Zauberspiegel

von Bernd H. Schulz
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In der Mittagszeit ist es voll in dem kleinen Café Mokka in der Fußgängerzone. Angestellte der nahe gelegenen Sparkasse, Rechtsanwälte, Arzthelferinnen und Verkäuferinnen aus den umliegenden Boutiquen trinken einen Österreichischen Mokka und essen einen kleinen Imbiss in ihrer Pause.
Dabei beachtet niemand den alten Mann mit seinem langen dünnen Bart und einem verschlissenen Spitzhut auf seinem Schädel. Ganz aufrecht sitzt der Greis an einem der abgenutzten Kaffeehaustische und schaut mit wachen Augen in den großen alten Spiegel hinter der Theke. Die Ecken des Spiegels sind blind, unten rechts ist ein Sprung im Glas und der goldene Rahmen hat einige Macken.
Der Greis sitzt so, dass er nicht sich in dem Spiegel sieht, sondern die Gesichter der Menschen, die an der Theke ein Stück Torte aussuchen oder bezahlen.
Immer wenn der Alte ein auffälliges Gesicht im Spiegel sieht, hebt er seinen rechten Zeigefinger etwas empor. Im selben Moment ändert sich für ihn das Abbild im Spiegel. Nun sieht er nicht das Gesicht des Gastes, sondern dessen Gedanken.

Da steht die junge Arzthelferin und bestellt mit einem herzlichen Lächeln und funkelnden blauen Augen ein Stück Sachertorte zum mitnehmen in den Feierabend. In den Gedanken der jungen Arzthelferin, erkennt der Alte Sorgen um ihr kleines Mädchen, dass alleine krank zu Hause liegt.
Während die schlanke Dame in dem teuer aussehenden Kostüm und der Gucci-Handtasche an der Kasse wartet, grübelt sie, wie sie nächsten Monat die Miete für den Laden aufbringen soll, denn ihre Boutique macht seit Monaten keinen Gewinn.
Der dynamische Bursche mit der schwarzen Anwaltsrobe über dem Arm, drängt sich etwas vor und hat es eilig. Nur der Greis sieht dessen verworrenen Gedanken, die vom Selbstzweifel zernagt sind.
Bei dem freundlichen Burschen im dunkelblauen Anzug mit einem ledernen Aktenkoffer und einer teuren Armbanduhr, nimmt der Zauberer die Spuren wahr, die die Unterschlagung der Treuhandgelder letzte Woche hinterlassen haben.
Ein kleines Mädchen mit einem Puppengesicht und blonden Locken zeigt auf ein Stück Torte, das sie gerne hätte. Die Verkäuferin sieht in das Puppengesicht, doch nur der greise Zauberer sieht die Brandnarben unter der Schminke und der Perücke.
In den Gedanken des Glatzkopfes, der schnell von der KoBA herüber gelaufen kam, erkennt nur der Alte die lähmende Angst vor einer Panikattacke.

Schon seit über 800 Jahren beobachtet der Zauberer Merlin die Menschen in seiner Umgebung. Und inzwischen ist er sich ganz sicher: absolut jeder trägt eine Maske und baut sich eine Fassade auf.

Doch wird sind keine Zauberer und können das Spiegelbild nicht umändern. Wir sehen die lächelnde Arzthelferin und denken: so ein fröhliches Mädchen, die hat es gut und jetzt Feierabend. Wir sehen den jungen Anwalt und werden vielleicht neidisch, denn wir machen uns als Handwerker die Hände dreckig. Wir sehen die gut gekleidete Dame und denken, ein eigenes Geschäft müsste man haben. Wir blicken gerne in das Puppengesicht des kleinen Mädchens und denken, dass sie mal eine besonders schöne Dame wird.
Wir können die Menschen nur so sehen wie die es mit ihrer Fassade beabsichtigen. Wir können nur sehen was wir sehen sollen.

Wir spiegeln uns in der glänzenden Fassade und denken, dass es hinter der Fassade genau so glänzt. Ein bisschen neidisch ziehen wir den Schluss, dass es demjenigen besser geht als uns und derjenige das hat, was wir vermissen. Doch wer vergleicht, verliert!
Sei dir sicher, auch wenn jemand mit einer noch so glänzenden und spiegelnden Fassade daher kommt: hinter jeder Fassade sind Spuren von Unfällen im Leben. Und vielleicht spiegelt die Fassade nur deshalb so stark, weil der Träger besonders bemüht ist, seine Narben, Ängste und Zweifel zu verkleiden.

Veröffentlicht / Quelle: 
Zeitschrift datt-is-irre Heft 73 April 2018
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