Gott und der liebe van Gogh

von Alf Glocker
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Van Gogh saß im Weizenfeld und beobachtete die Raben … er malte sein letztes Bild. Viele Bilder, die vielen, die er schon gemalt hatte und welche die er noch malen könnte, gingen ihm durch den Kopf, doch dann schob sich eine gewaltige schwarze Leere an die Stelle der noch nicht gemalten Bilder und Gott kam ihm in den Sinn.

Er wusste, daß Gott die Welt erschaffen hatte, damit er (van Gogh) sie empfinden und malen konnte: eine Welt in satten, leuchtenden Farben, in Farben, die sein (van Goghs) leuchtendes Inneres widerspiegeln konnten. Seltsame Wege war er bis hierher gegangen, und immer war Gott mit seinen Farben bei ihm gewesen. Er tröstete ihn mit Kreativität und er zeigte ihm, wo‘s langging.

Die Strecke war steinig, doch wundervoll anzusehen, bei Tag und Nacht – wo sogar die Sterne vor van Goghs Augen deutliche Kreise zogen – er, van Gogh, vermochte hinter die Wirklichkeit zu blicken. Und hinter dieser Wirklichkeit war er nicht alleine, wie in der Wirklichkeit selbst – da war Gott bei ihm, weil er ihm immer neue Sensationen präsentieren wollte.

Van Gogh zeigte sich mehr oder weniger zufrieden, wenn er, unter der Anleitung Gottes, malen durfte, bis ihn die Kräfte verließen. Deshalb schrie er, aus seinem Glück, in den Kreis der sich drehenden Sterne hinein: „Gott, du hast mich nicht verlassen, aber ich verstehe dein Wirken so wenig wie die Menschen das meine verstehen!“

Da sandte Gott ihm ein Zeichen: Er schlug ihm ein Ohr ab! Dann ließ er ihn ziellos durch die Straßen irren und ihn, trotz großem Blutverlust überleben. Denn van Gogh hatte noch ein wenig zu tun. Sein eines Bild, das einzige, das er zu Lebzeiten verkaufen sollte, war noch nicht in den Besitz dieses Barmherzigen übergegangen, der damals den Mainstream verletzte …

Doch der liebe van Gogh vertraute auf Gott und schuf zu seinen (zu Ehren Gottes) noch eine ganze Anzahl herrlicher Zeugnisse seiner Sicht auf die Welt, die jedoch keine Einsicht in ihre Gegebenheiten war. Er sagte sich, Gott ist viel größer als die Dummheit einer Zeit, in der ich (noch) nicht vorgesehen bin. Und er sollte Recht behalten!

Denn eines schönen Tages trat Gott zu ihm, gab sich erkennen und herrschte ihn an: „Mein Lieber van Gogh, ich werde dir beweisen, daß es mich nicht gibt, denn ich werde nicht aufhören, dir gehörige Lektionen zu erteilen, damit du begreifst, daß du falschen Vorstellungen erliegst – ich bin nicht der Gott deiner Träume, sondern der Gott der (sur)realen Zustände."

Van Gogh aber konnte zwischen seinen Farben und den „realen Zuständen“ nicht unterscheiden. Für ihn war er, van Gogh, ein Mensch, der an einen lieben Gott glauben wollte, an ein höheres Wesen, dem man grundsätzlich und nicht nur insofern vertrauen durfte. Und da hatte der liebe Gott ein Einsehen mit Van Gogh …

Als der Maler mit dem Bild „Weizenfeld mit Raben“ fertig war, ließ er es gut sein mit seinen Lektionen. Er erbarmte sich des Künstlers und gab ihm eine Pistole in die Hand. Van Gogh lächelte unglücklich, sah in die Zukunft und erkannte dort, nach einer Spanne des Nichts, einen van Gogh, der Millionen einbrachte und sich post mortem bestätigt sah. Dann drückte er ab …

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Kommentare

12. Dez 2019

Eine gute Geschichte gleicht einem Gemälde, das viel zu ERZÄHLEN hat.
HG Olaf