Auch Klaviere sind nur Lügner

von Lothar Peppel
Mitglied

Wäre ich ein Orakel, ich wäre ein unbeliebtes.
Denn frohe Botschaften wollen mir partout nicht über die Lippen fließen, wie mein Speichel beim Blick in das Schaufenster eines Schlachters. So geschehen vor wenigen Tagen, als das Jammertal von Gesicht von Kollegin X. bedenklich nah in Reichweite meiner Schulter kam, und dessen dazugehörige Stimme, gequetscht von Sorgen und Pein, folgende Frage an mich richtete: "Ach, was wird mir wohl die Zukunft bringen?" Und ich fühlte mich berufen ihr zu sagen: "Liebe X., gern plaudere ich aus, welche Zukunft dir beschieden ist. So höre: Du wirst älter. Du wirst kränker. Und Dich fickt keiner mehr."
Und als wären meine Worte Äxte, sackte Kollegin X. in sich zusammen, als hätte ich ihr verbal die Unterbeine amputiert. Doch hätte ich der Waden wegen lügen sollen? Hätte ich ihr auf fälschliche Weise offenbaren sollen: "Ja, Du wirst an jedem dritten Samstag im Monat jeweils 2 Millionen Euro im Lotto gewinnen. Und ein bronzehäutiger Prinz mit einem Gemächt wie ein Lipizzaner wird Dich als Hauptfrau erwählen und Dir multiple Orgasmen bescheren, zahlreich wie die Sandkörner in der Wüste Gobi. Und Krankheit und Alter sind abgetakelte Fregatten, die niemals an deines Leibes Gestaden Anker werfen werden."
Natürlich wären die nächsten ihrer Tage nun in ätzendes Licht getränkt. Doch wie groß die Enttäuschung, wenn sie denn einst feststellen muss, das Orakel, das dumme Schwein, hatte sie belogen. Denn just als Seniorin wird ihr klar, verlustreich ist ihr Glücksspiel stets gewesen. Und der bronzehäutige Prinz mit Pferdeschwanz war nur ein Angestellter des Öffentlichen Dienstes mit Pigment-, sowie Erektionsstörungen. Und den Fregatten namens "Krankheit" und "Alter" ist sie seit Jahren Heimathafen.
Zu groß also die Verantwortung in mir, der Verdacht, nie wieder nächtens meinen Augen schließen zu können, ohne in meinen Träumen von Dämonen zu illusionieren, die mich mit der Siebenschwänzigen peitschen, wegen orakelischem Meineid. Oder es ist mehr die Angst, man hetzt mir, dem Architekten eines Wolkenkuckucksheimes, auf dessen Türschild "Kollegin X." zu lesen ist, gewiefte Junganwälte an den Hals, die meinem Schlaf die Tiefe nehmen werden, in der nur Jene mit Rechtschutzversicherung schlummern dürfen.
Vertrackte Situation. Denn wem nützt ein Lügengespinst, dass die Zeit doch unbarmherzig mit ihren kräftigen Händen zerreißt?! Und doch will jeder gern belogen sein. Alles wird besser. Alles wird gut. Ja ja. Doch ich, ich nehme die Last auf mich. Ich bringe das Opfer, Frühstücks-, sowie Mittagspausen allein an 20-Personen-Tischen zu verbringen. Man stellt sich lieber mit der Suppe auf der Faust, als sich neben Einen zu setzten, der einem die Suppe namens Lebens mit locker gestreuten Sprüchen versalzt. Wer will schon hören, dass auch er einmal die Gebrechlichkeit sein eigen nennen wird. Selbst Johannes Heesters scheint ja noch zu glauben, er wäre wohl einst in einen schlecht abgedeckten Jungbrunnen gefallen. Hätte ich die Gelegenheit, so würde ich ihm gerne sagen wollen, ganz gleich an welches Klavier man ihn auch lehnt, ob Steinway oder Sperrmüll, es ist nur hölzerner Stützstrumpf eines auf tönernen Beinen stehenden Lebens.
Denn auch Klaviere sind nur Lügner.

(2005)

Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.

Interne Verweise

Mehr von Lothar Peppel online lesen