1 – Lebenssplitter „Lohn"

von * noé *
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Lebenssplitter 1

Lohn

Die eine Schule war beendet, die andere begann erst sechs Monate später. In der Zwischenzeit arbeitete ich als Kindermädchen in einem Bäcker- und Konditorhaushalt.

Meine Aufgaben erschöpften sich aber nicht allein in der Beaufsichtigung der zwei Jungen, von denen einer ein Vierjähriger, Thomas, mit Tausend verrückten Ideen pro Stunde war und der andere ein neun Monate junges Wickelkind, Stephan.

Ich musste beim Kochen helfen, hatte die Wäsche zu flicken, musste, wenn Not an der Frau war, in der Backstube Blechkuchen belegen helfen und ich musste putzen, nicht nur den Haushalt, auch die Backstube und die Mehlkammer, eine Etage höher.

Kurz: Ich musste alles tun, was die Bäckersfrau von mir verlangte. Dass es eine weibliche Person war, die die Hosen anhatte, das kannte ich ja schon von Zuhause, also war das keine große Umstellung für mich.

Das Schöne war der Samstag gegen 15 Uhr, wenn ich gehen durfte. Dann bekam ich ein Riesenpaket, an dem ich immer zu jonglieren hatte, mit Kuchen und Teilchen, die das Wochenende nicht überlebt hätten, für „die Familie“. Und die saß schon immer am fertig gedeckten Kaffeetisch und lauerte auf die Köstlichkeiten mit Sahne und Creme, auf die Obsttörtchen und die Plunderteilchen, die Berliner, Amerikaner, Streusel- und Mohnstreifen, die Mandelhörnchen, Windbeutel und sahnegefüllten Schillerlocken, auch die tennisballgroßen Rumkugeln, in denen schon frühere Reste Verwandlung erfahren hatten und die so unübertroffen lecker schmeckten, eben alle diese rücksichtslosen Kalorienlieferanten. Sechs Monate lebten wir samstags im Schlaraffenland. So gesehen, eine wunderbare Zeit.

Das Geld, das ich verdiente, meine Mutter hatte meinen Lohn – unter Umgehung meiner Person – mit der Bäckersfrau direkt ausgehandelt, wie auch meinen Anstellungsvertrag und sämtliche Konditionen darin, dieses Geld also kam auf ein Sparbuch. Aber das wusste ich nicht, es hatte mich auch nicht zu interessieren damals.

Jeden Monat wurde mein Lohn in Höhe von 299,99 DM, gekürzt um monatlich 50 DM, darauf deponiert, während ich in dem Glauben gelassen wurde, es zur Haushaltsführung beigesteuert zu haben. Die 50 DM waren mein Taschengeld, von dem ich aber auch die Straßenbahn zu bezahlen hatte, wenn ich aus Zeitspargründen nicht vorzog zu laufen. Bei meiner Hochzeit später bekam ich überraschend das mit 3,5 Prozent verzinste Guthaben (traumhaft, nicht?) dann ausgezahlt.

299,99 DM – ein krummer Betrag, oder?
Wären es 300 DM gewesen, hätte es versteuert werden müssen. Die „Naturalien“, das Riesenkuchenpaket am Wochenende, flossen so nebenher und waren deutlich mehr als nur einen Pfennig wert (ein halber Euro-Cent). Auch die Verpflegung vor Ort fand keine Berechnung.

Ich hoffe, dass das alles verjährt ist, nicht dass ich jetzt noch nachträglich besteuert werde, sollte dies die Finanzbehörde zu Gesicht bekommen! Steuerhinterziehung ist ja ein Schlagwort, heute, und „gehenkt" werden doch immer nur die Kleinsten ...

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Kommentare

07. Dez 2014

DER Steuer-Trick hat ja was Schönes!
(Nicht so wie beim dicken Hoeneß ...)

LG Axel