Die leidenschaftliche Liebe zum Sandsack

von Alf Glocker
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Auch neue wissenschaftliche Errungenschaften können zu komischen Wirklichkeiten werden, wenn man sie an der richtigen Stelle zum Einsatz bringt. Damit ist selbstverständlich nicht die Atombombe gemeint, nein, aber eine der wirklich umwerfendsten Erfindungen der Neuzeit: die leidenschaftliche Liebe zu einem Sandsack!

Nach nahezu jahrhundertelangen Experimenten und Analysen auf dem Gebiet der Erotik, ist eine kleine verschwiegene Gruppe junger Neoalchimisten jetzt hinter das Geheimnis der Liebe gekommen. Über den Umweg stimulierender Aphrodisiaken haben sie entdeckt, wie man träumerische Begierden sinnvoll umleiten kann.

Gerade in Hungergebieten – wo man sich ja nicht einmal sicher ist, ob die dort grassierende Fortpflanzungswut tatsächlich noch „Liebe“ genannt werden kann – sowie in Gegenden, in welchen eine Meinung Frauen gegenüber herrscht, die alles andere als schmeichelhaft ist, könnte das neue Mittel auf wohltuende Weise zum Einsatz kommen.

Es motiviert nicht nur die Psyche, es aktiviert auch die Fantasie, im Hinblick auf träumerische Gedanken an etwas scheinbar Absurdes. Vor allem Männer, die sich normalerweise auf anziehende Frauenleiber konzentrieren, irritiert es derart, daß sich der davon betroffene Proband selbst dringend von einer körperlichen Vereinigung mit dem anderen Geschlecht abrät, und stattdessen plötzlich eine eher sächliche Variante bevorzugt.

Anstatt Gedanken an etwas womöglich Unerreichbares zu verschwenden, oder auch das Erreichte, einst vielleicht unerreichbar Erschienene, permanent zu entmenschlichen, zu malträtieren, fiebert er in jeder freien Minute dahingehend, daß ein Sandsack die Erfüllung aller seiner Sehnsüchte sein könne. Die Industrie hat sich bereits, noch vor der Verleihung des Nobelpreises an die Neoalchimisten, darauf eingestellt und mit der Massenproduktion von Sandsäcken in den verschiedensten Größen begonnen.

Soweit die materiebehaftete Seite der Geschichte. Das Superheilmittel gegen Not und Überbevölkerung, das ab sofort im Handel als „Libidex“ geführt wird, kann in Zukunft jedoch weder intravenös noch oral noch anal verabreicht werden, sondern nur mithilfe von ganz normalen Sonnenstrahlen zu seiner idealen Verwendung finden. Diese sind jedoch lediglich wie eine Art „Umwandler“ aktiv.

Bevor sie instrumentalisiert werden können, wird noch etwas in der Atmosphäre verbreitet: kleine, von Nacktmullen gewonnene Schweißextrakttröpfchen, die, das Licht brechend und überall Regenbogen erzeugend, am Himmel schweben und sich, auf längere Sicht, horizonterweiternd auf jene auswirken, die sich darunter befinden. Man könnte aber auch sagen, sie wirkten sich horizontbeschränkend aus … je nach Grad der Stärke einer Libido.

Der nunmehr in ein zartrosa getauchte Tag bewirkt eine Art Gehirnwäsche, die keine aggressiven Gedanken, wie die Eroberung fremder Leiber und Seelen, mehr zulässt. Man verliebt sich nicht mehr, auf Teufel komm raus, in ein anderes Wesen und in seine, meist im allgemeinen doch recht unerträglichen Eigenschaften, sondern in die wohltuende Ausgeglichenheit von Sandsäcken.

Dabei spielt es überhaupt keine Rolle mehr, ob Mann nun gedenkt, den vorliegenden und zur Verfügung stehenden Sandsack zu missbrauchen, zu schlagen, oder gar zu steinigen – alles ist künftig damit zu tun erlaubt. Und wer ganz große Ansprüche in Sachen Selbstbestätigung und Großfamilie hat, der darf sich auch einen Sandsack-Harem anschaffen. Das ist völlig ungefährlich.

In eher von Frauen dominierten Gesellschaften dient der Sandsack auch sehr gut dazu, tagelang intensiv
dauerzukuscheln – er eignet sich sowohl für die endlos-blümchenhafte Löffelchenstellung, wie fürs drauf- oder drunterliegen bestens. Niemand kann dabei zu Schaden kommen, und fortwährenden Sticheleien hält er auch problemlos stand. Dies sind angenehme Eigenschaften, die man bei lebenden männlichen Personen sehr selten beobachtet hat.

