedauern, dass eine Grillparty mit seinem wenig käuflichen Gast -eh Leute, das ist eine Parallelwelt, da gibt es unbestechliche und charakterlich einwandfreie Volksvertreter- doch seinem Ruhm allzu sehr geschadet hätte.
„Vielleicht seid Ihr doch nicht so weise, sondern einfach nur ein Narr! Ihr dürft nun gehen!“
Mit einer knappen Verbeugung verabschiedete sich Solohenes sich vom derweil im eigenen Saft schmorenden König, voller Traurigkeit, dass er dem verachteten Scheusal keine Spur von Menschlichkeit gegenüber seinen Untertanen lehren konnte.
„Wesir!“
Ein edler Greis, der links vom Thron seines Herrschers kniete, neige ehrerbietig sein Haupt.
„Was ist Euer Begehr, mein Herr und Gebieter!“
„Du Hund hast mir nicht abgeraten, den verfluchten Danaer einzuladen. Außerdem ist links die Unglücksseite! Wache, in den Stier mit dem Bastard! Die Grillsaison ist eröffnet, er soll mir das Abendessen versüßen! In den Stunden bis dahin kann der Verräter darüber nachdenken, wie er sich an seinem gnädigen Herrn vergangen hat!“
Unbarmherzig ergriffen zwei kräftige Kriegsknechte den langjährigen, treuen Diener, dessen tränenreiches Flehen um Gnade die Stimmung seines huldvollen Herrschers erheblich besserte.
Alkastos, der die Szene sozusagen als Augen- und Ohrenzeuge beiwohnen durfte, fühlte sich keineswegs wohl in seiner Haut, als

Sollte eigentlich ne Kurzgeschichte werden, aber Inspiration und die Götter haben anderes beschlossen.
Allen einen schönen Pfingstmontag und bleibt gesund!
LG
JU

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