Für immer - Page 2

von Amalia Goldbach
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Die Geschichte war trivial und taugte nicht für ein großes Drama. Außerdem ging es niemanden etwas an. Anna hatte alles gut versteckt. Unter ihrer Haut, in einem überfüllten Alltag, in den verstaubten Kisten auf dem Dachboden. Überall dort, wo niemand nachsehen würde. Menschen, die ihr zu nah kamen, machten sie seit dem nervös. Als könnten sie herausfinden, dass etwas nicht stimmte. Dabei stimmte es längst. Anna war in allem sehr gründlich. Im Leben, in der Liebe und in der Wahrheit. Vielleicht hatte sie deswegen so lange gebraucht, alte Bilder gegen neue auszutauschen. Eine ganz normale Geschichte, tausendmal von vielen Menschen erlebt. Aus zwei Leben wird eins und irgendwann ist dieses eine Leben zu klein für einen gemeinsamen Alltag, eigene Träume und geteilte Pläne. Bis einer die Richtung wechselt und der andere mit einer Vergangenheit, die nicht mehr zur Gegenwart passt, zurück bleibt. Der Blick in eine andere Richtung brauchte einen guten Grund. Anna hatte gleich zwei; drei und fünf Jahre alt und sie hatten jedes Recht dieser Welt glücklich zu sein. Unbehelligt und glücklich. Kleine Hände in großer Hand. Das Versprechen auf ein unbeschwertes Leben einlösen. Eine geplante Hoffnung. Erst streichholzgroß, dann ein fertiger Mensch. Sie zog kräftig an dem kleinen Streifen, der sich von dem Lederbezug des Lenkrads gelöst hatte und schon gab das Band seinen Widerstand auf und ließ sich leicht abwickeln. Als sie es ganz geschafft hatte, wusste sie nicht wohin damit.

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„Ich habe das Gefühl, nur noch aus angefangenen Teilen zu bestehen, die nie fertig werden und noch weniger ein Ganzes ergeben. Und du hast keine Zeit mehr. Ich brauche aber jemanden, der sich um mich kümmert.“ Es war weder ein Abschied, noch eine Erklärung. Tim hatte nicht auf der Couch neben ihr noch am Tisch ihr gegenüber gesessen. Das wäre zu verbindlich gewesen, zu konkret geworden. Ein trotziges Plädoyer für den Freispruch von einem Versprechen für etwas, das nicht zu ihm gepasst hatte. Gehalten beim Packen einer einzigen Tasche, die ausgereicht hatte, um den Fahrzeugbrief des Sportwagens und ein paar persönliche Dinge mit zunehmen. Mehr hatte er nicht gewollt. Er konnte das Versprechen auf ein unbeschwertes Leben nicht einlösen. Wie hätte er wissen sollen, dass sie ihm Angst machten. Angst jemand anderes zu werden. Angst weniger geliebt zu werden. Angst seine Zeit zu verlieren. Er hätte Anna gerne mitgenommen, doch für vier Menschen war in dem Sportwagen nun mal kein Platz. Also sammelte Tim seine Zeit so schnell ein, dass kein weiteres Wort dazwischen passte und nahm alle Stunden, Minuten und Sekunden mit an einen anderen Ort. Damals war Anna ans Meer gefahren, mit der Hoffnung das Bild einer neuen Gegenwart zu finden. Doch als sie dort ankam, lagen vor ihr die unausgesprochenen Sätze der Zukunft und hinter ihr standen die Bilder der Vergangenheit. Kleine Hände in großer Hand, das war die Gegenwart. Und sie schuf einen Ort für die Gegenwart ihres neuen Lebens. Ein hocheffizientes Trio verbunden durch eine Liebe, die noch nichts davon ahnte, wie leicht und schwer es sein würde, das Leben hinzuzufügen.

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Als sie das Theater endlich erreichte, stand nur noch eine kleine Traube Raucher vor dem Haupteingang. Mittendrin wedelte Marcel mit ihrer Eintrittskarte, erleichtert sie endlich zu sehen. Die anderen waren schon zu den Plätzen gegangen. „Alles klar mit

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