Für immer - Page 4

von Amalia Goldbach
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Irgendwann in einem weinseligen Moment hatte Anna Marcel gestanden, dass sie die Liebe wohl irgendwo an einem Ort in ihrer Seele verlegt hätte. Er hätte aus diesem Augenblick gerne diesen einen bewegten Moment gemacht, der alles verändert, sah ihr in die Augen und sagte:„Dann lass sie uns suchen.“ Und sie hatte ganz ruhig ihr Glas abgestellt und war gegangen. Als Marie sie nach diesem Abend gefragt hatte, hatte Anna sich schuldig gefühlt und geantwortet: “Wie kann man in etwas gründlich sein, das falsch ist?“

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Alles war ruhig und dunkel. Sie ließ die Schuhe im Eingang stehen und stieg leise die Treppe hoch. Sie schlich an Sammys Bett, strich ihrer Tochter über die dunklen Locken und zog Lucky, einen abgeschmusten Stoffhasen, vorsichtig unter ihrem Kopf hervor. Lucky war genauso alt wie Sammy und ihr allerbester Freund. Alex lag wie immer falsch herum im Bett. Anna lächelte und zupfte die Bettdecke so gut es ging über die nackten Füße ihres Sohnes. Im Schlaf war der große Bruder sehr aktiv und drehte sich wie ein Kreisel im Bett herum. Im Wachzustand beherrschte er die Kunst der passiven Fortbewegung. Sie ging in ihr eigenes Zimmer und kramte eine alte Kleiderkiste hervor, öffnete den Deckel und ein gründlich verstauter Lebensabschnitt in Form von Spitzenschuhen, Trikots und selbst genähten Kostümen quoll heraus.

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Die Ballettschule lag im ersten Stock. Sie folgte zwei jungen Mädchen, die ebenfalls nach oben gingen und keinen Zweifel darüber offen ließen, dass sie hierher gehörten. Beide hatten ihre Haare zu einem festen Dutt auf dem Kopf verknotet und das Stück Bein, das Anna sehen konnte, steckte in enger Tanzbekleidung. Anna selber hatte sich für eine weite Jogginghose entschieden, sie wollte lieber unsichtbar bleiben, bezweifelte allerdings gerade, ob ihr die Jogginghose dabei wirklich helfen konnte. Sie wurde der Mittelstufe zugeteilt, weil es um diese Uhrzeit keinen anderen Kurs gab. Mulmig folgte sie der Traube junger Menschen, die munter schwatzten und vor einer Glastür stehen blieben. Die vorangegangene Stunde war noch nicht zu Ende und ihr Blick blieb an einer jungen Tänzerin hängen, die ganz mühelos den Anweisungen der Ballettlehrerin folgte. Annas Füße bohrten sich in den Boden. Schwer wie Blei stand sie da und fragte sich, wie sie in diesen Tanzsaal gelangen sollte, als sie von einem Strom ankommender Tänzerinnen mitgerissen wurde und sich in einer der mittleren Reihen vor dem Spiegel wieder fand. Ihre Knie zitterten und jetzt war sie doch froh über den formlosen Stoff an ihren Beinen.

Der Dozent betrat den Saal. Inzwischen hingen hundert Kilo unter jedem ihrer Füße und ihre Angst hatte mächtiges Übergewicht. Sie schämte sich furchtbar. Sie konnte sich nicht mehr erinnern, wie es sich anfühlte zu tanzen. Bis die Musik den Raum füllte und der Lehrer seine Schritte hinzufügte. Sie erkannte den Tänzer aus dem Theater. Keine unübliche Sache, dass Tänzer gleichzeitig als Dozenten Tanz unterrichteten. Anna wusste das und nur sie wusste, dass er es war, der die Mauer um ihre Seele mit seiner Darbietung einen Spalt breit geöffnet hatte, so weit dass die Musik und seine Bewegungen hatten hindurchschlüpfen können. Und wenn das Leben auf einen Trommelwirbel gewartet hatte, um einen Richtungswechsel anzukündigen, dann war es genau dieser Moment. Dieser leise, unbemerkte Augenblick, in dem sie nicht weg lief, um sich in einem Kinderzimmer in Sicherheit zu bringen. Sie bot den unsichtbaren Dämonen die Stirn und blieb. Diesmal tauchte sie auf, holte tief Luft, so dass sich ihre Lungen füllten und bewegte sich mühelos. Leicht und sicher stand sie hier und vertraute sich einem Fremden an, der keine Ahnung hatte und die ganze Geschichte in sich trug. Sie blieb, weil sie sich selbst dieses eine Mal nicht verpassen wollte. Anna sah in die Augen dieses Mannes und fand eine Antwort auf die Frage, die sie fast vergessen hatte. Wenn wir nur einen Teil von dem leben, was in uns ist, was passiert dann mit dem Rest? Schwerelos folgte sie seinen Schritten, nahm seine Hand und entdeckte diesen Ort in ihr, an dem sie ihre Liebe verloren hatte. Zwei Seelen, eine Berührung, ohne Absicht und ohne Geschichte. Eine Liebe, die nichts wollte und die in Sicherheit war, weil auch sein Leben ganz ohne sie in Sicherheit war. Mit den letzten Drehungen verließ sie den Boden und flog davon . . .

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Und dann wachte Anna auf. „Mama, wir haben verschlafen. Die erste Stunde ist schon vorbei.“ Unglücklich sahen die beiden nicht aus, nur erstaunt ihre Mutter in einem Empirekleid mit Spitzenschuhen an den Füßen schlafend vorzufinden. Außerdem herrschte ein wunderbares Durcheinander, so sahen sonst eigentlich nur ihre Kinderzimmer aus. Alex schlug vor nichts zu überstürzen, sondern ganz in Ruhe zu überlegen, in was sich dieser ungewöhnliche Morgen verwandeln ließe. „Ist gestern etwas passiert? Warum siehst du so komisch aus?“, Sammy hatte große Lust auf eine Geschichte. „Tut mir leid, aber das ist Privatsache. Und wenn ich euch fahre, schaffen wir es ganz gemütlich zur dritten Stunde.“ Der Tag hatte begonnen. Das Leben auch. Später würde sie Marcel anrufen und ihm absagen. Nicht nur für heute, sondern für immer.

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