Leo Sapiens

von Bernd H. Schulz
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Vor 290138 Jahren beobachtete der Löwe Leo, dass die neuen Steppenbewohner, die Homo Sapiens genannt werden, im Gegensatz zu ihm und den anderen Tieren nur 8 Stunden am Tag schlafen. Er selber schläft regelmäßig fast 14 Stunden am Tag und er weiß vom Tiger, dass dieser sogar 16 Stunden jeden Tag schläft.
Die Homo Sapiens sind den ganzen hellen Tag damit beschäftigt, Futter für ihre Großfamilien zu besorgen. Dabei scheuen sie auch nicht davor zurück, Wurzel aus zu graben oder Beeren zu sammeln, wenn sie mal kein Tier erlegt haben.
Leo, der inzwischen auch den Ehrentitel Sapiens tragen darf, analysiert das Treiben seiner nur auf zwei Pfoten gehenden Steppenmitbewohner und erkennt schnell, dass es auch ihm möglich wäre etwas weniger zu schlafen und dafür etwas Antilopen zu jagen. Vielleicht sogar mehr Antilopen zu reißen, als seine Frauen, die für die Jagt zuständig sind.
So sucht er sich also für die folgende Nacht einen Platz ziemlich nahe am Wasserloch aus, um von dem Gegröle der anderen Tierherden geweckt zu werden, wenn diese Frühaufsteher zur Morgentoilette kommen. Das ist zwar nicht ganz ungefährlich, doch als König der Tiere kennt Leo Sapiens keine Furcht und geht fest davon aus, dass er auch nach nur 8 Stunden Schlaf fit genug für die Antilopenjagd ist.
Noch etwas benommen vom plötzlichen Aufwachen aus dem Tiefschlaf beginnt Leo Sapiens also der ersten Antilope hinterher zu jagen. Nach wenigen Stunden und 8 Jagdversuchen hat er einen leckeren Fleischlieferanten gerissen. Als Löwe weiß er, dass seine Frauen nur 12 Versuche haben, denn danach habe sie keine Energie mehr um erfolgreich zu jagen. Also will er es in maximal 10 Versuchen schaffen. Dafür, dass er nur wenig geschlafen hat und es noch früh am Morgen ist, ist er mit 8 Jagdversuchen ganz zufrieden. Er heult seine Großfamilie zum ausgiebigen Frühstück zusammen, auch wenn es für seine Verwandten viel früher ist, als sie es gewohnt sind.
Sofort nach dem Frühstück pirscht sich Leo Sapiens gut genährt an eine Antilopenherde heran, denn er will es ja den Homo Sapiens gleich tun. Mit vollem Bauch und wenig Schlaf ist die Antilopenjagd deutlich anstrengender. Egal, Leo hält durch und nach dem 10. Versuch reißt er eine kleine Antilope. Stolz legt er seine zweite Beute an diesem Tag vor seine Großfamilie ab. Die erwartete Bewunderung bleibt zu seinem völligen Unverständnis aus. Verdutzt schaut Leo in die große Augen seiner Familienmitglieder und ihm wird bewusst, dass sie alle vollgefressen sind und eigentlich keine zweite Antilope brauchen.
Aber Leo Sapiens wäre nicht Leo Sapiens, wenn er sich nicht zu helfen wüsste. Er schleppt den toten Körper in ein Gebüsch und lagert ihn dort als Vorrat ein. Stolz auf seine intellektuellen Fähigkeiten und seine Leistung beschließt Leo, sich auch am nächsten Tag von den Herden wecken zu lassen und sein Jagdglück am frühen Morgen herauszufordern.
Er ist hoch motiviert und reißt schon beim 5. Versuch ein Tier. Stolz bringt er es seiner Großfamilie und auch heute wird viel früher gefrühstückt als gewöhnlich. Das stört zwar den jungen Löwennachwuchs beim wachsen, doch Leo ist von seinen Taten so überzeugt, dass er sich trotz der Bitten der Löwenmütter davon nichts annimmt.
Auch heute schreitet er nach dem Frühstück ein zweites Mal in sein Jagdgebiet und schon beim 7. Versuch reißt er eine kranke Antilope. Leo Sapiens platzt fast vor Stolz, als er in zwei Tagen seiner Familie das vierte Tier vorlegt. Doch genau wie gestern interessiert es keinen seiner Verwandten und er meint zu erkennen, dass die Bewunderung, die ihm gestern noch von einigen Junglöwen entgegengebracht wurde, heute kaum wahrzunehmen ist. Trotzdem zerrt Leo seine Beute in das Gebüsch.
