Für immer

von Amalia Goldbach
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Sie war gekommen um zuzuschauen und mit einem Mal stand sie mittendrin. In diesem Augenblick erkannte sie ihren Irrtum. Die entscheidenden Momente eines Lebens, in denen sich seine gewohnte Richtung für immer ändert, werden nicht von einem Trommelwirbel angekündigt und sind nicht von lauter Dramatik. Sie saß im Theater dreizehnte Reihe Parkett links und verfolgte die Darbietung eines unbekannten Ensembles. Aus dem gleichförmigen Rhythmus der Gruppe lösten sich die Bewegungen eines Tänzers. Er ließ die Musik bis ins Publikum fließen ohne die Töne jemals ganz los zulassen. Ein Gefühl von unglaublich leiser Art und einer so großen Kraft, dass die Mauer um ihre Seele einen breiten Riss bekam. Später wird sie sich fragen, wie das alles gekommen war. Das einzige, an das sie sich ganz genau erinnern wird, ist die Frage, der sie in diesen Minuten nicht ausgewichen war: Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist – was geschieht dann mit dem Rest?

*

In fünfzehn Minuten fing die Vorstellung an, seit zwanzig Minuten warteten alle auf sie und jetzt wurde die Ampel zum dritten Mal wieder rot, ohne dass sich das Auto vor ihr bewegt hatte. Anna stand zu weit hinten. Sie konnte nicht erkennen, wer oder was die Ursache für den Stau war. Den Grund zu kennen, hätte nichts geändert, außer vielleicht der Gewissheit, dass es in absehbarer Zeit eine Lösung geben würde. Sie ließ ihre Nervosität an dem abgewetzten Lenkrad aus. Der Lederbezug stammte noch aus der Zeit mit Tim. Jedes Mal, wenn sie zu spät war, und sie war fast immer zu spät, ließ sie das Leder, das irgendwann mal ganz weich und geschmeidig gewesen war, für die letzten fünf Jahre büßen. Zu viele Dinge, an die sie in letzter Minute denken musste. Zu viele Dinge, die sie nicht mehr teilen konnte. Sie hatte vergessen Lippenstift aufzutragen. Um das nachzuholen, hätte sie in den Rückspiegel sehen müssen. Aber sie wollte sich jetzt nicht begegnen. Vor ihr stand ein gelber Audi. Auf der Rückbank saß ein Kind, zu dem sich von Zeit zu Zeit Fahrerin und Beifahrer umdrehten und Gute-Laune-Grimassen machten. Ihr erstes gemeinsames Auto hatte genau die gleiche Farbe gehabt. Sie hatten gewettet, was Tims Eltern sagen würden, wenn sie ihnen erzählten, dass sie zusammengezogen waren. „Hauptsache, du lenkst Tim nicht von seinem Studium ab.“ Für Tims Mutter war die Sache klar. Ihr Sohn war das Wichtigste in ihrem Leben und sein Erfolg, das sichtbare Zeichen für den Rest der Welt, dass sie alles richtig gemacht hatte. Und nun kam Anna und sorgte für Unordnung. Glück war für Tims Eltern eine kalkulierbare Größe: Gute Noten, schnelle Promotion, beste Voraussetzungen für eine anschließende Habilitation. Vom Leben und der Liebe verstanden sie nur das, was sich eingefasst in hölzerne Rahmen an die Wand hängen ließ. All das hatte Anna vorausgesagt und die Wette gewonnen. Ansonsten hatte sie bereits in diesem Moment auf ganzer Linie verloren. Als äußeres Zeichen ihrer Rebellion gegen Tims Eltern hatte sie ein leuchtendes Gelb ausgesucht. Tim hegte eine große Leidenschaft für schöne Autos. Die Farbe Gelb machte in seinen Augen aus dem Audi ein lächerliches Vehikel. Drei Jahre litt er, dann verkauften sie „die Zitrone“ und der erste schwarze Zweisitzer stand vor der Tür. Für Anna war es das äußere Zeichen ihres Widerstandes gegen fremde Pläne ihres gemeinsamen Lebens gewesen. Sie hatte sich Tims Eltern in den Weg gestellt, damit er vorbei huschen konnte. Doch irgendwann wusste Anna, was von Anfang an falsch gelaufen war. Eine Revolution braucht erst ein Bekenntnis und dann Plakate.

Die Autoschlange setzte sich in Bewegung. Einem Wohnmobil war ein Reifen geplatzt und nun hing es schief auf der Kreuzung, blockierte beide Fahrspuren und nur ganz langsam und vorsichtig schoben sich die Autos an dem Hindernis vorbei. Die Ampel wurde erneut rot. Anna holte tief Luft. Sie würde es bestimmt nicht mehr rechtzeitig schaffen und Marcel würde wie immer geduldig draußen warten. Ohne Vorwürfe, ohne Wut. Dabei würde ihm ehrliche Wut über ihre permanente Unpünktlichkeit ganz gut zu Gesicht stehen. Wenn sie schon früher mehr Wut und weniger Verständnis gehabt hätte, wäre es vielleicht eher zu einer Explosion gekommen. Und hinterher hätten sie festgestellt, dass sich aus den Trümmern nichts Haltbares mehr herstellen lässt.

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