Leben in Zeiten der Massenpsychose - Page 2

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der neuesten
elektronischen Post stieß ich bald auf eine weitere Meldung meines Chefs: er
habe nun genug; er ziehe die Reißleine. Unsere komplette Gruppe sollte mit
sofortiger Wirkung von zu Hause aus arbeiten. Wer an diesem Montag noch
(*lebend* vermutete ich) das Büro erreicht habe, sollte unverzüglich seine
erforderliche Ausrüstung zusammenpacken und spätestens bis zur Mittagszeit zu
Hause seinen neuen Heimarbeitsplatz erreicht haben. Es war eine bizarre
Nachricht, die für mich den Anklang eines Hollywood-ActionStreifens hatte.
Meine bereits eingetroffenen oder noch hereintröpfelnden Kollegen waren auch
einigermaßen irritiert über diese Maßnahme, die unser Chef eigenmächtig für
uns getroffen hatte, während der Rest der Abteilung noch entspannt auf den
Fluren ihrer Arbeit nachging.

Die Virennachrichten in diesen Zeiten erlaubten es einem, sich wie in einem
KrisenKoordinations-Zentrum beim Katastrophenschutz zu fühlen. Unser Chef, der
auch in Arbeitsfragen immer Zahlen einforderte, anhand derer er uns steuern
konnte, auch wenn er sie nicht so genau verstand, war offenbar ein
willkommenes Opfer für diese Form der Berichterstattung. Vermutlich hatte er
etwas zu tief in die verschiedenen Echtzeit-Ticker geblickt, die zum Thema
angeboten wurden. Ich machte mich zusammen mit meinen Kollegen entspannt bis
amüsiert auf, um den Arbeitsplatz zu Hause zu beziehen. Von zu Hause zu
arbeiten war nichts Neues für uns. Wer persönlichen Bedarf hatte, konnte schon
immer beantragen für einzelne Tage von zu Hause zu arbeiten. Es war ein
Angebot, welches ich bislang schätzte, jedoch nur, wenn es auch einen
tatsächlichen Anlass dafür gab. Längere Zeit am Stück habe ich nie von zu
Hause gearbeitet. Insofern war diese eine Woche reine Heimarbeit vor meinem
Urlaub einmal eine interessante Erfahrung für mich. Ich entschloss mich jedoch
am Ende dieser Woche dazu, diesen Zustand nicht mehr länger als nötig
hinzunehmen, da ich durch das ständige zu Hause sein zu wenig Bewegung und zu
wenig Ansprache hatte. Da der Weg vom Frühstück ins „Büro“ nur aus wenigen
Metern bestand, kam mein Kreislauf gar nicht mehr in die Gänge, so dass ich
ständig fror. Außerdem hatte ich keine alltäglichen sozialen Kontakte mehr und
drohte zu versauern.

Einige Kollegen und Personen aus meinem privaten Umfeld wussten scheinbar
bereits genau, wie es nun auf der Welt mit Corona weitergehen würde: Bei uns
in Deutschland würde es genauso kommen wie in China zuvor und wie es nun bald
in Italien sein würde. Deutschland hätte „eine Woche Vorsprung“ vor Italien
bezüglich der Ausbreitung der Krankheit, hieß es. Bei uns würden die Schocks
entsprechend eine Woche verzögert einschlagen. Das hörte sich bereits alles
wie ein unabwendbares Schicksal an. Ich verstand nicht ganz, wie man zu dieser
Einschätzung kommen konnte. Man müsste doch erst einmal den Verlauf der
angedachten Katastrophe abwarten, dachte ich. Sicherlich sollte man sich als
Staat vorbereiten wenn man aus dem benachbarten Ausland Meldungen über eine
grassierende Krankheit bekommt. Aber man sollte doch nicht potentiell
schädliche Maßnahmen ergreifen, bevor überhaupt klar war, was geschah. Da
dieser Themenkomplex „Corona“ nun zunehmend mein soziales Umfeld und mein
persönliches Leben beinflusste, sah ich mich nun doch genötigt mich intensiver
mit den verfügbaren Informationen auseinanderzusetzen, als ich es bislang
getan hatte.

