Blutmond

von Susanna Ka
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Annas Herz schlug schmerzhaft gegen ihren oberen Rippenbogen. Zitternd saß Sie auf dem Bett. Das schweißdurchdrängte Nachthemd klebte an ihrem Körper.
Etwas hatte sie aus dem Schlaf gerissen. Ein Geräusch.
Es war in ihre Träume gedrungen und hatte sie verstört. Wie ein Ruf, dem sie antworten wollte und es doch nicht konnte.
Als das Zittern langsam nachließ, tappte sie barfuß zur offenen Balkontür, und ließ sich von der sommerlichen Nachtluft umfluten.
Aus ihrem Apartment im vierten Stock sah sie die Lichter des Wohnblocks gegenüber, die vier gläsernen Türme des Bürokomplexes und die Leuchtreklame über dem großen Hotel. Sie sah, wie sich ein Hubschrauber in dem bewölkten Himmel verlor, hörte die Geräusche der Rotoren und das Kreischen der S-Bahn in der Kurve vor der Unterführung.
Die Konzentration auf ihre gewohnte Umgebung brachte Anna wieder ins Gleichgewicht.
„Alles OK“, dachte sie, „es war wohl doch nur ein Traum.“
Gerade wollte sie die Balkontür schließen, da riss die Wolkendecke auf. Riesig, und in ein unheilschwangeres Rot getaucht hing der Vollmond über Innenstadt.
Blutmond.
Anna erstarrte. Jedes einzelne ihrer Körperhärchen richtete sich steil auf.
Noch vor ein paar Stunden hatte sie im Abendblatt einen Artikel über dieses Phänomen gelesen. Die Presse hatte die Naturerscheinung als „Supermond“ bezeichnet und ihr eine ganze Seite gewidmet. Eine totale Mondfinsternis. Der Mond lag im Kernschatten der Erde und sollte eigentlich gar nicht zu sehen sein. Doch das langwellige Sonnenlicht in der Atmosphäre ließe ihn rot schimmern.
Schon beim Lesen hatte Annas Nacken gekribbelt.
Sie hatte etwas damit zu tun – aber was?
Und wovor hatte sie so große Angst?
Der Mond schimmerte nicht rot, wie im Abendblatt beschrieben. Er leuchtete, pulsierte und tauchte die bekannte Silhouette der Stadt in ein gespenstisches Licht. Schwarze Flecken wanderten über seine Oberfläche und eine feurige Korona umgab ihn wie ein Flammenmeer.
Das war kein Blutmond – das war ein Höllenmond,
und dessen Energiewellen konnte Anna deutlich spüren.
Noch während sie sich verängstigt an den Rahmen der Balkontür klammerte, hörte sie es.
Ein Wolfsgeheul, tief und klangvoll, wie aus den Kehlen unzähliger riesiger Wölfe.
Nicht wie das Jaulen der streunenden Grauen, die sich regelmäßig an den S-Bahngleisen trafen, oder die fiependen Töne des Rudels in den Grünanlagen…
Nein, es war ein mächtiges kraftvolles Heulen. Und es lag im Infraschallbereich, also unterhalb der menschlichen Hörschwelle. So ließ es die meisten Stadtbewohner schlafen, doch es war schmerzhaft für diejenigen, die es hören konnten. Für die hochsensible Anna war es ein ohrenbetäubendes Crescendo. Die Vibrationen dieser unheimlichen Klänge füllte ihren ganzen Körper aus und ließen sie wimmernd zu Boden sinken.
Dann aber wurde sie von einem Impuls erfasst, sprang auf und stürzte auf den Balkon hinaus. Sie holte Luft und schickte ihrerseits ein tiefes Heulen in die Nacht.
„Nein, nein – was tue ich hier …?“
Entsetzt brach sie ab und krallte sich zitternd in das Balkongitter. Eiskalter Schweiß rann ihren Körper hinunter. Aber dieser unbekannte Instinkt war stärker als sie. Anna richtete sich wieder auf, legte den Kopf in den Nacken und heulte. Heulte mit der ganzen Kraft ihres Seins. Sie vergaß jede Disziplin und heulte ihre gesamten unterdrückten Gefühle hinaus. Die Wut auf – sie wusste nicht was – den Abscheu vor den üblen Gerüchen und dem Schmutz der Stadt, den Wunsch nach Freiheit, durch Wiesen und Wälder zu laufen, und ihre unerträgliche Einsamkeit. Ihre Sehnsucht nach der Geborgenheit innerhalb eines Rudels. Nach einem Partner und nach Welpen.
War sie denn verrücktgeworden? Kopfschüttelnd trat sie vom Balkongitter zurück. Wie war sie nur auf die Welpen gekommen?
Die Wölfe hatten Anna gehört. Ihr zugehört. Jetzt näherte sich das riesige Rudel ihrem Wohnblock. Dunkle Schatten zwischen hohen Häusern, deren Bewohner ahnungslos schliefen. Lautlos und neugierig folgten sie der Witterung einer jungen Artgenossin.
Anna stand noch immer auf dem Balkon. Der Wind spielte mit ihrem Nachthemd und legte es eng um ihren Körper. Sie war weithin gut zu sehen und für die männlichen Wölfe sicher eine Augenweide. Sie nahm den Raubtiergeruch wahr, hörte ein aufgeregtes Winseln und … sah sie in gelbe Augen?
Noch einmal brachte sie ein kurzes Heulen zustande. Diesmal scheu und mädchenhaft.
Unten auf dem Rasen antwortete ein Rüde.
Doch dann zogen sich die Wolken wieder zusammen und verbargen den Mond. Die Begegnung war vorüber.

Die ersten Sonnenstrahlen hatten die Höhe der Wohnblocks überwunden und schienen genau in Annas Apartment.
Sie saß auf dem Boden, den Rücken an die Balkontür gelehnt und wärmte ihre Hände an einer großen Tasse Milchkaffee. Der Spuk der vergangenen Nacht war vorüber, doch sie zitterte immer noch am ganzen Körper. Anna konnte noch nicht genau erfassen, was geschehen war, fühlte aber, dass sich etwas verändert hatte. Sie hatte sich verändert. Sie war nicht mehr das junge unsichere Ding von gestern. Sie war in eine andere Welt eingetreten, erwachsen geworden.
Noch hatte sie sich nicht verwandelt, aber wenn das Rudel sie das nächste Mal rief, würde sie ihre wahre Gestalt annehmen.

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Kommentare

10. Mär 2016

Hier ist der Leser live dabei -
Sieht den Mond, hört Wolfsgeschrei ...

LG Axel

11. Mär 2016

Wahnsinn! Dieser Blutmond! Eine sinnliche Erfahrung, die es in sich hat. Wow. Bin beim Lesen atemlos geworden. Eine tolle Geschichte.
LG Monika

12. Mär 2016

Danke, liebe Monika!!
Es freut mich, dass die Geschichte so gut rübergekommen ist.
Es ist der Versuch einer Parabel, eine Entwicklungsgeschichte vom Mädchen zur Frau.

LG,
Susanna

20. Apr 2018

Hoch spannend, liebe Susanna, berührt mich tielf, besonders, da ich ein besonderes Verhältnis zu Wölfen habe, als ich ein Kind war, verständigten wir uns untereinander nicht mit einem Familienpfiff, wie üblich, sondern mit Wolfsgeheule, ich kann das heute noch perfekt imitieren ...

LG Marie