Leben in Zeiten der Massenpsychose - Page 4

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verärgert unternahm ich die Vorbereitungen, um mich auf das neue
Reiseziel einzurichten. Unsere Wahl fiel auf eine ostfriesische Insel.
Immerhin die Schwiegermutter war nun zufrieden. Gegen ein inländisches
Reiseziel hatte sie nichts einzuwenden.

In diesen letzten Arbeitstagen vor meinem Urlaub entwickelte sich nun ein
internationaler Absagewettbewerb. Alle möglichen und unmöglichen
Veranstaltungen wurden von öffentlichen und privaten Organisationen entweder
verlegt, abgesagt oder „virtualisiert“ d.h. durch reine
Internetveranstaltungen ersetzt. Der Corona-Komplex entwickelte hier eine
große Eigendynamik, die augenscheinlich nichts mehr mit irgendeiner Faktenlage
zu tun hatte. Dem einzelnen Bürger konnte man offenbar nicht mehr zutrauen,
für sich selbst eine Risikoabschätzung zu machen, ob er sich traut, an einer
Veranstaltung teilzunehmen. Für Mitarbeiter, die an Messen und Veranstaltungen
teilnehmen, besteht natürlich keine völlige Freiwilligkeit, doch auf Basis der
mir bislang bekannten Informationen, d.h. dass vor allem alte und vorerkrankte
Menschen gefährdet waren, erschien es mir unwahrscheinlich, dass diese
Risikogruppe übermäßig auf den verschiedenen Veranstaltungen auftreten würde.
Gesellschaft verbreitet immer Krankheiten und wer öfter auf Messen ist, kennt
sicher auch Begriffe wie den „Messeschnupfen“, den man sich als Personal an
einem Messestand oder auch nur als Besucher schnell einmal einfangen kann.
Auch der Fußball wurde in Deutschland zum Opfer: Überall dachte man darüber
nach, ob man der Bevölkerung diesen Massensport noch zutrauen konnte.
Fußballspiele ohne Zuschauer waren im Gespräch oder gar gleich eine Auszeit
für den Fußball überhaupt. Letzteres ist dann tatsächlich eingetreten. Obwohl
ich keinerlei Interesse an Fußball hatte, besorgte mich das nun doch. „Die
Spiele“ sollten pausiert werden? Riskierte die Politik den Volksaufstand?

Die Ausrufung

Endlich erklärte die Weltgesundheitsorganisation ganz offiziell den Zustand
einer Pandemie. In den Internetforen wurde schon lange danach gerufen. Warum
zögerte die WHO noch? Was für ein schmutziges Spiel spielte sie, uns nicht
endlich die offizielle Warnung zu geben, den offiziellen Startschuss für das
Ende der Welt, so schien es mir. Ich fragte mich: Was bedeutete nun so eine
Pandemie? Es handelt sich um eine Epidemie, die die ganze Welt betrifft,
erfuhr ich. Ein Erreger war unterwegs der sich schnell und weltweit
ausbreitete. Aus alternativen Quellen lernte ich, dass diese Definition des
Pandemie-Zustands bei der WHO erst vor einigen Jahren geändert worden war.
Zuvor gab es mehrere Warnstufen für Pandemien von geringer bis hoher
Gefährlichkeit. Insbesondere war ein vielfach schwerer Verlauf der Krankheit
für eine höhere Warnstufe notwendig gewesen. Heutzutage hatte man sozusagen
nur noch einen einfachen Schalter. Pandemie ein oder Pandemie aus.
Gewissermaßen genügte ein weltweit sich ausbreitender Schnupfen auch schon für
die Erklärung einer Pandemie. Das deutsche Robert-Koch-Institut, welches als
Regierungsinstitution gerade eine wichtige Rolle beim Umang mit der Pandemie
spielte, hatte sich sogar besonders anstrengen müssen, um seine eigenen
formalen Kriterien für eine Pandemie so neu einzustellen, dass zwar eine
Pandemie für das Corona-Virus ausgerufen werden konnte, jedoch nicht auch für
das „gewöhnliche“ Influenza-Virus ausgerufen werden musste.

Irgendjemand musste in den Massenmedien den Gedanken gepflanzt haben, dass es
jetzt eine gute Idee sei, Notvorräte in den Haushalten anzulegen, um sich auf
eine mögliche Katastrophenlage vorzubereiten. Dies war die Geburtsstunde der
„Hamsterer“. Es handelte sich dabei um eher verachtenswerte Mitglieder der
Gesellschaft, welche ohne Sinn und Verstand in den Geschäften große Mengen
bestimmter Produkte einkauften und zu Hause horteten. Ich dachte bei mir, dass
hier in letzter Zeit ohnehin nicht mehr sehr viel mit Sinn und Verstand
abzulaufen schien. Wie ich aus meinem Umfeld hörte, betraf dieses Hamstern
zunächst vor allem Nudelpackungen und Trinkwasservorräte. Aber auch
medizinische Artikel wie Desinfektionsflüssigkeiten, Atemschutzmasken und
Einweghandschuhe waren wohl vielfach vergriffen.