Beim betrachten seiner gesamten zusätzlichen Beute erkennt er, dass am Kadaver von gestern große Stücke Fleisch fehlen. Sofort rennt er zurück zu seinem Rudel und brüllt wie es sich für den König der Tiere gehört, die Frage in die Steppe: Wer hat von der Antilope gefressen?
Alle seine Untertanen wissen, dass er es löwenmähnen Ernst meint und leugnen keinen Zweck hat. Trotzdem meldet sich kein Tier.
Obwohl er am Nachmittag ziemlich müde wird, denn sein Löwenkörper hat sich noch nicht an so wenig Schlaf gewöhnt, beobachtet Leo wieder die Homo Sapiens. Er errechnet, dass ihre Erfolgsquote bei der Jagt viel schlechter ist als seine. Ihm fällt auch auf, dass der Homo Sapiens nie ruht oder in der Sonne liegt und döst. Die Neuen sind ununterbrochen aktiv. Das fasziniert Leo Sapiens, denn bisher hat er so etwas in der Steppe noch nicht erlebt. Er weiß, dass selbst die fleißigen Insekten nicht mehr als 5 Stunden am Tag außerhalb ihres Baus Blüten sammeln und den Rest des Tages im Bau schlafen.
Beflügelt durch seine unübertroffenen Jagderfolge lässt er sich auch am dritten Tag früh wecken. Nach 8 Jagdversuchen bringt er seiner Großfamilie das Frühstück und schafft es, gegen Mittag nach nur 5 Jagdversuchen eine große Antilope zu reißen. Mit großem Kraftaufwand zerrt er das schwere Tier am Lagerplatz seiner Familie vorbei. Heute verzichtet er darauf, die Anwesenden auf seinen enormen Jagderfolg aufmerksam zu machen. Allerdings kann er es sich nicht verkneifen, vor dem Lagerplatz etwas langsamer zu zerren und seine Anstrengung etwas zu übertreiben. Dabei lünkert er durch seine Königsmähne und bekommt ganz genau mit, wer ihn bewundert und wer sich nicht für seine überlöwenartige Erfolge interessiert.
Im Gebüsch macht er dann eine schreckliche Entdeckung. Auch an dem 2. Kadaver fehlen große Fleischstücke. Abrupt ist von seiner Freude über den heutigen sehr erfolgreichen Tag nichts mehr zu spüren. Statt dessen sitzt Leo mit gesenktem Kopf am Gebüsch und versteht die Steppenwelt nicht mehr.
Er, der durch eigene Beobachtungen der Homo Sapiens gelernt hat, weniger zu schlafen und mehr zu jagen, um seinen Frauen dazu anzutreiben es ihm gleich zu tun, hat den größten Teil seiner zusätzlichen Beute an irgendjemanden verloren. Seine Erkenntnisse, seine Disziplin und seine Jagderfolge haben nur noch völlig zerstörte und fast leere Kadaver erbracht.
Als Anführer des größten Löwenrudels in der Steppe und als König der Tiere ist es seine Pflicht, für dieses Problem eine Lösung zu finden. Beim Nachdenken zerzaust Leo Sapiens sich mit seiner Löwentatze seine Löwenmähne, bis ihm endlich ein brauchbarer Gedanke kommt. Ich darf die zusätzlichen Stunden die ich durch weniger Schlaf gewinne, nicht nur zum Jagen nutzen, sondern muss auch auf meinen Vorrat aufpassen, den ich durch die zusätzliche Jagd anlege. Doch diese Erkenntnis wirft nur ein neues Problem auf und hilft Leo nicht wirklich weiter.
Königlich diszipliniert versucht Leo Sapiens die Schwierigkeit der Vorratshaltung zu lösen, bevor er auf die zusätzliche Jagd geht, um seinen Vorrat zu vergrößern.
Leo hätte nicht den Ehrentitel Sapiens, wenn er nicht nach Stunden des Nachdenkens erkennen würde, dass es nicht funktioniert, mehr Antilopen zu reißen und gleichzeitig den Vorrat zu bewachen. Zusätzlich dämmert es ihm, dass der Vorrat mit jedem durch den Schlafverzicht zusätzlich gerissenem Tier immer größer wird. Denn kein Löwe, kein Junglöwe, keine Löwendame und auch keine Löwenmutter hat Bedarf an diesem Vorrat. Es reicht für die Großfamilie vollkommen aus, was seine Freuen an Beute heran zerren.
Leo nimmt sich vor, vom Homo, dem man seinen Ehrennamen Sapiens inzwischen wieder aberkannt hat, nie wieder etwas zu übernehmen. Leo Sapiens legt sich wieder in seine bequeme Steppensandkuhle schlafen und schläft wieder jeden Tag mindestens 13 Stunden.

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