Möglich wurde die epochemachende Erkenntnis durch einen einfachen Trick. Die jungen Forscher fragten sich eines Tages einfach trocken: „In was verlieben wir uns denn eigentlich wirklich – in das Innenleben eines begehrten Lustobjekts, oder in dessen Aussehen?!“ „Ja, wonach sollte es denn aussehen?“, fragte einer unter ihnen … und ein anderer antwortete: „zumindest nach einer Frau und nicht nach einem Sandsack!“

Das Gelächter war anfangs groß, bis allen dann schlagartig klar wurde, wie groß ihr Irrtum gewesen war. Heraus kam schließlich, nach längeren Überlegungen, daß es völlig egal ist, in was man sich verliebt – wichtig ist eigentlich nur, daß die Gehirne vorher gewaschen werden … Wodurch sich allerdings die Substanz, der Nacktmullschweißextrakt, genau auszeichnet, der sich in den Regenbogen machenden Tröpfchen zu einer Art Parfüm auflöst, darüber schweigt sich das Team nach wie vor konsequent aus.

Vermutungen zufolge handelt es sich um freigesetzte Lambdawellen, die durch eine Filterung des Lichts, in bisher nie gekanntem Ausmaß aktiv werden, wodurch ihre Wirkung nur noch mit der Vernebelung des Geistes durch einen radikalisierten Hormonhaushalt zu vergleichen ist. Die aktiv gewordenen Lambdastoffe machen, wie weiter spekuliert wird, die äußere Erscheinung nicht von althergebrachten Vorstellungen, wie Attraktivität, abhängig, sondern schädigen das Gehirn auch nicht mehr als die bisher bekannten Botenstoffe für Sex und Erotik.

Dies wiederum ermöglicht sozusagen eine völlig „freie Gestaltung“ emotionaler, respektive sexueller Fixierungen, auf ein beliebiges DING, welches nunmehr von staatlichen Stellen, oder auch durch eine ärztliche Verordnung vorbestimmt werden kann. Und hierfür eignete sich, wie man in langen Versuchsreihen herausfand, am besten eben – wie auch nicht anders zu erwarten - der ursprünglich neutrale Sandsack!

Bisher unbestätigten Berichten aus von Dogmen unabhängigen Weltregionen, wo immer die sich befinden mögen, haben diese Annahmen bestätigt, wobei sie wiederum jedoch von Leuten anderswo, also überall auf der Erde, vehement bestritten werden, die in ihrer Libido eher ein Machtinstrument, als eine Hinwendung zum rein persönlichen, positiven Erleben sehen möchten.

Davon unabhängig diskutieren gegenwärtig auch noch die Militärs intensiv darüber, ob nun UNO-Beschlüsse zur Regulierung der Weltbevölkerung zu erwirken wären, die den Abwurf von Sandsack begehrlich machenden Stimulanzen in den neuralgischen Zonen des Planeten befürworten sollten, oder warum denn nicht … Moralische Bedenken können unabhängige Betrachter, derzeit jedenfalls, angesichts der sich ausweitenden Seelenwüsten, gar nicht erkennen!

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Kommentare

10. Jun 2017

Liebe - Brot der Armen, ein Buchtitel von Thyde Monnier. - Und i c h liebe Afrika und die Kinder dort, Alf. Aber dieses wundervolle Foto: Ein alter Mann mit hoher, zerfurchter Stirn und Bart. Walt Whitman? - Es könnte allerdings auch der alternde Tolstoi sein. Das Auge schaut so erschütternd traurig. Er hat sich wahrscheinlich gerade mal wieder mit Sonja gestritten und ist danach in seinen Wald gerannt.

Liebe Grüße
Annelie

10. Jun 2017

Da wird der Boxer in der Pfanne verrückt...es ist Leonid Tollstein-Zeckenbart...gefunden im Wald von Rammfeld, von und zu Wittgenstein. Ja Afrika, und jenseits davon liegt das Glück auf der Straße der Seligen, wohin ich wallen, fahrten und pilgern werde, wenn die Zeit ist, wie für Newtons Apfel, sowahr ich - verdammt, hab ich jetzt vergessen - heiße...

LG an alle
Alf

10. Jun 2017

Deine schwarzhumorige Satire hat mich amüsiert. Diese Idee solltest Du patentieren lassen. Könnte als Geschäftsidee funktionieren.

LG Monika

11. Jun 2017

Danke liebe Monika! Das wäre dann die 1. Geschäftsidee, die bei mir was bringt...
Auf diesem Gebiet bin ich nämlich eine Niete... :o(

Lg Alf