Bei dieser Gelegenheit bemerkte gerade der deutsche Staatsapparat, dass er
nicht darauf eingerichtet war, wenigstens sein eigenes Personal mit
Schutzkleidung für Seuchen auszustatten. Der Nachschub wurde ja „ just in
time“ über die globalen Lieferketten sichergestellt und viele Dinge wurden in
diesem Erste-Welt-Land gar nicht mehr hergestellt. Dieser Begriff „globale
Lieferketten“ war auch ein viel strapazierter dieser Tage. Nach wenigstens
drei Jahrzehnten der alternativlosen Globalisierung, die ich selbst miterlebt
hatte, bemerkte man plötzlich allerorten die Nachteile dieser Praxis, als
hätte nie jemand zuvor darüber nachgedacht. Von einem Vertreter der
Wirtschaftsinteressen in Deutschland schnappte ich aus einer Artikeleinleitung
folgendes auf: Selbst wenn die globalen Lieferketten nicht zusammenbrechen
würden: Alleine ein gesäter Zweifel an deren Zuverlässigkeit könnte
katastrophale Auswirkungen auf unser Wirtschaftssystem haben. Das ist ja
beruhigend, wie rational, stabil und in sich selbst ruhend unser
Wirtschaftssystem ist, dachte ich.

Einen Tag vor der Abreise an die Nordsee hatte ich noch einmal meine in Rente
lebenden Eltern bei mir zu Gast. Der Corona-Komplex spielte in unserer
Unterhaltung noch keine besonders große Rolle, außer dass ich von meiner
Mutter hörte, dass Vater nun auch schon hamstert. Hamstern: Das neue Unwort
des Jahres? Dieses Jahr würden wir ein Unwörter*buch* brauchen. Unter anderem
habe mein Vater einen Haufen Spaghetti-Packungen eingekauft, damit in den
drohenden düsteren Zeiten immer genug italienische (!) Kost auf den Tisch
kommen konnte. Erst nachdem mich meine Eltern wieder verließen entdeckte ich
ein Corona-Fundstück: In einer Tüte mit einer Flasche Wein und Fressalien
(keine Spaghetti), die sie mir dagelassen hatten, fand ich außerdem eine
Auswahl an Desinfektionsfläschchen bester Qualität. Dann kann das Virus ja
kommen, dachte ich und verstaute die Fläschchen irgendwo, wo ich sie
hoffentlich so bald nicht wiederfinden würde. Vielleicht kamen sie demnächst
als wertvolle Objekte im Tauschhandel in Frage.

Die Reise in den Norden

Immer noch frustriert über die erzwungene Änderung unserer Urlaubspläne, nahm
ich mir vor, die zwei Wochen an der Nordsee wenigstens dazu zu nutzen, um eine
Art meditative Entspannung zu erreichen und wollte in dieser Zeit keinerlei
weitere Medien mehr konsumieren, um Abstand zu der immer noch hysterischer
werdenden Berichterstattung über die „Pandemie“ zu gewinnen. Die Zugfahrt in
den hohen Norden verlief relativ ereignislos. Auffällig war mir nur, dass die
Züge für einen Sonntag angenehm dünn besetzt waren. Zusammen mit ca. 2.000
neuen Gästen an diesem Tag, wie ich später der Presse entnommen habe,
erreichten wir am frühen Abend die Insel mit dem Schiff. Wir hatten
kurzfristig noch eine Ferienwohnung für zwei Wochen auf der Insel buchen
können. Wir schleppten unser Gepäck in das letzte Transportmittel für diesen
Tag, den Bus, um die nette Vermieterin in ihrem Haus zur Schlüsselübergabe zu
treffen.

Das Gespräch mit der Vermieterin war denkwürdig. Sie war deutlich aufgewühlt
durch die Berichterstattung rund um die Pandemie. Sie hatte schon neue
Verhaltensweisen einstudiert: Die Hand würde sie uns lieber nicht mehr geben,
das sei ja nun alles nicht mehr so einfach. Sie begann ein Gespräch über das
Corona-Thema und brachte zum Ausdruck, dass ja jede Stunde etwas neues komme,
man könne sich nicht sicher sein, was noch alles verordnet wird. Eine
Eigenheit die mir schon in den Tagen zuvor an anderen Menschen aufgefallen
war, wurde mir an dieser Stelle wieder bewusst: Verschiedene Ideen waren
bereits in die Köpfe eingepflanzt, die bei

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