Zu diesem Zeitpunkt nahm ich in den Internetkommentaren zur Berichterstattung
über Corona verschiedene, wie so oft meist tief verfeindete, Meinungsgruppen
wahr. Es gab recht viele Nutzer, die die Berichterstattung für übertrieben
hielten und die versuchten auf sachliche Informationen zu drängen. Dann gab
es eine große Gruppe, die großes Ungemach auf die ganze Menschheit zukommen
sah. Wer jetzt die Gefahr des Virus herunterspiele, würde schon noch sehen,
wie dick es komme. Von dieser Gruppe wünschten sich bereits viele ein
radikales und schnelles Durchgreifen, wie in China oder Singapur, wo mit
drastischen Maßnahmen das Virus eingedämmt worden sei, während hier in
Deutschland noch Däumchen gedreht würde. Ein Leser wünschte sich, in
Deutschland gäbe es so viel Vernunft wie in China, wo schon seit Jahren eine
Kultur des Tragens von Atemschutzmasken herrsche. Das sei
verantwortungsbewusst den Mitbürgern gegenüber. Dass China, wo diese Kultur
herrschte, ausgerechnet der Ausgangspunkt dieses „gefährlichen Virus“ war,
schien den Nutzer nicht sonderlich zu irritieren. Ein weiterer Kommentar zog
einen Vergleich mit dem Mittelalter: Wenn ein Burgherr von einer grassierenden
Seuche hörte und sich dies als wahr herausstellte, so ließ er sofort die Burg
verriegeln. So manche Burg sei darauf vorbereitet gewesen gar mehrere Jahre in
diesem Zustand auszuharren, bis die Seuche im Land sich gelegt hatte.

Beim Studium der Artikel und Leserkommentare zum Thema fiel mir ein neuer
Wortschatz auf, der im Begriff war, Einzug in die Sprache zu nehmen. So etwa
der Begriff der „Durchseuchung“, d.h. der Vorgang der massenhaften Infektion
der Bevölkerung mit einem Erreger. Oder auch die „Herdenimmunität“, der
Zustand einer Bevölkerung, in dem bereits so viele Menschen eine Krankheit
durchlebt und sich dadurch immunisiert haben, dass ein Erreger sich nicht mehr
effektiv weiter ausbreiten kann. Diese Fachbegriffe wurden neuerdings wie neue
Alltagswörter herumgereicht und waren Zutaten aller möglichen Theorien,
Vorhersagen und Meinungen. Ein weiteres Wort welches unablässig in der
Berichterstattung zu Corona auftauchte war „neuartig“. Die Familie der
Coronaviren war zwar schon seit Jahrzehnten bekannt. Doch hier sei nun ein
„neuartiges Virus“ unterwegs. Daraus wurde auch schnell die Argumentation
gestrickt, dass sich ein Vergleich des Corona-Virus mit anderen
Viruserkrankungen wie Influenza von selbst verbot. Und wer es dennoch tat,
disqualifizierte sich für jede weitere Auseinandersetzung mit dem Thema.

Zuverlässige Fakten über dieses „Corona-Virus“ schien es derweil noch nicht so
viele zu geben. Es würde sich sehr schnell ausbreiten hieß es. Viele Fälle
würden leicht oder sogar symptomlos verlaufen. Die Krankheit sei jedoch schon
lange bevor sich potentielle Symptome zeigen ansteckend. Gerade ältere
Menschen seien gefährdet und in Italien wären viele Betroffene auf künstliche
Beatmung angewiesen. Von diesen Informationen taugte noch nichts dazu, um mich
in Sorge zu versetzen. Alleine die hysterische Berichterstattung genügte
meiner Meinung nach schon, um normale Zustände in „Nachrichten“ zu verwandeln,
oder um sie zu produzieren, indem Menschen infolge der Berichterstattung ihr
Verhalten änderten.

Mich erinnerte die Beschreibung der Krankheit ein wenig an eine
Keuchhusteninfektion, die ich als junger Mensch einmal durchgemacht hatte.
Auch dieser Erreger ist schon ansteckend, bevor man Symptome hat, und bleibt
auch nach der Gesundung noch ansteckend. Unschön, wie alle Krankheiten, aber
Teil des Lebens. Als ich damals nach drei Wochen schweren Hustens von meinem
Arzt die Diagnose „Keuchhusten“ erhielt, wurde ich gebeten mich in einen
abgesonderten Warteraum zu setzen und mich von anderen Personen fernzuhalten.
Ich hatte seinerzeit das erste Mal von der Erkrankung gehört und lernte
daraufhin, dass man in der DDR die Bevölkerung dagegen geimpft hatte, während
dies in der BRD damals wie heute nicht der Fall war. Erst die Gabe von
Antibiotika befreite mich schließlich von der höchst unangenehmen Erkrankung.
Ein Grund dafür war wohl mein zu dieser Zeit generell schlecht aufgestelltes
Immunsystem.

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